Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- Seite 788 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Leite 788. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. 9fr. 48. Publikum von Damen und Herren über: „Das Schrifttum Israels im Lichte Joh. Gottfr. Herders." Redner verstand es, wie kein zweiter, seine Zuhörer vorn ersten bis zum letzten Worte an seine Ausführungen zu fesseln, welche reichlich eine Stunde in Anspruch nahmen und den einmütigsten, wärmsten Beifall fanden. — Allgemein wurde der Wunsch ausgesprochen, daß die ebenso geistvolle wie interessante Arbeit durch den Druck auch weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden möge. Rach dem Vortrage vereinigten sich der Vorstand, eilt engerer Kreis von Freunden und Verehrern des Herrn Doktor Rippner, — darunter auch eine Anzahl Damen, — zu einein gemütlichen Beisammensein, bei welchem manch treffliches Wort gewechselt wurde. Besonders nahmen unser Rabbiner Herr Doktor Bamberg er und der erste Vorsitzende des Vereins, Herr Professor Doktor Saalschütz, hierbei (Gelegenheit, den Gefühlen der Freundschaft und des Dankes gegen den hochgeschätzten Gast in warmen Worten-Ausdruck zu geben. — Möge es dem Vereine vergönnt sein, den sympathischen und auch bei uns schnell beliebt gewordenen Redner in nicht allzu ferner Zeit wieder zu hören! ui. n. * a Aus dem Ober - Elsaß. In den Synagogen des Ober-Elsaß ist gegenwärtig eine Bekanntmachung des Konstiftoriums zu Kolmar angeschlagen, wonach aus denk Vermächtnisse der verstorbenen Eheleute Weil demnächst zwei Preise vou je 800 Mark zu vergeben sind, und zwar an solche Personen oder Familien, welche in den vier verflossenen Jahren durch Beweise großer Tugend, gute Führung, Gefühle von Großmut und Menschenliebe diese Zuwendung verdienen. Die Bewerber sollen ihre Gesuche innerhalb gewisser Frist deni Konsistorium zu Kolmar übermitteln. Da uuiß lnau doch fragen: wie kann es mit der großen Tugend, mit der Großmut und Menschenliebe derjenigen bestellt sein, die sich um einen solchen Preis bewerben? Hätte das Konsistorium nicht vielmehr die Pflicht, sich selbst darum zu bekümmern, wer etwa im Oberelsaß des Preises würdig ist? Sind etwa bei uns zu Lande die Konsistorien oder die Gemeindevorstände mit Amtsgeschästen überbürdet? Was geschieht denn überhaupt? Welche Verbesserungen sind seit Jahren eingesührt worden? Aber leider ist die große Menge bereits so in Gleichgiltigkeit versunken, daß sie gar nicht mehr weiß, wie trostlos die Zustände sind, und wie sie so ganz anders sein könnten. Binnen kurzer Frist finden die Wahlen für -das Konsistorium des Oberelsaß statt: schon sind die Wühlenlisten ausgelegt. Aber „über aller Wipfeln ist Ruh". Die Israeliten vou Kolmar haben unbegreiflicherweise das Vorrecht, daß die Mitglieder des Konsistoriums zu zwei Dritteln aus ihrer Mitte genonnuen werden müssen. Das ist ein schwerer Mißstand, der nicht bald genug beseitigt werden kann. Man kennt doch im Lande die Glaubensgenossen von Kolmar nicht allgemein, ein Programm stellt niemand aus. So werden viele am Wahltage zu Hause bleiben, andere werden die alten Mitglieder Wiederwahlen, nur darum, weil sie keine geeigneten Kandidaten in Kolmar kennen. Wenn die Regierung erfahren will, wie einmütig man in allen urteilsfähigen Kreisen des Landes den gegenwärtigen Zustand verurteilt, daun möge sie doch einmal eine freie Konferenz aus den verschiedenartigsten Elementen nach Straßburg berufen. Geschehen muß jedenfalls etwas. Kier und dort. — Ein Abenteurer, Jonas Iolles, genannt Pinkns Weber, ist von dem hiesigen Landgericht I wegen Führung falschen Namens, intellektueller Urkundenfälschung und Betruges zu 9 