Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 49 (6.11.1895)
- Date
- 1895-11-06
- Page
- Seite 794 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 794. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. verdummst und versumpft? Ist denn Gott nicht mächtig genug, mit wenigen gegen viele zu Helsen, wenn die erstem redlich ihre Pflicht thun? Es wird von ihnen nicht verlangt, daß sie mit Schwert und Speer sich dem drohenden Feind entgegenwersen, aber sie sollen sich solidarisch mit der Gesamtheit erklären und bei veränderter Schlachtstellung auf die zweckdienlichen Mittel sinnen helfen. Der feigen Ueberläufer käufliche Seelen, die um ein Linsengericht ihr Erstgeburtsrecht verkaufen, für dessen Erhaltung sie keinen Beruf und keinen Opfermut in sich fühlen, haben wir die Fülle, aber — keine Makkabäer. Der Midrasch erzählt, daß zur Zeit, als Gott sich offenbaren wollte, die höchsten Bergesspitzen sich hinzudrängten, daß von ihnen das Licht ausgehen sollte, welches bestimmt war, das Weltall zu erleuchten. Weil aber ans ihnen Altäre sich erhoben, auf welchen den Götzen geopfert wurde, deshalb wurden sie verschmäht. — Einst, ihr Spitzen in Israel, habt auch ihr dem wahren Heiligtums euch entfremdet, und kein Heil ist uns von euch gekommen. Jetzt ist es Zeit, euch zu rehabilitieren, jetzt drängt euch heran, werdet Männer und arbeitet rastlos, vielleicht ist es euch vergönnt, den Moment herbeizuführen, in denen euch eure Makkabäerkämpfe gelohnt werden, daß ihr mit reinen Händen für Jsreal und die Menschheit das Weihelicht anzünden werdet. Hüllet euch nicht in den Mantel der Unschuld, indem ihr vorgebet, daß Gott euch schon gestraft hätte, wenn ihr gefehlt hättet. O nein, der Talmud (Sota 9 a) sagt, daß Gott die Großen erst dann straft, wenn ihr Maaß voll ist. Wartet diesen Zeitpunkt nicht ab, sondern gebet Gott die Ehre, bevor es dunkel wird, Roch ist es nicht zu spät; unsere Weisen sagen, daß es für ein Kind nie zu spät sek, und es niemals zu erröten brauche, reuig zu seinem Vater zurückzukehren. Ermannet euch und zeiget, daß der Geist der Makkabäer im Judentum noch nicht erstorben ist, stellet euch zwischen die Toten und den Lebenden, und gebietet dem Fortschreiten der gräßlichen Seuche Einhalt. „Ein jeder Mensch kann irren. Im Irrtum verharren kann nur der Unsinnige!" Pr. M. Dir Radbiiiernilihl in llerlin. Von M. A. Klausner. I. Nachdem Herr Dr. Ungerleider, der sechsundzwanzig Jahre lang in Berlin gewirkt, sich hat pensionieren lassen, ist das hiesige Rabbinat in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung vor weiteren Verlusten geschützt. Die Gemeindeverwaltung, die seither eine so glückliche Hand gehabt, ist darüber aus, die Lücke auszufüllen. Viele Bewerber haben sich gemeldet. Sie müssen nicht ganz übel gewesen sein, denn sie sind a limine zurückgemiesen worden. Drei andere, die sich nicht gemeldet, sind in Aussicht genommen. Wer diese Auserwählten sind, weiß außer den mit der Auswahl Betrauten niemand. Nur eines darf man mit Sicherheit annehmen: sie werden wenigstens räumlich weit her sein. Das ist etwas, wir geben es zu, aber es ist nicht genug. Die Gemeinde Berlin ist schon durch ihre Größe zu weniger bescheidenen Ansprüchen berechtigt, als ihr Vorstand an den Tag legt, wenn es die Wahl eines Rabbiners gilt. Sie darf eine Sommitüt als ihr geistliches