Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- Seite 784 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 784. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Wochen-Chronik. Berlin, den 27. November. * Berliner Nachrichten. Wenn diese Zeilen in die Hände unsrer Leser gelangen, ist die Ersatzwahl zum Reprüseutautenkollegium vollzogen, sind die Würsel gefallen, deren Behälter neun Monate hindurch au dieser Stelle energisch und nachhaltig „geschüttelt" wurde, um sie in eine günstige Lage zu bringen, um einen glücklichen Wurf vorzubereiten. Sb der Wurs gelungen, das vermag heute niemand zu sagen. Denn wenn der große Staatsmann unsres Jahrhunderts den bei den preußischen Landtagswahlen üblichen Modus als das elendste Wahlsystem bezeichnet, so hat er das Wahlsystem unsrer Gemeinde nicht gekannt, er würde sich sonst mit dem komparativ begnügt oder eine vierte Steigerung erfunden und dieses als das „allerelendeste" bezeichnet haben. Seffentliche Wahl durch geschriebene Listen, die 25 Vor-, 25 Familien-, 25 Straßennamen und 25 Hausnummern tragen und deren Zählung 10—14 Tage in Anspruch nehmen — „wenn in Afrika ein Despot auf die Idee käme ein Wahlspstem einzusühren, es könnte das System der Berliner Gemeinde sich zum Muster nehmen", so ungefähr bemerkte der Nedner des Zentralvereins in der letzten von 2000 Wählern besuchten Versammlung. Wir können darum dem Wunsche vieler auswärtiger Leser, die eine Mitteilung über den Ausfall der hiesigen Wahlen in dieser oder der nächsten Ar. erwarten, nicht' entsprechen. — Amicitia. Den hier veröffentlichten Aufsatz über diese Wohlthätigkeitsaustalt benutzt die Staatsbürger -Ztg. zu einer Denunziation au die zuständigen Behörden. „Es wird — schreibt sie -— notwendig sein, daß die Negierung dem Treiben dieses Vereins eingehende Aufmerksamkeit widmet, nachdem die Volksvertretung in ihrer Mehrheit wiederholt und nachdrücklich ausgesprochen hat, daß diejüdische Zuwanderung von Osten eine Gefahr für das deutsche Volk ist und nach Möglichkeit zurückgedrängt werben muß." Die Behauptung, daß die Volksvertretung sich in ihrer Mehrheit gegen die jüdischen Einwanderer ausgesprochen habe, ist eine bewußte, und die Darstellung, als protegiere die „Amicitia“ die Einwanderung, eine — vielleicht unbewußte Lüge des Blattes. Die Wohlthnten der „Amicitia“ genießen nur solche slavische Juden, gegen bereu Aufenthalt in Berlin die Behörden nichts einzuwenden haben. — Bei dieser Gelegenheit wollen wir auch der wohlthütigen Männer gedenken, die sich um diese Anstalt in hervorragender Weise verdient gemacht haben und verdient machen. Zu den ersteren gehören die für alle Armen und Bedürftigen zu früh Heimgegangenen großen Menschenfreunde F. R e umitim und H. Bode n st e i n, und zu den letzteren die Herren Joseph Ehaim, M. Dorn und das Ehrenmitglied des Vereins Dr. Ungerleider. — Zur Psychologie Bismarcks. Ein Mitglied des amerikanischen Kongresses, Herr Richard Bart hol dt, teilt jetzt einiges über einen Besuch mit, den er dem Fürsten Bismarck Ende September gemacht hat. lieber die Unterhaltung an der Frühstückstasel berichtet er unteranderem : Gnu Rantzau wollte willen, ob es in den Vereinigten Staaten auch eine Judcnhetze gebe, was von Herrn Banholdt verneint wurde. Dieses Thema veran'aßte den Fürsten, sich in ansnihrachen Bemerkungen über priestcrliche Politiker und politische Priester •u ergehen, und er machte ans ''einer Abneigung gegen diese Persönlichkeiten kein Hehl. Mit besonderer Scharte wandte er sich gegen strebende Kanzelpolitiker, deren es leider auch unter den Protestanten gebe, und als Beispiel erwähnte er Stöcker. — Die Rede kam auch aus die Beileidskundgebnng des Kongeyes bei Lasters Tode- Ter Fürst äußerte: „Laster war ja ein ganz tüchtiger kleiner