Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- Seite 785 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 48. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 785. — Erziehungsanstalt in Ahlem. Wir erhalten folgende Zuschrift: Bor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, die von Herrn Alexander M. Simon in Ahlem bei Hannover begründete „Israelitische Erziehungsanstalt für Bodenkultur und Handwerk" näher kennen zu lernen. Da ich im Aufträge des F.auen-Vereins unserer Gemeinde einen verwaisten Knaben von zehn Jahren dorthin begleitete, erachtete ich es natürlich um so mehr für meine Pflicht, von allen Einrichtungen der Anstalt genaue Kenntnis zu nehmen. Ich muß gestehen, daß alles, was ich da gesehen und gehört habe, meine Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Ich fetze voraus, daß Zweck und Ziel der Anstalt, nachdem die öffentlichen Blätter hierüber mehrere Male näher berichtet haben, allgemein bekannt sind. Auch die inneren und öffentlichen Einrichtungen der Anstalt sind eingehend geschildert worden. Was ich selbst durch die eigene Anschauung gewonnen, ist die Ueberzengung, daß hier Theorie und Praxis in echt pädagogischer Weise miteinander verbunden sind. Die Lehrer sind von dein hohen Berufe, dein sie ihr ganzes Können widinen, begeistert und durchdrungen. Sie unterrichten die Knaben in der Schule und sie belehren sie bei jeder Gelegenheit auch außerhalb derselben, leiten dieselben zur Selbstthätigkeit und erziehen sie zur Arbeit, an der die rüstigen Jungen Freude finden, wenn sie ihr Werk betrachten, das ihrer Hände Fleiß geschaffen. Vorzüglich interessierten niich die ans Galizien eingeftihrten Lehrlinge im Alter von 16—17 Jahren, welche im Garten, beschäftigt waren. Sie lüfteten höflich ihre Mütze, als wir bei ihnen vorbeikamen, und zeigten in den Antworten, welche sie uns ans verschiedene Fragen gaben, wie schnell sie sich hier eingelebt, nachdem sie erst vor wenigen Wochen eingetreten waren. Daß die Sabbat- und die Speisegesetze strengstens innegehalten werden, wurde mir fest versichert. Herr Konsul A. M. Simon hat sich mit der Gründung dieser Anstalt den Ruhm gesichert, sttr alle Zeit den Männern zugesellt zu werden, welche, wie der Gottesmann sie bezeichnet, „viele zur Tugend anleiten und glänzen werden wie die Sterne ewiglich". Uns allen aber muß es eine heilige Pflicht sein, dieses herrliche Werk thatkrästig zu unterstützen. Herr Simon hat in hochherziger Weise Hunderttausende bereits hingegeben. Schon aber ist eine Erweiterung der Anstalt notwendig geworden; denn die Zahl der Zöglinge, welche die Anstalt in ihren bisherigen Räumen anfnehmen kann, ist bereits voll. In der jüdischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. hat man dieses Werk nach seinem wahren Wert gewürdigt und bis jetzt 16 000 Ai. für dasselbe gezeichnet. Wird man im wohlthätigen Berlin und an anderen Orten Zurückbleiben wollen? Hoffentlich nicht! Dr. A. Berliner. — Mekize Nirdamim. Ucber diesen hebr. Litteratnr- Berein versendet jetzt der Vorsitzende, Dozent Dr. A. Berliner, den Abschluß der Rechnung für das zehnte Vereinsjahr, dem wir folgende wichtige Stellen entnehmen: , Der Druck der Schriften für den elften Jahrgang ist bereits in vollem Gange. Vor allem wird das Wörterbuch von Jona sbn G a n a ch möglichft znm Abschluß gebracht werden, wiewohl die Lieferung mehr als 20 Bogen umfassen dürfte. Auch die Forttetzllng des Diwan Jehllda Ha-Levi's soll besonders gefördert werden. Allerdings muß hierbei daran erinnert werden, daß es oft für das eingehende Studium eines einzelnen Gedichtes mehrerer Wochen bedarf, um die Ansichten der Mitarbeiter auf schriftlichem Wege zu ermitteln und dann die richtige Zeichensetzung oder den richtigen Sinn mancher Wörter und Sätze festznstetten. Wir können hierbei die