Oberhaupt verlangen. Diejenigen Gemeindemitglieder selbst, die den Rabbiner weder, als Seelsorger noch sonst bemühen, werden einen nicht unberechtigten Stolz darein setzen, einen dekorativen Mann an der Spitze und als Vertreter ihrer Knltuseinrichtungen zu haben. Wer als" Rabbiner nach Berlin kommt, steigt auf ein sehr hohes Piedestal — er muß schon recht stattlichen Wuchses sein, wenn er dort nicht verschwinden soll. Das weiß unser Vorstand auch sehr gut, und seinem eigenen Urteil über die von ihm selbst berufenen Rabbiner hat er durch die Erklärung Ausdruck gegeben, daß wir ein Rabbinat überhaupt nicht hätten. Das war ein hartes Urtheil, aber es war gerecht. In der That hat sich unser Rabbinat der eigentlichen rabbinischen Funktionen — freiwillig oder nach kontraktlichem Zwang — begeben. Die Seelsorge ist ihm durch die wunderliche Einrichtung unmöglich gemacht, daß die Verpflichtung, von Synagoge zu Synagoge zu ziehen, heute zu Orthodoxen, morgen zu Neologen zu sprechen, die Rabbiner hindert, innige und dauernde Beziehungen zu ihren Hörern zu gewinnen, die auf diese Weise nie ihre Gemeinde werden können. Sie sind nicht geistliche Funktionäre, sondern Glieder eines Verwaltungskörpers, und deshalb üben sie — sie können gar nicht anders — den Kanzeldienst wie einen Kanzleidienst aus. Von ihrem eigentlichen Bethätigungsgebiet ist ihnen außer gottesdienstlichen Hilssfunktionen und dem unentbehrlichen Beistand bei privaten Anlässen nichts geblieben als die Predigt. Man mag nun die Wirkung einer Predigt noch so hoch schätzen, sie kann für sich allein nicht ausreichen. Der „gute Redner" reißt hin, aber die Gefahr ist nicht abzuweisen, daß schließlich alles Gewicht nur hierauf gelegt wird und die besten Kräfte des Rabbiners brach bleiben. Der Witzling hatte so Unrecht nicht, der meinte, zwischen einem alten Raw und einem modernen Rabbiner sei derselbe Unterschied wie zwischen der alten Pfeife und der neuen Zigarrenspitze: zu jener gehöre ein Kopf, für diese genüge ein Mundstück. Und wenn das Mundstück, um im Bilde zu bleiben, schadhaft wird — was bleibt dann übrig? Wir haben die Beispiele vor uns. So mancher kam zu uns und pfiff — eine fremde Weise, und erst nachdem er sich hier niedergelassen, zeigte sich, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Der Eine, der es mit seiner Ausgabe ernst nimmt, so ernst, daß er jedes Wort vor dem Spiegel übend dem Gedächtnis einprägt, hielt die Totenfeier für den geeignetsten Anlaß, durch Leugnung des Jenseits seine Aufklärung hell und grell zu beleuchten. Der Andere bekundete am dteujahrstage die Tiefe seiner philosophischen Bildung durch die pathetische Versicherung, daß „die Geschichte keine Zeit kenne." „Lieber Gott", rief in der Predigt zum Schlußgebet des Versöhnungstages ein Dritter, „nun wollen wir einmal ein vernünftiges Wort mit einander reden!" Das Gebet muß nicht mit der erforderlichen Innigkeit gesprochen morden sein, denn bis zu dieser Stunde hat sich seine Erfüllung an dem Prediger wenigstens in seiner anitlichen Thätigkeit nicht gezeigt. Das ist ohne Vorwurf gegen die Personen gesagt. Sie geben her, was sie haben. Mehr kann man nicht von ihnen verlangen. Hätten sie aber mehr, so wären sie zu bedauern, weil ihre Berufung ihnen verbietet, davon ihrem Berufe gemäß Gebrauch zu macheu. Nicht die Personen der Berufenen tragen Schuld, soudern