Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-29 · 48 (29.11.1895) · p. Seite 789

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
Seite 789 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9609095--0948-9609112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 48. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 789. — Herr Eugen Kahn in Paris, Adjutant in der Marine- Infanterie, hat die Militärmedaille erhalten für „glänzende Leistungen in dem Gefecht bei Andibra, Madagaskar." — Das Konsistorium von Paris hat Herrn Julius Frauck, bis jetzt Chormeister an der Synagoge in der Rne Notre Dame de Nazareth, zum Musikdirektor der Synagogen gewählt, womit die Chorleitnng an der Hauptsynagoge in der Nue de la Lietoire verbunden ist. Herr Franck gehört zu den Solisten des Orchesters der großen Oper. -- Französische Journale melden von einem wichtigen Fund der neulich in Lyon gemacht worden ist. Es bandelt um handschriftliche Bibel-Fragmente ans dem sech sien Jahrhundert. Bisher besaßen wir nur solche aus dem achten und dem neunten Jahrhundert, ans der nach masoretischen Zeit, während im sechsten Jahrhundert weder Vokalisation noch masoretische Feststellung des biblischen Textes vorhanden war. Bibel-Fragmente aus jener Zeit würden daher für die Bibelkritik von der größten Bedeutung sein. Daß in christlichen Kreisen diesem Funde das weitgehendste Interesse entgegengebracht wird, wissen wir; wird sich aber vielleicht auch unter Juden jemand dafür interessieren? In der Bibelkritik, Kenntnis der hebräischen Sprache, Erforschung von Palästina und ans manchem anderen jüdischen Gebiete sind uns christliche Forscher bei weitem voraus; es wäre doch gut, wir würden nach dieser Beziehung etwas mehr Ehrgeiz bethätigen. — Herr Adolph Reitlinger, ein Bayer von Geburt und ein Franzose durch „Adoption" ist im Alter von 56 Jahren in Paris gestorben. Jnl frühen Mannesalter kam Reitlinger nach Rew-Pork, wo er ein Export-Geschäft begründete, welches eins der bedeutendsten in den Ver. Staaten wurde. Er gründete später eine Zweigniederlassung seines Geschäfts in Paris (wohin er infolge seines delikaten Gesundheitszustandes zurückkehrte), und seine energischen Bemühungen, die Handelsbeziehungen zwischen Frankreich und der Ber. Staaten zu kräftigen, gewannen ihm den Dank der französischen Regierung, die ihn zum Ritter der Ehrenlegion ernannte. Als sein Gesundheitszustand ihm nicht länger gestattete, sich selbst dem Handel zu widmen, suchte Reitlinger in der Ausübung hochherziger Wohlthätigkeit und in der Pflege der schönen Künste Erleichterung und Ersatz für seine physischen Leiden. — Sir Samuel Nt ontagn. Mitglied des englischen Parlaments, hat dem Ausschüsse des „Whitechapel liberalen und radikalen Vereins" mitgeteilt, daß er nach Schluß des gegenwärtigen Parlaments eine Wiederwahl nicht amiehmcn werde. Auch bei der letzten Versammlung des Vorstandes des Synagogcn-Bundes gab er seinen bevorstehenden Rücktritt vom Parlament kund. — Einige Administrationen der zentralen Gouvernemenrs Rußlands halten an der Ansicht fest, daß sich die jüdischen Handwerker außerhalb des Rayons ihrer Ansässigkeit nur mit der Spezialität beschäftigen dürfen, in der sie eine Prüfung an den Handwerksäintern im Rayon ihres permanenten Wohnortes bestanden haben. Der dirigierende Senat ist indessen zur Ueberzeugung gelangt, daß die Juden aus Grund der bestehenden Gesetze'berechtigt sind, auch außerhalb desjenigen Gebietes, in welchem ihnen der beständige Aufenthalt nicht gestattet ist, sich an einem beliebigen Handwerksamte einer Prüfung zu unterziehen und ein Attestat zu erhalten. ~ Infolge einer seitens der Gouvernements - Landschaft von Jekaterinosslaw gegebenen Anregung der Frage wegen Unterstellung der örtlichen jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien unter eine Gesamt-Administration auf der Basis der für die deutschen Kolonien des Kreises Mariapol bestehenden, hat das Ackerbauministerium gegenwärtig erklärt, daß die betreffende Maßregel nicht früher eingesührt werden könne, bis die vom Ministerium geplanten Maßregeln für genannte Kolonien zum Gesetz geworden sein werden. - Aus Persien wird berichtet, daß der Schah im nächsten Jahre wieder eine Reise nach Europa unternehmen will. Er soll von seinem ältesten Sohne und Erben, Mnzzafar Eddin, Gouvernenr