Monaten Gefängnis und Ehrverlust verurteilt worden. Der Mann hat, trotz seiner Jugend vier Frauen — nicht etwa gehabt, sondern er hat sie thatsächlich. Daß er nicht wegen Polygamie zur Rechenschaft gezogen worden, ist nicht das Verdienst des Verurteilten, sondern die Schuld unseres Strafgesetzbuches, das eine nur rituell geschlossene Ehe nicht anerkennt. Der Verurteilte war Kantor in verschiedenen kleinen Gemeinden, zuletzt unseres Wissens in Krakow in Mecklenburg. — Sein fün fzig jähriges D o ktorj n b il äu m feierte am letzten Sonntag der Sanitütsrat Hr med. Isidor Julius Wohl, einer der ältesten praktischen Aerzte Berlins- Wohl hat seinen Doktortitel an der Universität Berlin erworben. Von den drei Freunden Wohls, die bei der feierlichen Promotion mitwirkten, sind zwei nachmals bekannt geworden, Ludwig Loewenthal, der als sehr geschätzter Praktiker vor einigen Jahren hier starb, und Wolfgang Straßmann, damals Kandidat der Medizin, der nachmalige Berliner Lüadtverordnetenvorsteher. Heber Lebens- und Studiengang Wohls ist dem Anhänge seiner Doktorschrift das Folgende zu entnehmen: 1822 zu Berlin geboren, hatte Wohl das Mißgeschick in den Kinderjahren seine Eltern durch den Tod zu verlieren. Seiner Erziehung nahm sich neben den Anverwandten der Waisenhausleiter Baruch Auerbach au. Mit ihrer Unterstützung machte Wohl in sieben Schuljahren das Friedrich- Werdersche Gymnasium durch. 1841 bezog er zum Studium der Heilkunde die Universität Berlin, bei der er während seiner ganzen Studienzeit verblieb. Die ärztliche Praxis übt Wohl seit 1852 ans. — Professor Lazarus, der vor mehr als vier Wochen eine vollständige Ausrenkung des rechten Armes erlitt, ist nun vom Gipsvcrbande besreit, doch ist die Bewegungslosigkeit und Schmerzhaftigkeit de» Armes noch so groß, daß sich noch ein längeres Heilverfahren durch Massage und Anwendung elektrischer Ströme als notwendig herausstellt. Immerhin ist, trotz der augenblicklichen Angegriffenheit des Patienten, das Gesamtbefinden so vertrauenerweckend, daß Peofessor Lazarus in etwa einer Woche die verschobenen Vorlesungen au der Universität aufzunehmen g. denkt. — Ahlwardt ist nun nach Amerika abgesegelt, um dort seine Gastspieltournee anzutreten. — (Ein ernstes Wort.) In einem Artikel über die Rezeption der jüv. Religion schreibt der geistvolle Feuilleton- Redakteur des „Pester Lloyd", Dr Ad. Silberstein im Egyenlöseg: „Der alte Stamm besitzt noch immer soviel Lebenskraft, daß er, trotz der über ihn Hinmeggegangenen Stürme, trotz des auf ihn gefallenen eisigen Reifes und trotz der erlittenen Verstümmelungen und Beschneidungen, im Walde der Menschheit stets und immer neues Laub hervorsprießen läßt. Wer weiß, wozu dieser beinahe 4000jährige Baum noch nützlich sein wird, bis zu den allerletzten Tagen der Entwickelung unserer Erde?" Dr. Silberstein bespricht sodann die tristen Zustände Deutschlands und Oesterreichs betreffs des daselbst grassierenden Antisemitismus. Er geißelt die unwürdigen Zustände Wiens und nennt Ungarn das moderne Kanaan. Sodamr schließt er mit folgenden Sentenzen: „Der Tag der ungarischen Rezeption bleibt unvergeßlich. Dies war der Tag des Regenbogens, den Gott nach der lange Jahrtausende hindurch tobenden Himmelsschlacht am noch halbbewölkten Himmel erscheinen ließ. Wir sollen so lange beten, kämpsen und dazu thun, bis sich die Wolken oberhalb der Hütten Jsreals gänzlich verziehen und Gottes vieltausendjähriger Zorn auf ewig schwindet, Volk neben Volk, wie Binder neben Bruder im ewigen Frieden leben und gemeinschaftlich den Herrn preisen werden!" — Herr Eduard Ignace wurde zu Chef der Verwaltungs-Abteiluug des französischen Marine-Ministeriums ernannt.