Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- Seite 782 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 782. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Feuilleton. Zahn in» Zahn. Erzählung aus Polens Vergangenheit. (Fortsetzung.) Zwei Jahre waren seit dem geschilderten Zusammentreffen in Spanien verflossen. Wir befinden uns wieder in Europa, im Königreich Polen. Etwa ein Jahr spater, als die Rückkunst des gräflich Zarnowieckischen Ehepaares in ihr Heimatland erfolgt war, waren auch Red Joses mit seinem Sohne in Krakau angelangt und letzterer hatte sich alsbald als praktischer Arzt installiert. Bald daraus machten sie-ihre Pflichtvisite im gräflich Zarnowieckischen Schlosse in der Rahe der Stadt und wurden daselbst mit großer Freundlichkeit, wenn auch von dem Grasen steifer und mit mehr vornehmer Zurückhaltung als in der Fremde, empfangen. Die Gräfin blieb sich in ihrem Benehmen gleich, doch war sie ausfallend ernster und melancholischer geworden, und es schien den beiden Besuchern, als ob das Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander nicht mehr das frühere zwanglose wäre. Auch bemerkte der kundige Blick des jungen Arztes die deutlichen Spuren inneren Leidens, das auch bereits das körperliche Wohl in Mitleidenschaft gezogen haben niußte. Der Graf wiederholte seinen in Spanien gemachten Antrag, Amisser als Arzt in die aristokratischen Kreise einzusühren, welcher Vorschlag vom alten Reb-Joseph mit großer Befriedigung ausgenommen, aber von Amieser in einer Art beantwortet wurde, die einer Ablehnung gleichkam. Er erklärte, daß er wohl hoffe, mit der Zeit in allen Kreisen der Bevölkerung Vertrauen zu seiner ärztlichen Kunst zu gewinnen, daß er aber wünschte, seinen Ruf nicht durch Protektion, sondern durch sein eigenes Verdienst sich begründet zu haben. Kopfschüttelnd und einigermaßen sich verletzt fühlend, hörte der Gras diese Antwort, und ein kurzer frostiger Abschied ward Amisser zuteil. Reb Joses hingegen wurde zum baldigen Besuche ini gräflichen Palaste in der Stadt, wo er, der Gras, jetzt rnehr als draußen aus dem Schlosse weilen, aufgefordert. Die Gräfin hatte kein Wort dazu gesprochen; bei der Verabschiedung Amissers verneigte sie sich stunun. Um so unwilliger ließ sich Reb Josef aus, als sie in ihrer Behausung angelangt' waren. Diesmal hatte er keine Anerkennung für seines Sohnes Handlungsweise, sondern heftigen Tadel. „Wie," rief er aus, „nachdem mein ganzes Streben gewesen war, Dich zu einem Arzte heranbilden zu lassen, wie man sie unter unseren Brüdern im Auslande antrifft, die Könige und Fürsten zu ihren Patienten zählen und mächtig und angesehen sind, verschmähst Du die günstige Gelegenheit, die gleich im Beginn Deiner Laufbahn sich Dir bietet, in diejenigen Kreise eingesührt zu werden, für die Deine ganze Erziehung berechnet mar! Hast Du deshalb jahrelang in fremden Landen studiert, um im Ghetto unter den armen Juden zu verkümmern und ein geringgeschätzter, jüdischer „Rophe" zu werden, gleich den übrigen, die ein paar Jahre lang bei irgend einem Bader und Pflasterschmierer gelernt und dann die wenigen Kunstgriffe ihres Meisters, die sie sich angeeignet, sortsetzen?" „Aber, lieber Vater," entgegnete Amieser, „ich habe ja ganz und gar nicht diese Absicht; ich wollte nur nicht von: stolzen Edelmann als Gnadenbezeugung annehmen, was ich im Lause der Zeit durch mein eigenes Verdienst zu erlangen hoffe." „Im Lause der Zeit," rief unwillig Reb Josef, „das kann lange dauern und . . . wer weiß, ob ich's noch erlebe, daß ..." Der Alte stockte, sah mit verstörtem Blicke auf seinen Sohn hin und wieder trat einer jener bereits geschilderten Momente bei demselben ein. Befremdet blickte ihn Amieser an. Amieser wurde von einein unbehaglichen Gesühle-übermannt, so oft einer jener unheimlichen Momente bei seinem Vater zum Vorschein kam. Trotzdem er von Jugend an daran gewöhnt war, hatte er es nie über sich vermocht, nähere Aufklärung darüber zu verlangen. Zudem hatten diese Ausbrüche bei so mannigfachen Gelegenheiten sich offenbart, daß es ihm nicht so leicht zu erraten gewesen wäre, aus welcher Seite denn eigentlich das geheimnisvolle Motiv dieser ohne Zweifel einer traurigen Vergangenheit entstammenden Erinnerungen zu suchen fei, obwohl eine dunkle Ahnung ihm sagte, daß seine Person dabei beteiligt sei. Wie es nun öfters vorkommt, daß ein Jahrelang gehegter Zweifel durch einen kleinen Umstand, durch ein einziges Wort plötzlich schwindet und die klare Gewißheit uns vor Augen tritt, so war es ihm plötzlich, mit einem Male, bei dieser Aeußerung Reb Josefs wie Schuppen von den Augen gefallen. Er, nur er allein, feine Vergangenheit und, wie er es nun einsah, auch seine Zukunft waren es, die das ausschließliche Motiv jener innerlichen abnormen Seelenzustände seines Vaters bildeten, und zwar mußte diese seine Vergangenheit sowohl als auch die von Reb Josef gewünschte Zukunft ungewöhnlicher Natur sein, um derartige ungewöhnliche Aufregungen zu verursachen. Ueber seine Vergangenheit wußte Amieser iveiter nichts, als daß er in Krakau geboren fei, daß feine Mutter frühzeitig gestorben und daß sein Vater mit ihm bald daraus das Land verlassen habe, uin einen großen Teil Europas zu durchziehen und zuletzt in Spanien längere Zeit zu verweilen, um ihn zum Arzte heranbilden zu lassen. Die Erlebnisse während dieser Reisen, so weit Amieser sich erinnerte, konnten es nicht sein, die diese aufregenden Erinnerungen in sich bargen; denn erstens waren sie durchaus nicht erschütternder Natur, dann waren diese Symptome bei seinem Vater schon vorhanden gewesen, als sich Amisser noch in der ersten Kindheit befand. Auch erinnerte er sich jetzt, daß dieselben jedesmal einzutreten pflegten, wenn er seinen Vater über seine Geburt und über seine von ihm nie gekannte Mutter zu befragen versucht hatte, sowie daß sein Vater stets über dieses Thema rasch hinweggegangen und demselben so viel als möglich ausgewichen sei. Es mußte also der Hauptteil des' Geheimnisses in Zusammenhang mit seiner Geburt stehen und mit der Person seiner Mutter verknüpft sein. Schwerer ward es ihm zu erraten, wo die geheimen Absichten seines Vaters mit ihm für die Zukunft hinauswollten. Daß es so sein müsse, daß der Alte ganz besondere Pläne mit ihm vorhabe, das war ihm in diesem Augenblicke klar geworden. Dieses Verweilen fern von der Heimat, diese den allgemeinen Traditionen seiner Glaubensgenossen fremde und besonders seinem eigenen Wesen ganz entgegengesetzte Erziehung, die ihm der alte Reb Josef angedeihen ließ, dieses stete Einhalten eines gewissen vorgesteckten Programmes, endlich die ganz unerwartete Aufregung bei der Weigerung