mehrerer Provinzen, begleitet werden, der durch Wort und That bewiesen hat, daß er ein aufrichtiger Freund der Inden ist. In einer Unterredung, die er mit den Kämpfern der jüdischen Gemeinde zu Tabriz hatte, gab Mnzzafar Eddin zu verstehen, daß er während seines Aufenthaltes in Paris und London die Gelengenheit wahrnehmen wolle, um die „Alliance Israelite Universelle“ und die „Anglo- Jewish Association“ zur Errichtung von Schulen für ihre Glaubensgenossen in Persien aufzusordern. — Ein deutscher Jude hat von der persischen Regierung die Erlaubnis zum Ban einer Bahn von Teheran nach Bagdad erhalten, ferner zur Einrichtung eines Transportdienstes zwischen den beiden Städten und außerdem die Erlaubnis zum Bau und Betrieb einer zehn Meilen langen Dampf- oder elektrischen Bahn von Teheran nach den nördlich von der Hauptstadt gelegenen Ortschaften. — Der italienische Unterrichtsminister hat eine Jüdin, Signora Noemi Levy, zur Hauptlehrerin an der Mädchenschule in Alexandria ernannt, welche von der italienischen Negierung unterstützt wird. Da Signora Levy ein Staatsamt bekleidet, wurde sie bei ihrer Ankunft in Aegypten von dem italienischen Konsul in Alexandria und von den vornehmsten Mitgliedern der italienischen Kolonie empfangen. Sie ist Verfasserin eines Handbuchs der italienischen Litteratnr. -- Tie Häupter der jüdischen Gemeinde zu Fez haben, unterstützt von dem Hanptlehrer der Alliance Israelits-Schule haben wirksame Maßregeln gegen eine Invasion der Cholera ergriffen, die Tanger und Tetnan heimgesucht hat. Unter den Maßregeln, die nicht direkt sanitären Charakters sind, war auch die Einrichtung einer Volksküche, wo der Arme zu jeder Tageszeit gesundes Essen und gekochtes Wasser erhält. Das Blatt „Tangier Chronicle and Marocco Gazette“ sagt bei einer Besprechung der Handlungsweise der Juden von Fez: Daß Bildung und Wissen die besten Mittel zur Verbesserung der Lage des Menschen sind, ist eine alte Thatsache, die sich, wie wir hinznsügen können, während der gegenwärtig herrschenden Epidemie von neuem bestätigt hat. Das Todeskontingent der Juden war bei dieser Gelegenheit im Verhältnis zu ihrer Seelenzahl außerordentlich gering. Der Grund ist einleuchtend: sie leihen der modernen Wissenschaft ein williges Ohr und haben bewiesen, daß bei ihnen der ansgestreute Same der Erziehung einen fruchtbaren Grund findet. Ungeachtet noch bestehender alter Vorurteile, haben ihre ärmeren Klassen gezeigt, daß sie guten Willen besitzen, und daß sie die Wohlthaten der Zivilisation weit besser zu ernten wissen als dieselben .Klassen der hier lebenden Europäer. — Die Einwanderung nach Südafrika wächst, wie die'Blätter melden, von Monat zu Monat; allein nach Kapstadt stieg sie von 1589 Personen im August auf 2813 Personen im September. Zumeist rekrutieren sich die Einwanderer aus deutschsprechenden polnischen Juden. Die Einwanderung geht zum größten Teile nach Johannesburg, wo die Unterkunft sehr schwierig ist, da die Bauunternehmer völlig außer Stande sind, mit dem Wachstum der Stadt Schritt zu halten. — Personalien. Versetzt ist Herr Fri edmann von Dettensee nach Kiel. — Die s. Z. von uns gemeldete Versetzung des Hrn. Chaim von Luckenwalde nach Thorn war etwas verfrüht; die Wahl des Genannten in Thorn ist erst vor wenigen Tagen erfolgt- — Die Gemeinde Jnowrazlaw entläßt ihren ersten Kantor, Vater von sechs Kindern, aus dem einzigen Grunde, weil er seit 18 Jahren dort amtiert und der Vorsteher einen neuen Mann sehen und einen neuen Lecho Dodi hören möchte, — so wird uns von zuverlässiger Seite aus Westpreußen gemeldet. — Die Zahl der Studierenden an der Universität in Dorpat beträgt gegenwärtig 1064, darunter 347 oder 26,5 Inden. Aphorismen. 28. „Ein alter Mann im Haufe ist ein Schrecken im Haufe; eine alte Frau im Hause ist eine Perle im Hause." (Erach. 19.) Der Spruch will doch sagen, daß ein alter Mann im Hause nichts mehr, eine alte Frau noch immer viel nützen kann, so daß jener nur eine Last, diese von mancherlei Vorteil ist. Im allgemeinen aber haben wir immer das Gegenteil von diesem Spruche gehört; denn man sagte, daß eine alte Frau in der Regel sehr zänkisch, rechthaberisch und eigensinnig sei, dahingegen alte Männer einen viel sanfteren Charakter zu haben pflegen. (Vielleicht nehmen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.