freudige Genugthuung für alle diese Mühen nicht unerwähnt lassen, die in dem ungeteilten Beifall sich kundgiebt, mit dem der Diwan des größten nnscrer nationalen Dichter anfgenommen wird. Die uns von Sachkennern zugegangenen Bemerkungen werden in geeigneter Weise verwertet werden. Außer diesen beiden Werken wird noch ein Sammelband mit verschiedenen kultur- und litterarhistorischen Beiträgen erscheinen- Noch andere bedeutende Werke liegen dem Komitee zur Prüfung vor, die aber erst in nächster Zeit wird erfolgen können. Der Tod des Komite- Mitgliedes Tr. Joseph Derenbourg in Paris hat eine recht empfindliche Lücke im Komitee zurückgclasscn. Das Interesse, mit dem er für die Angelegenheiten des Vereins thätig war, wird in der mit ihm gepflogenen Korrespondenz, welche im Archiv des Vereins aufbewahrt ist, dauernd anerkannt bleiben. Um diese Lücke auszufüllen. wie auch zugleich zwei andere seit einigen Jahren eingetretene Vakanzen zu besetzen, haben wir uns bemüht, die Herren Dr. Brann, Dozent an dem rabbinisch-theologischen Seminar zu Breslau, Zadoc Kahn, Grandrabbin de France in Paris itiib D- Simonien, Oberrabbiner in Kopenhagen zum Eintritt ins Komitee zu bewegen und hierdurch die ursprüngliche Mitgliederzahl desselben wieder herzustellen, was uns auch gelungen ist. Das neu konstituierte Komitee wird sich nun mit der Prüfung der vorliegenden Schriften beschäftigen und die weiteren Bestrebungen des Vereins zu gedeihlichem Erfolge führen. Die Einnahmen des Vereins betrugen 3770 Mk., die Ausgaben 3625 Mk. — Das Kantorenkonzert, d. i. das Konzert zum Besten der Hilfskasse für isr. Kultusbeamte, deren Witwen und Waisen, hat auch diesmal seine alte Anziehungskraft bewährt, der große Saal der Philharmonie war sehr gut besetzt, das Programm war aber auch von einer fast übergroßen Reichhaltigkeit. Deklamation und Gesang, Klavier und Cello wetteiferten miteinander, Ohr und Herz der Hörergefangen zu nehmen. Nur souveräne Herrscher im Reiche der Kunst kainen zu Worte. Eiu von Gustav Jacobsohn gedichteter schwungvoller Prolog, sehr ausdrucksvoll vorgetragen, eröffnete die lange Reihe der Kunstgenüsse. Emanuel Reicher brachte mit seiner derben Realistik zwei Dichtungen zu Gehör, die Ballade des armen sich der Leibeigenschaft erwehrenden Bauern fiel mit erdrückender Wucht auf die Seele. Die Palme auf musikalischem Gebiete gebührt unstreitig dem Großmeister des Cello Heinrich Grünfeld. Das wehmütig-heitere ln cinguantaine floß so weich und leicht aus dem unerschöpflichen Tonquell seines herrlichen Instruments, nicht als ob menschliche Finger, sondern milder Zephyr die Saiten in Schwingung versetzten. Ebenso seelenvoll brachte der Meister Eppstein's schwermütige Orientalische Klänge zu Gehör. Rach den ernsten Kunstgaben traten Tanz und Scherz in ihre Rechte und der „urkomische Bend ix" entfesselte einen Beisallsorkan, der das Haus erdröhnen machte. — Mir will fast scheinen, als ob der hehren Muse zu reiche Spenden geopfert wurden. Wenn auch das Programm nicht nur reich, sondern auch abwechselungsreich war, so kann ein so gewaltiges Programm doch nicht anders als von ermüdender Wirkung sein. Auch im Interesse der finanziellen Gebahrung wäre vielleicht eine Einschränkung zu wünschen. tr. — Antwort. In den Kreisen der hiesigen Vorstandsclique säugt man zu guterletzt an, „witzig" zu werden. Daß dieser . Witz dem . Galgenhumor frappant ähnlich sieht, ist nach Lage der Dinge begreiflich. An die Mitteilung, daß die neu eröffnete vierte Religonsschule in NW. von nur 19 Kindern besucht wird, knüpft ein Parteigänger des Vorstandes die Frage: „Wo sind nur die Kinder des „Zentralvereins" (sie!) geblieben/.deffen Redner innner über die 4000 religionsunterrichtslosen Schulkinder jammern?" Diese Frage scheint ein „Kind des liberalen Wahlvereins" gestellt zu haben.