Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 49 (6.11.1895)
- Date
- 1895-11-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Io. 49. Jahrgang IV. Herausgeber A. Levin, 53erfin. (Itt £ttt |?f tt t Nerkin, 6. Jovemßer 1895. Jefchnrutt. Bezugspreis: viertekjährk. 2 Wk. Erscheint an jedem Areitag. Mezugspreis für das Anstand: Mir. 2,5V. Zu beziehen durch die Post, _unsere Expeditionen und den Buchhandel Htedaktion und Vertag: <&r. Kamöurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Vf», nehmen alle Annoncen-Lxpeditionen sowie unser Bureau entgegen. JntjaU: Sind die Makkabäer ausgestorben? Von Dr. Ai. Zur Rabbinerwahl in Berlin I. Bon M- A. Klausner. Tie Sünden der Väter. Von Dr- S. Bernfeld. Unsere Rabbiner. Väter und Sölme. Von M. Scherbel. Aus Alt-Berlin. Der Talmud V. Von Dr. Hochmuth. Die letzte Marter- Zahn um Zahn. Wochen-Chronik. — Kalender — Anzeigen. Kind die MMMer aiisgfftorbcu? Im Gemeindewie im Gesellschaftsleben empfinden mir die Wahrheit des Berichtes, daß „die Nachkommen Korahs nicht gestorben sind." Sie bilden den Sauerteig im jüdischen Leben und sorgen dafür, daß es an Nährungsstoff — manchmal sogar ein bischen zu viel — uicht fehle; sie find aber nicht inlmer millkonnnen, weil sie die Eigentümlichkeit haben, sich dann am meisten bemerkbar zu machen, wenn es den Betroffenen anr unangenehmsten ist. Sie stiften viel Unheil, aber um des Segens willen, den sie bewußt und unbewußt im Gefolge haben, wollen wir diese geistigen Nachkommen Korahs, den sich ein Moses sogar hat gefallen lassen müssen, gern in den Kauf nehmen, zumal die Erregung von Unzufriedenheit nicht im Lager Israels allein heimisch ist, sondern alle Gesellschaftsklassen davon durchsetzt sind. Wir lassen sie uns gefallen, stolz aber sind wir auf sie durchaus nicht. Zwei Jahrtausende lang aber war Israel ein Volk von Helden, ja es hat den höchsten Grad des Heldentums erlangt : das Martyrium, das nicht immer dem Geschmack der modernen Helden entsprechen würde. Allen Drohungen und Verfolgungen gegenüber haben unsere Väter und Mütter die Heldenfahne geschwungen mit der unsichtbaren Inschrift Juda Makkabi's: „Wer ist gleich dem Ewigen, keiner gleicht ihm unter den Göttern" — und sie sind im Hinblick auf den Stolz Israels, auf die glorreichen Makkabäer selbst solche geworden. Wo ist der Stolz Israels? Warum fehlt es uns heute an Makkabäern, da wir ihrer viel mehr bedürften als zu allen Zeiten, weil der innere Glaubensmut nicht mehr so kräftig wirkt wie früher? Wir brauchen sie gegen den Feind im Innern und gegen den, welcher in allen Formen von außen gegen uns hereiubricht und den Ast absägen will auf dem wir sitzen, aber — pe sind nicht da. Der Jndifferentismus macht sich immer breiter in Israel und fängt sogar an als berechtigter Faktor Berücksichtigung zu beanspruchen, und wir, die wir uns gebrüstet haben, ohne, ja trotz aller staatlichen Machtmittel, die heilige Flamme in unserm religiösen Leben unterhalten zu haben, wir sehen bange in die Zukunft, wenn uns der Staat nicht ein wenig zu Hilfe kommt. Wo sind die begeisterten und begeisternden Führer, welche das religiöse Feuer zu erwecken und zu erhalten verstehen, bis das neue natürliche Oel derwahren religiösen Werkthätigkeit sich wieder gesunden hat, bis jedermann in Israel wiederum auf seinen priesterlichen Beruf sich erinnert, für die Bereitung dieses Oeles auch selber thätig zu sein? Auf fremden Altären opfern sie, von dem letzten Rest ihres Rückgrates suchen sie Oel zu gewinnen, um — Weihnachtsbüume anzuzünden, für das bescheidene Chanukka-Lichtlein haben sie keinen Stoff, für die innere Weihe kein Gefühl, kein Verständnis und darum auch kein Verlangen darnach. Aus der anderen Seite haben wir Zeloten genug — Fanatiker, welche jeden Andersdenkenden verketzern, jede geringste religiöse Gesetzesübertretung mit Härte ausrotten, und den Uebertreter mit Stumpf und Stiel vernichten möchten. Sie sind aber keine Priester, von denen der Prophet sagt H2&" ins ’nsir, die Li pp e n des Priesters sollen mit sanften Worten belehren, durch freundliche Ueberredung wirken und so eine bessere Zeit herbeiführen. Eiferer haben wir, aber keine Makkabäer, die das Schwert für den Feind von außen haben zur Besserung im Innern, aber mit priesterlicher Weihe sich umgeben. Und wie sieht es mit unseren Vorkämpfern aus, welchen den äußern Feind besiegen sollen? Um kein Haar besser! Die Männer, welche wir unsere „Großen" nennen, sind der Selbstsucht anheimgefallen, und doch haben sie zu den Flammen, die uns zu verzehren drohten, die ersten Scheite geliefert. Wir sind weit entfernt, dem entbrannten Kampfe gegen uns, gegen unfern Bestand und gegen unsere Heiligtümer auch nur die geringste Berechtigung zuzugestehen. Aber wer hat denn den allgemeinen Neid und die unliebsame Aufmerksamkeit aus uns gelenkt? Wer anders, als jene Vornehmen, welche vielfach gesündigt haben, wofür die große unschuldige Menge allein büßen muß — die Menge, die im breiten Thale allen Angriffen ausgesetzt ist, während jene auf ihrer Höhe sich geborgen wähnen und um die in der Niederung sich nicht kümmern? Ist denn jeder Tropfen des Makkabäerblutes in ihnen