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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-29 · 48 (29.11.1895) · p. Seite 783

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
Seite 783 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 68 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 783. Amieser's, den Antrag des Grafen Zaroswiecki anzunehnten und schließlich die entschlüpfte Aeußerung der Furcht, es nicht inehr zu erleben was zu erleben? — das zeugte von einem Lossteuern aus ein bestimmtes Ziel. .SUar stand es jetzt vor Amieser's innerem Auge: sein Pater hatte besondere Absichten mit ihm, und jene Antwort, die er ihm aus seine diesbezügliche Frage einst in Spanien gegeben hatte, war eine ausweichende, unwahre gewesen. Daß der 'Wunsch, seinen Sohn eine glänzende, einflußreiche Stellung einnehmen zu sehen, bei Reb Joses nur Nebensache, nur Mittel zum Zwecke wäre, datz stand bei Amieser fest. Aber was konnte dies für ein besonderer Zweck sein? Es ivar dem jungen Arzte unmöglich, auch nur eine leise Ahnung davon zu haben. Nur so viel konnte er herauskalkulieren, daß diese geplante Zukunft mit seiner Vergangenheit in Verbindung stehe und eine Folge der letzteren sein müsse. Amieser blickte aus seinen Vater hin. Stumm und niedergeschlagen saß der alte Mann da, in tiefe Gedanken verloren. Schmerzlich berührte dieser Anblick das Herz des Sohnes. „Vater," rief er, „Vater!" — Reb Josef fuhr empor. „Vater," begann Amieser, „ich habe uüt Dir etwas Besonderes zu sprechen. Ich habe es bis jetzt vermieden, aber einmal muß es doch zur Sprache kommen. Ich bin kein Kind mehr, mit meiner Ankunft hierher bin ich zum selbständigen Manne geworden, und dem Mann gegenüber können die Rücksichten, die man gegen ein Kind hegt, nicht obwalten. Du trügst ein schweres Geheimnis mit Dir herum, seit meiner ersten Kindheit habe ich es bemerkt. Dies Geheimnis ist mit meiner Person, mit meiner Geburt verknüpft und dies GeheimM ist es auch, das Dir die Richtung der Erziehung, die Du mir gegeben hast, bestimmt hat." Er schwieg, die Antwort seines Vaters erwartend. Dieser hatte mit steigender Aufmerksamkeit die Rede seines Sohnes angehört. Nun schwieg er eine geraume Weile, in nachdenkliches Sinnen versenkt. Wider Erwarten Amieser's blieb er diesmal ruhig, ohne die gewöhnliche Erregung! „Höre, mein Sohn," begann er endlich, „es ist wahr, was Du mit Deinem scharfen Verstände bereits erraten hast. Ein Geheimnis waltet über Deiner und ineiner Vergangenheit. Auch ich dachte bereits daran. Dich dasselbe wissen zu lassen. Noch ist die Zeit nicht gekommen, Dir es ganz zu enthüllen, aber einen Teil sollst Du jetzt erfahren." Er schmieg, sich sammelnd, einen Augenblick und fuhr dann fort: „Bis kurz vor Deiner Geburt lebte ich ruhig und zufrieden mit Deiner Mutter unter unseren Glaubensgenossen, als plötzlich das Verhängnis mit rauher Hand hereinbrach und uns gewaltsam auseinanderriß, meine heiligsten Gefühle mit Füßen trat nnd mich für innner unglücklich machte. Frage mich nicht: wie? noch wodurch? Deine Mutter ging dabei zu Grunde, ich habe sie nie wiedergesehen." Stumm, mit düsterer Miene hatte ihm Amieser zugehört. „Wer waren diejenigen," fragte er, „die das Verhängnis zum Werkzeug erkoren. Dir so wehe zu thun? Waren es Glaubensgenossen, Juden aus Krakau?" „Nein," antwortete Reb Joses, „es waren keine Juden. Könnte ein Jude seinem Stammesgenossen so das Herz zerreißen, wie es mir geschah? Es waren Fremde, nicht von unserem Volke." „Und war niemand da. Dich zu beschützen?" fragte