Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 49 (6.11.1895)
- Date
- 1895-11-06
- Page
- Seite 795 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49. Allgemein Israelitische Wochenschrift. Seite 795. die Berufer und ihr System, das deu Kultus zu einer Verwaltungsangelegenheit macht. So lange dieses System befolgt wird, so lange wird kein Mann von Ruf dem Rufe nach Berlin folgen. Ist irgendwo ein Gelehrter von Bedeutung auf theologischem Gebiet — so kommt er sicher nicht nach Berlin, wo nicht das Laientum von ihm Belehrung verlangt und im Einverständnis mit ihm zu wirken verlangt, sondern die Ignoranz ihm Vorschriften machen und das Konzept korrigieren will. Deshalb ist es unbedingt erforderlich, daß die Berufungsbedingungen geändert werden, daß der Rabbiner, den die Gemeinde Berlin sich wählen will, außer den üblichen Kompetenzen auch eine ausreichende Kompetenz auf dem Gebiete der Kultuseinrichtungen erhält. Der Rabbiner, den man uns wühlt, soll der Rabbiner unserer Wahl, der gewählte Rabbiner aber soll unser geistlicher Führer fein. (Schluß folgt) Die Sünden der pter. Von Dr. S. Bernfeld. Es wird nachgerade Zeit, daß wir Juden eine gründliche Umwertung vieler herrschenden Begriffe und Meinungen vornehmen, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, gleich den Karotten, welche vom jüdischen Stamm abgesplittert und einer geistigen, später auch einer psychischen Verknöcherung verfallen sind, in das Stadium der Degeneration zu verfallen. Wir haben viele Schlagwörter aus dem politischen Leben auf unser inneres und geistiges Wesen übertragen und in dem sinnlosen Nachsprechen solcher Phrasen sind wir auf den besten, oder richtiger gesagt, auf den schlimmsten Weg geraten die Grundideale des Judentums zu verlieren. Ich will mich über die Begriffe von „Liberalismus", Konfessionslosigkeit und dergl., welche im öffentlichen Leben eine so große Rolle spielen, nicht hier äußern, da dies Blatt nur rein jüdischen Fragen gewidmet ist; aber wir dürfen nicht einen Punkt aus den Augen verlieren, daß nämlich in der herrschenden Kirche das kirchliche Element stark mit dem politischen verknüpft ist: die kirchlichen Fragen der herrschenden Konfession sind zugleich Machtfragen von der größten politischen Bedeutung. Bei uns Juden ist dies nicht der Fall; wir können und wollen keinen Zwang ausüben, und es handelt sich nur darum, wie weit wir Opfer zu bringen imstande sind, um das Judentum zu erhalten; denn darüber sind wir uns doch alle klar, daß unser Glaube ohne große Opfer nicht erhalten werden kann. Es giebt eine große Zahl von Männern in unserer Mitte, bic__ in der leidigen Halbbildung einige Schlagwörter aufgegriffen und mit diesen herumwirtschaften, um das Judentum zu veröden. Es ist dies um so gefährlicher, als jene Schlagwörter im politischen Leben vielleicht ihre Berechtigung zum Teil oder ganz haben. Wenn wir auf d'.e Verödung und Dekadence des modernen Judentums Hinweisen, so werden wir als Rückschrittler, als Orthodoxe, als Reaktionäre und „Positive" bezeichnet. Man vergißt aber, daß wir den weltlichen Büttel nicht zur Verfügung haben und auch keine Sehnsucht nach demselben empffnden. Aber wir wollen im Interesse der menschlichen Kultur das Judentum erhalten, das wir als eine Hauptgrundlage der menschlichen Gesittung betrachten. Wie weit der Jude in seinem Privatleben das Judentum bethätigen will und kann, hat ein jeder mit sich selbst abzumachen; wir mischen uns nicht in das Privatleben unsrer Glaubensgenossen und maßen uns nicht