Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- Seite 786 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 786. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Der Schreiber müßte sonst etwas von den statistischen Rettungsversuchen gehört haben, die im Sommer zugunsten des Vorstandes gemacht wurden und mit dem kläglichen Eingeständnis endigten, daß es in Berlin „nur" viertausend schulpflichtige jüd. Binder giebt, sür die nicht einmal eine Gelegenheit zur Teilnahme an dem Religionsunterrichte vorhanden ist. ,/Run aber erst recht die Frage: Wo bleiben die 4000 religionsunterrichtslüsen Schulkinder, wo ein Teil derselben, die jetzt die neue Religionsschule besuchen könnten?" lieber „Liberaler", frage unsre Gemeindeväter, die den Vätern der Gemeinde drei Jahrzehnte lang die religiöse Kost vorenthalten haben, so daß sie jetzt den Hunger billig und darum bequem finden und nicht sogleich aus ihn verzichten mögen, — frage unsre Gemeindeväter, sie werden Dir antworten, Du sollest schweig e u. Denn wie sagte doch gleich ein Anhänger und Kandidat der Liberalen (Pros. Bukat in der letzten Versammlung des Wahlvereins? „Wir dürfen mit der Forderung des obligatorischen Religionsunterrichts nicht an die zuständige Behörde hinantreten, weil wir gestehen müßten, bisher unsre Pflicht verletzt zu haben und (wörtlich!) „Schimpf und Schmach aus uns laden würden". . . . — Eine interessante Kontroverse spielt sich seit mehreren Wochen in den Spalten der „Jewish Ehronicle" ab, welche Interesse sür größere Kreise hat. Es erschien in dem Blatte ein längerer Artikel über Rah e l Lev in, die Gattin Varnhagen von Ense's, worin diese interessante Persönlichkeit, welche bekanntlich zum Ehristentum übergetreten war, in farbenreicher Schilderung dargestellt wurde. War doch ihr Salon der Sanrnlelpunkt der hervorragendsten Geister der deutschen Litteratur. Tort verkehrten Goethe, Heine, ^.-Beethoven, Madame de Stael, Fürst Radziwill, Prinz Louis Ferdinand und alles, was Anspruch auf Geist machte. Rach dieser Schilderung erschien ein Brief von Dr. Heinrich Meyer E ohn aus Berlin, worin er gegen die Aufnahme eines Artikels, welcher sich mit einer voin Iudentunr abgefalleneü und zum Ehristeutum übergetrctenen Persönlichkeit beschäftigt, protestiert. „Was geht uns Juden Rahel Levin an?" meint er. „Sie hat ja nicht einmal eine geistige Schöpfung hinterlassen, und überhaupt sich mit den Werken von Apotasten zu brüsten, ist unwürdig." Als Erwiderung erschien daun ein charakteristischer Brief des geistreichen Schriftstellers I. Zangwill. Er sagte unter anderem: „Läßt man in der That aus der jüdischen Geschichte die Leistungen der heterodoxen ungläubigen und getauften Juden weg, so ist es unmöglich, jüdische Geschichte zu schreiben, wenigstens nicht in dem Sinne, in welchem Carlple Gesch'chte verstand, von großen Männern beherrscht und mit glänzenden Persönlichkeiten verknüpft .... Es märe eine sehr zahme Beschäftigung, wenn jüdische Geschichte sich blos mit den Tugenden der gewöhnlichen orthodoxen Juden beschäftigte: Der Jude, der sich in der Synagoge trauen läßt und dafür sorgt, daß er auf einem jüdischen Friedhof begraben wird, ist ja im Durchschnitt eine ganz achtungswerte Persönlichkeit. Aber sehr interessant ist er nicht. Er ist anständig, aber langweilig. Die Orthodoxie hat nie große Mänt^'r hervorgebracht, das heißt große Männer, die aus die Außenwelt einen großen Einfluß ausgeübt haben und orthodox geblieben waren . . . Der Einfluß des Judentunis auf die Welt im großen und ganzen geschah blos durch Individuen, mehr oder weniger heterodox, von Jesus von Nazareth bis auf unsere Zeit. Würde