Amieser mit zornig erregter Miene. „Schützen!" ries hohnlachend Reb Joses, „schützen vor dem Mächtigen, der selbst schützen sollte! Was versucht werden konnte, versuchte ich: aber es gab keinen Schutz. Ich wollte verzweifeln, nur ein Gefühl hielt mich aufrecht: das der Rache. Und ich habe sie gefunden, die Rache! Ja, ich habe mich gerächt! Zahn um Zahn! heißt es in unserer heiligen Schrift; so habe ich mich gerächt! Was er mir genonunen, habe ich auch ihm genommen — Zahn um Zahn!" Erschöpft hielt er inne, die Erzählung regte ihn zu sehr aus. „Doch," fuhr er nach einer Pause fort, „kann Rache das verlorene Lebensglück ersetzen? Meine Lebensfreude war dahin, für immer dahin. Es war kurz nach Deiner Geburt, und inein einziger Wunsch war es noch, Dich heranwachsen zu sehen. Dir zu Liebe blieb ich am Leben. Ich verließ mit Dir Krakau und Polen, durchzog mit Dir ein Land Europas nach dem anderen, ohne Besänftigung zu finden für meinen Seelenschinerz. Was im Laufe dieser Wanderung mit uns beiden geschah, ist Dir größtenteils bekaniit, es hat aus das früher Geschehene keinen besonderen Bezug. Was aber wichtigen Bezug auf das früher Geschehene hat, das ist — ich kugelte es nicht mehr — die besondere Erziehung, die ich Dir zuteil werden ließ, und der Zweck, den ich dabei im Auge hatte. Ainisser, Du bist von Geburt beftiinmt, eine große und einflußreiche Stellung in der Welt einzunehinen. Denn wisse es, ich bin nicht Dein Vater, ich bin Dein Großvater, der Vater Deiner Mutter! Du bist der Sohn eines hohen und mächtigen Herrn!" Amieser war aufgesprungen. „Vater!" ries er, „Großvater! ntein zweiter Vater! Vater meiner Mutter! Meine Mutter Deine Tochter! Und mein Vater? Wer war er? Wo ist er? Lebt er noch?" „Mein Kind," sagte der Alte mit sanfter Stimme, „ich habe schon gesagt, noch ist die Zeit nicht gekommen, Dir alles zu offenbaren; aber, ich ahne es, bald, sehr bald wird die Zeit da sein, wo Du alles, alles erfahren wirst." „Amieser, mein Sohn," fuhr er nach einiger Zeit fort, „Sohn meiner geliebten Tochter, ich bin schon alt, meine letzten Kräfte gehen zur Neige, ich fühle, ich werde nicht mehr lange unter den Lebenden wandeln. Versprich mir eines, bei dem ewigen Gotte beschwöre ich Dich darum: Was auch immer mit Dir geschehen möge, welchen Rang und welche Stellung Du auch jemals einnehmen solltest, vergiß nie den heiligen Stanun, den: Du entsprossen und die demselben Stamme angehörigen Brüder, die unter dem Drucke der übrigen Nationen leben. Verleugne nie unsere Nation und unfern Glauben, was auch innner mit Dir vorgehen möge!" „Niemals, Vater!" rief Amieser, noch ganz betäubt von den ihm offenbarten Dingen. Es war sehr spät geworden, die gewöhnliche Ruhestunde der beiden war schon längst vorüber, und so begaben sie sich zur Ruhe. Ermattet und abgespannt von der aufregenden Erzählung, schlief der Alte bald ein. Amieser jedoch wälzte sich noch lange auf seinem Lager schlaflos hin und her. Das also war datz Geheimnis, dessen Erinnernng den alten Reb Josef stets in so schmerzliche Erregung versetzte! Er war der Sohn eines Großen, Mächtigen, bestimmt, dereinst ebenfalls ein Grotzer, Mächtiger zu werden. Nnd während feine Mutter, Reb Josefs Tochter, kurz nach seiner Geburt gestorben war — denn was konnte der Alte sonst unter dent Ausdrucke: zu Grunde gehen, verstehen, als, sterben? — lebte wohl dieser sein ihm unbekannter Vater noch und hatte dem Glauben seiner Väter entsagt, um groß und inächtlg zu werden. (Fortsetzung folgt.)

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