an, ein Richteramt in Religionssachen in Israel auszuüben. Unsere Aufgabe ist nur, zu beweisen, daß es sich wohl mit dem modernen Leben, mit den modernen Weltanschauungen verträgt, dem Judentum Achtung zu zollen, und daß wir keine Finsterlinge sind, wenn wir gegen das seichte Nivellieren von Seiten der kopflosen Schwätzer unsere Stimme erheben. Möge man noch so den Mund voll nehmen von Fortschritt, Liberalismus und Aufklärung der neuen Zeit: klar denkende Menschen, die sich nicht auf das niedrige Niveau des sinnlosen Nachsprechens Herabdrücken lassen wollen, werden, wenn sie anders verstehen, die Geschichte zu lesen und den Entwickelungsgang der menschlichen Kultur zu beobachten, zugeben müssen, daß die Tradition die beste Grundlage der Zivilisation ist und daß, wenn wir diese mißachten, um selbstgeschaffenen Götzen nachzulaufen, Moral und Sitte dadurch in ein Chaos geraten. Der bekannte Bibelkritiker Buhl meint an einer Stelle sehr treffend mit Bezug auf die Textkritik der biblischen Schriften: Unter allen möglichen Texten ist der masoretische der beste, der für sich die Tradition hat. Ich möchte dieses treffliche Wort auch auf die Kritik der bestehenden Moralbegriffe übertragen: unter allen möglichen. und vorgefchlagenen Moralideen sind diejenigen die besten, welche durch Geschichte und Tradition sich bewährt und als Grundpfeiler der Kultur sozusagen ihren, Befähigungsnachweis erbracht haben. Hören wir, was in dieser Beziehung der große Historiker Taine gesagt: „Das erbliche Vorurteil ist eine Art Vernunft, die sich selbst nicht kennt; es hat dieselbe Berechtigung wie die Vernunft selbst .... Wenn man die Tradition genau beobachtet, so findet man, daß ihre Quelle, gleich jener der Wissenschaft, in einer langen Reihe von Erfahrungen besteht; nach einer Menge von schwankenden Versuchen sind die Menschen dahin gelangt, zu fühlen, daß eine bestimmte Art zu leben oder zu denken sich allein für ihre Lage eigne oder am nützlichsten und praktischsten sei. Das Regiment oder das Dogma, das uns heute als willkürliches Uebereinkommen erscheint, war einst eine anerkannte Maßregel zuin öffentlichen Heil und ist es oft noch heute; wenigstens ist es noch heute in seinen großen Zügen unentbehrlich, und man kann mit Bestimmtheit behaupten, daß in einer Gesellschaft, in der die Hauptvorurteile plötzlich verschwinden würden, der Mensch — des kostbarsten Vermächtnisses, das ihm die Weisheit der Jahrhunderte hinterlassen, beraubt, — in einen wilden Zustand zurückfallen und wieder das sein wird, was er früher war: ein unruhiger, hungriger, nomadisierender, verfolgter Wolf .... Kein Menschenfleisch zu essen, die unnützen oder unbequemen Greise nicht zu töten, der Monogamie' zu huldigen, die Blutschande und die andern unnatürlichen Laster zu verabscheuen, ein eigenes Gut als anerkanntes Eigentum zu besitzen, die höhere Stimme der Scham, der Menschlichkeit, der Ehre und des Gewiffens zu beachten — alle diese einst unbekannten und darum nur langsam zustande gekommenen' Moralbegriffe bilden die Zivilisation der Seele; und nicht nur, daß sie dadurch, daß wir sie vertrauensvoll annehmen, nichts an ihrer Heiligkeit verlieren, sie gewinnen sogar noch daran, denn wenn man sie einer Prüfung unterzieht und historifch beleuchtet, erkennt man sie als die geheime Kraft, die aus einer Viehherde eine menschliche Gesellschaft gemacht hat." Das sind beherzigenswerte Worte eines epochemachenden Historikers, die ans unsere Verhältnisse übertragen, an Bedeutung noch gewinnen. All dasjenige, was