Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- Seite 790 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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S eite 70. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. unsere geehrten Leserinnen, die sich schon in einem vorgerückten Stadium der Jugend befinden, hierzu Stellung.) 29. Beuge Dich vor dem Sturme, — aber hänge den Mantel nicht nach dem Winde. Im erstem Falle wartest Du nur das Ende des Orkans ab, um Dich wieder aufzurichten und weiter zu blühen und Früchte zu tragen nach Deiner eigenen Art; — im letzteren wartest Du nur von Wind zu Wind, um Dich danach zu drehen und nichts zu schaffen, was Deiner eigenen Art gehört. 30. Wenn die Flut steigt, hebt sich das Leichte nur um so mehr, und desto tiefer sinkt das Schwere. Aber jenes wird davon getragen und verschwindet, dieses behält seinen Platz. 31. „Ein Tops, der zweien gehört, ist weder kalt noch warm." (Erub. 3.) Beide Besitzer werden verschiedene Absichten haben, die sich gegenseitig aufheben, sodaß gar nichts zustande kommt. Ein Kind, das mehrere Erzieher hat, geht zu Grunde, denn jeder wird einen andern Plan mit ihm verfolgen. 32. „Drei liebt Gott: wer sich nicht erzürnt, sich nicht berauscht und nicht starrsinnig auf seiner angeborenen Weise beharrt." (Peßach. 113,2.) Von allen Dreien wird die Selbstüberwindung geübt, und dasjenige überwältigt, wozu die Natur sie treibt. Es ist also damit ausgesagt, daß die Tugend der Selbstüberwindung eine hohe, Gott wohlgefällige ist. 33. „Das Leben Dreier ist kein Leben: das des Allzubarmherzigen, des Jähzornigen und des Trübsinnigen." (Bab. Batra 21). Diese nämlich kouunen nicht zur Ruhe und zum heitern Genüsse des Lebens, vielmehr ist ihr Gemüt stets bewegt und der Traurigkeit zugeneigt. 34. „Hat sich ein Irrtum eingeschlichen, so bleibt er." (Bab. bat. 21.) Nichts ist schwerer, als einen Irrtum, der einmal Platz gewonnen, wieder auszurotten. Ein jeder findet das bei sich selbst. Dessenungeachtet heißt es auch an derselben Stelle: „Der Jrrtum»wird sich schon von selbst verlieren," d. h. oft gewinnt ein Irrtum an Kraft und Verteidigern, je heftiger man ihn angreift, während er, falls man ihm nachsieht, sich von selbst verliert. 35. „Lasset den Betrunkenen nur gehen, er wird schon von selbst fallen." (Sabbat 32.) Es wird hiermit aufgefordert, keine Nachepläne zu schmieden, da die Strafe für den Unrecht Thuenden schon von selbst kommt und die Bosheit ihre Diener von selbst ins Verderben führt. 36. Was aus feuriger Seele kommt, zündet überall — was aus kalter Berechnung, schlägt nur geringe Wurzel. 37. Aber den Schwärmer fürchte! Er sieht verkehrt, verwechselt Licht und Schatten, und was er thut, erdrückt und verzehrt, statt auszurichten und zu nähren. 38. „In seinem Hause ist auch der Weber ein Fürst." (Megil. 12, 2.) Es ist dies eine große Wahrheit, die namentlich für unsere Väter in den Zeiten der Bedrängnis zu großer Tröstung und Entschädigung gereichte. Alle Mißachtung draußen war vergessen im Hause, wo die Liebe und die Verehrung der Seinigen auch den Mißhandelsten nmringte und ihm Ersatz gewährte. — Sonst kann der Spruch auch andeuten, daß selbst der Geringste einen Kreis hat, in welchem er herrscht, ja in welchem er selbst Tyrann ist. Es ist eine leidige Erfahrung, daß der, welcher eine drückende Behandlung erfährt oder erfahren