man jüdische Geschichte schreiben, ohne diesen Persönlichkeiten Rechnung zu tragen, so hieße das Ziegel ohne Stroh machen, und» es darf ja iticht > vergessen werden, daß die Geschichte des Ehristentums nicht geschrieben werden kann, ohne daß man jüdische Geschichte als einen Zweig hinzuzöge." Nun hat das, was Zangwill sagt, ja viel sür sich, aber er schießt so gewaltig über das Ziel hinweg, daß auch andere Publizisten in den Kampf einzutreten sich bemüßigt fühlten. So zum Beispiel der Schriftsteller und Philanthrop Frederie D. Mocatta und der Schriftsteller I. Abrahams. Der erstere stimmt vollständig mit Dr. Cohn überein, auch er ist der Ansicht, daß Juden, aus welchen Gründen es auch sein mag, ihr Judentum abstreifen und einer anderen Religionsgemeinschaft sich anschließen, durchaus nicht unter denen ausgesührt werden sollen, die dem Judentunt zum Ruhme oder Stolz gereichen. Herr Abrahams wies darauf hin, daß Mendelssohn, welcher dem modernen Judentum die Bahn vorzeichnete und welcher für die Entwicklung der modernen Philosophie, Aesthetik und Humanismus so Großes geleistet, ein gläubiger und streng orthodoxer Jude war, daß Maimonides, Jbn Esra, Abravanel, die jüdischen wissenschaftlichen Größen und Lehrer des Mittelalters, strenggläubige Juden waren. Uebrigens hätte Herr Zangwill Schleidens Abhandlungen über die Leistungeit der Juden im Mittelalter oder auch Drapers Buch gelesen, so hätte er wahrscheinlich seine Ansichten in modifizierter Form zum Ausdruck gebracht. Interessant ist, wie gesagt, die Kontroverse im höchsten Grade, fast so interessant, wie der Disput über Mendelssohn in diesem Blatte. — Vortrag. In der Gruppen-Versammlung IST. und jST. 0. des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, welche am Montag Abend im Münzhof tagte, sprach Herr Dr. Kühne über: „Bürgerrecht und Bürgerpflicht des deutschen Juden". Redner betonte in seinem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrage, daß die Juden, wollten sie sich nicht nach dem Rezept des „edlen" Liebermann von Sonnenberg „ohne Wiöerstand zu leisten totschlagen lassen", fest zusammenhalten müssen. Nur durch eine Zusammenschließung ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtung könne etwas erreicht werden. Der Vortragende erinnerte an die bekannte Parabel: „Ein Vater, der auf dein Sterbebette lag, ließ seine Söhne zu sich.rufen und inahnte sie zur Einigkeit. Er reichte ihnen ein Bündel Stäbe mit der Aufforderung dar, es zu zerbrechen, was natürlich feinem gelang; als jedoch die Schnur, die das Bündel umschlang, gelöst wurde, war es ein leichtes die einzelnen Stäbe zu knicken." Tie Juden, welche durch Uebertritt zur Staatskirche (?!) den Anfeindungen zu entrinnen glauben, erwählten ein falsches Mittel. Als man 1349 anläßlich der Pest-Epidemie die Juden beschuldigte, die Brunnen vergiftet zu haben, führte man auch die Konvertiten zum Scheiterhaufen. Also festes Zusammenhalten, wie der Z.- V. d. St. j. Gl. es anstrebt, ist die einzige Wehr gegen die Antisemitenbewegung, die allzu lange unterschätzt worden sei. Sich nicht von anderen schützen lassen, sondern Selbsthilfe anzuwenden, ist das bewährteste Mittel in dem Kampf. Die Juden müßten energisch ihre Rechte wahren und sich von keinem Stand ausschließen lassen. — An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion. Die Generalversainmlnng des fl.-V. d. St. j. Gl. findet am 3. Dezember in der Tonhalle statt. Fr. N. * Aus den Litteratur - Vereinen. Am vorigen Montag sprach im Berliner Verein Prof. Ludwig Geiger über das Thema: „Goethe über Juden und Judentum" Einleitend erklärte Redner, nach dein Berichte des B. Tgbl.