Mann, wenn er auch oft querköpfig und durch sein Auftreten der logischen Entwickelung hinderlich war. Aber jene Resolution sollte ich dem Reichstag überreichen, und zu diesem Botendienst wollte ich mich einfach nicht hergeben. Das war der ganze Streit. Die Aulisemitenpresse bezweifelt die Zuverlässigkeit dieses ihr unbequemen Berichtes, die Hamburger Rachr. thuu ihr aber nicht den Oiesallen, den — an sieb und für uns Juden unerheblichen - Bericht zu desavouieren. — Ausländer als Gemeindebeamte. Zur Annahme atlsläudischer Juden bedarf es innerhalb des preußischen Staates nach Lage der bestehenden Gesetzgebung noch immer besonderer behördlicher Genehmigung. Deshalb hat denn auch der zum Rabbiner der Synagogengemeiude in Krotofchiu gewählte, des deutschen Indigenatsrechts nicht teilhaftige und der besonderen behördlichen Annahmegenehmigung bisher ermangelnde Tr. Berger ans Tirol die Funktionen in Krotofchiu noch nicht überitehmeu können. Ebenso ist ein von der (Gemeinde in Ezarnikau zum Kantor gewählter Russe ausgewieseu worben. — In Geltung ist auch hellte noch der 71 des Gesetzes über die bürgerlichen Verhältnisse der Inden, vom 23. Juli 1847, der die Anstellung von Ausländern als Kaltusbeamte von der Oienehmigung der Ministerien des Innern und des Kultus abhängig macht. — Christenhatz der Inden. Der Volkszeitung wird „von angesehener Seite" geschrieben: Wie weit innerhalb der Stöcker-Hainmerstein'schen Atmosphäre die innere Verrohung Play gegristcn hat, zeigt eine angebliche Inschrift an das „Volk", Über deren Verfasser man Übrigens keinen Augenblick im Zweifel zn fein braucht. Bekanntlich hat der Abg. Frhr. v. Zedliy-Renkirch mit anderen angesehenen Männern ans verschiedener Parteirichtung neuerdings enien Ausruf zum Besten des schwer henngesnchten Pastor Witte von der Golgathakirche erlassen, lieber den „klingenden Erfolg" wird nun in der erwähnten Zuschrift gehöhnt, insbesondere wird e« auch als charakteristisch für unsere Verhältnisse hingestellt, daß als unterstützende Freunde des orthodoxen Lutheraners Witte in dem Gabenverzeichnis sich Ncmieit wie Flatow, Schlesinger, Landsberger u. s. w. finden. Ta diirfen Frhr. v. Zedlitz und Genossen — so heißt es — schon zufrieden sein. Das sei ein Erfolg, wie man ihn sich für Stöcker nicht besser wünschen könne! — Man muß gestehen, hier dokumentiert sich ein wahrer Abgrund von Roheit und Gefühllosigkeit, wie man ihn selbst im Stöcker'schen Dunstkreise nicht erwarten sollte. Alan sammelt lediglich für eilte Familie, die unverschuldet in große Not geraten ist. Ob die Familie oder ihr Haupt orthodox ist oder nicht, kam dabei gar nicht in Betracht: man will nur gegen Rot und Elend helfend mit eintreten. Dies wollen die Geber, die auch nicht nach Religion und Konfession tragen, sondern nur einer unglücklichen Familie zu Hilfe kommen. Und wenn darunter auch jüdische Mitbürger sind, so zeigen >>c nur, daß sie, indem sie ein Werk der Liebe und Hnnianität unterstützen, mehr Religion besitzen, als diejenigen aus der Stöckerschen Lippe, die dafür weder Gefühl noch Verständnis haben. Herr Stöcker, Herr Stöcker! Heißt es nicht irgendwo: „. . . . Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde!?" — Hier gehört auch der folgeitde Bericht hilt, obwohl er aus Galizien stamiltt. In beut Dorfe Kuta in Galizien nämlich geriet aut 3. d. M. die römisch-katholische Kirche in Brand. Die dortigen Israeliten waren die ersten an der Brandstätte, und trotz der dautit verbundenen Lebensgefahr drangen mehrere von ihnen in die Kirche und retteten sämtliche heilige Geräte. Kurz nachdem sie das Gotteshaus verlassen hatten, stürzte dasselbe krachend zusammen. Die christliche Bevölkerung äußerte in begeisterten Kundgebungen ihre Dankbarkeit für diese mutige ausopserude Thal.