hat, eher geneigt ist, andere zu drücken, als schonend zu sein. 39. „Bevor der Kranke noch verschied, ist der Verwalter Rr. 48. seines Hauses schon eingesetzt." (Bab. bath. 81,1.) Soll vielleicht bedeuten: Jedermann ist ersetzbar, so daß fast schon vor dem Tode über den Platz verfügt wird, den der Verscheidende einnahm, und bei allein Schmerze über den Verlust die Sorge für das Zeitliche nicht vernachlässigt wird. — Julius Stettenheim veröffentlicht eine große Zahl von „Ein- und Zweizeilern", die, obwohl für ein christliches Blatt — nämlich für das „Kleine Journal" — geschrieben, verdienen von einem jüdischen reproduziert zu werden. Wir geben in dem folgenden eine Stichprobe: Es giebt gewisse Jahre, in welchen der Mensch nicht gern zu Hanse ist. Er fürchtet, daß das Alter kowint. <-iC Es giebt nicht so viele Kinder und Narren, welche die Wahrheit sagen, als es Große und Weise giebt, welche lügen. Ehren und Geld sind schon dadurch verschieden, daß Ehren viel leichter als Geld verliehen werden. Man darf nicht vor der Zeit alt werden, weil man mit der Zeit sicher alt wird. Es stirbt mancher, ohne das Licht der Welt erblickt zu haben. --iE Um jeden Menschen für genießbar zu halten, muß man ein Kannibale fein. Auf dem Wege der Besserung findet man das schlechteste Pflaster. Es gehört viel Geistesgegenwart dazu, den Geist der Gegenwart zu verehren. Sollte Herr v. Hammerstein seinen Adel verlieren, so müßte dieser sofort einem bürgerlichen Verbrecher verliehen werden. Wenn alle, die andern eine Grube graben, selbst hineinfielen, so würde es bald keine Gruben mehr geben. Tie meisten Lorberkränze bestehen ans Zeitungsblättern. Kriesmi> fragrlmflcu. — Auf die Frage des Herrn L. in H. im Briefkasten des Jeschurun No. 45 worauf das „Nehalto beosclio el n\ve kodschecho“ im Lied am Meere Bezug hat, erlaube ich mir auf das von Adolf Jellineck s. Z. erschienene riTÄ“ ra hinzuweisen. Jelliuek will dieses auf die, wie eine heilige Wohnung Israel 'chützende und abschließende Wolken- und Feuersäule bezogcu wissen- Dieses scheint mir aber schon durch die ganze Satzbildnng hinfällig zu sein. Besser und gefälliger ist hie Erklärung des, iminer noch zu wenig gewürdigten Lol omer K’ro von I. H. Caro, der dieses wie das Mikdosch Adaunoj konami Jodecho mit der Thatsache erklärt: Moses glaubte, daß es nun direkt nach dem, den Owos verheißenen Lande gehe und sah hernach liakodesch die ganze Herrliche Zukunft Israels gegenwärtig und in der Begeisterung verwechselt der Säuger die Zeiten und macht das zukünftige Newe kodoscli zur geschehenen Thatsache und bricht jubelnd in den Ruf aus: nehalto beosclio el liewe kodschecho: Hikdasch Adonoj konanu Jodesclio. Dergleichen Verwechselungen passieren Jesajas und Jecheskel auch oft genug. Diese Erklärung deckt sich mit der des Rambam und der Mechilta, welche unter dem Worte neive nichts Anderes, als den Tempel verstehen. Kohn in Vallendar. — Die Frage, ob Fasanen „koscher" sind, wird von kompetenter Seite bejaht. . — Hrn. Dr. M. L., Wien- Sie haben recht, schon im Aahre 1890 hat der Berl. Börsen-Courier am Tage der Enthüllung des Mendelssohn-Denkmals einen „Zubel"-Artikel, gezeichnet M. A. K. gebracht, der sich mit den Ausführungen des Dr. Bernfeld deckte. Es ist alw schon vor Jahre» versucht worden, die Mendelssohn-Legende zu zerstören. Im übrigen wollen wir jetzt den Toten ruhen lassen.