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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-29 · 48 (29.11.1895) · p. Seite 780

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
Seite 780 (sequence 8)
Language
German
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Seite 780. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Dr. Aub und Dr. Joel als die vorzugsweise zur Berufung geeigneten Männer bezeichnen zu können. Mit Bezug aus jene Vorlage, worin wir uns bereits über die außergewöhnliche Befähigung dieser Männer ausgelassen haben und von welcher bei Vollziehung, der Wahl nochnrals Kenntnis zu nehmen, wir die geehrte Versammlung ersuchen, haben wir über die Person des Herrn Dr. Joel, insofern derselbe hier nunmehr genügend bekannt geworden ist, wohl nichts anzuführen nötig. In Betreff des Herrn Dr. Aub aber, welcher hier persönlichweniger bekannt sein möchte, dürfte wohl die Bemerkung am Platze sein, daß aus denselben schon im Jahre 1844 in unserer Gemeinde reflektiert lind er bei Ausstellung der damaligen Kandidatenliste mit der größten Stimmenzahl auf dieselbe gebracht worden war. Zur damaligen Zeit äußerte sich der verewigte Dr. Rießer in einem an unfern seligen Dr. Veit gerichteten, in unseren Akten befindlichen Briefe, daß „soweit.er (Rießer) einen Menschen und Gelehrten zu beurteilen vermöge, Dr- Aub an Tüchtigkeit und Gediegenheit des Charakters, an Einsicht und Besonnenheit, so wie an Gründlichkeit des Wissens keinem seiner Fachgenossen nachstehe", daß er (Rießer) „sich überzeugt halte, daß Dr- Aub durch den gediegenen Inhalt seiner Vorträge und überhaupt durch ein würdiges, gemäßigtes, ehrliches Wirken auf die Länge die Achtung und die Teilnahme des Publikums gewinnen werde und dessen Wahl daher in vieler Hinsicht für ein glückliches Ereignis halte." Mit diesem Urteile stimmen auch alle die Berichte überein, welche in neuester Zeit von den verschiedensten Seiten eingeholt worden sind. Von allen Seiten verlautet das Beste über die wissenschaftliche und rednerische Tüchtigkeit des Dr. Aub und wird auch bestätigt, daß er nach wie vor an der gemäßigten Richtung sesthalte, die er aus litterarischem Gebiete stets mit Gründlichkeit und tiefer Sachkenntnis verfolgt hat. Es unterliegt demnach keinem Zweifel, daß die beidengenannten und unsrerseits gewählten als die unter den vorgeschlagenen hervorragendsten, mithin, für die Bekleidung von Rabbincrstellen in der ersten Gemeinde Deutschlands-, die geeignetesten Männer sind und ersuchen wir deshalb die geehrte Versammlung ergebenst: durch Beitritt zu der von uns geschehenen Wahl der Herren Dr. Joel und Tr. Aub dieselbe zu einem Gemeindebeschluffe zu erheben. Berlin, den 1. Juni 1864. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde. * * * 4 a An den V o r stan d der hiesigen jüdischen G e in e i n d e. Unter Rückgabe der Protokolle der gemischten Kommission, benachrichtigen wir den geehrten Vorstand mit Bezug auf die Vorlage vom 1. dieses Monats ergebenst, daß bei der in unserer heutigen Sitzung Betreffs der Rabbinerwahl erfolgten Abstimmung keiner der genannten Kandidaten die im §. 58 al. 2. des Statuts vorgeschriebene Stimmenzahl erhalten hat. Berlin, den 12. Juni 1864. Die Repräsentanten-Versammlung der jüd. Gemeinde. (Fortsetzung folgt.) Der Talmud. Von Robb. Dr. A. Hochmnth. IV. Der Heldenkampf der Juden für Vaterland und Tempel blieb ohne Erfolg. Die römischen Legionen und der innere Zwiespalt vernichteten ihre Kräfte. Die vom vernichtenden Kampfe verschont Gebliebenen wurden entweder als Sklaven verkauft oder in die Bleibergwerke Sardiniens verbannt oder zum Kumpf mit milden Tieren in den Arenen verurteilt, zum Ergötzen der sittlich verkommenen Römer. In diesen! Kampfe fielen auch der Spnhedrial-Präsident, Simeon, der Urenkel Hillel's, und Tausende von Schriftgelehrten, und es drohte dem Judentum die Gefahr, nicht nur als Nation, sondern auch als Konfession der Auflösung zu verfallen. Daß dies nicht geschah, ist das Werk einer providentiellen Persönlichkeit: R. Jochanan ben Sakkai. Einer der vorzüglichsten Schüler Hillel's ein weiser Lehrer von größtem Ansehen, zur Friedenspartei gehörend und den unglücklichen Ansgang des Kampfes voraussehend, ließ er sich als Toten von treuen Schülern aus der belagerten Stadt tragen und bezeugte feine Huldigung dem römischen Heerführer Vespasian, der ihn gnädig aufnahm, und ihm die Bitte gewährte, in Jamnia (Javne) ein Lehrhaus eröffnen zu dürfen. Während der verstümmelte Leib des Volkes aus tausend Wunden blutete, scharten sich geräuschlos Lehrer und Schüler ' um R. Jochanan ihren Meister, das Religionsgesetz mit seinen Traditionen und Erklärungen der Vergessenheit zu entreißen, der Geistesthätigkeit einen Mittelpunkt zu schaffen und bei den aufgewühlten Verhältnissen entsprechende Institutionen zu gründen. Äls viele nach dem Falle Jerusalems jammerten: mir haben keinen Tempel, keinen Altar mehr, wo weiden wir die Sühnstätte für unsere Sünden findend tröstete sie R. Jochanan, indem er sagte: Wohlthätigkeit ist an die Stelle der Opfer getreten, welche dem Herrn wohlgefälliger ist als fette Widder. Seiner Weisheit gelang es, die aufgeregten Gemüter zu beschwichtigen und die Schulen aufs neue zu bevölkern. Sein Nachfolger R. Gamliel II. handhabte mit solcher Strenge das Präsidium, daß jeder, der sich den Synhedrial-Beschlüssen nicht unterwerfen wollte, mit dem Banne belegt wurde. Dabei aber besaßen die Gelehrten unbeschränkte Meinungsfreiheit, . das Gesetz im Sinne ihrer Neberlieferungen zu erklären; nur hinsichtlich der Praxis mußten sie sich den Synhedrial-Beschlüssen unterwerfen, damit die Autorität des Gesetzes und die Einheit der Religion ungeschmälert aufrecht erhalten bleibe. Durch diese Meinungsfreiheit ist der Lehrstoff immer mehr und mehr ausgewachsen, und es gab selten eine Gesetzerklärung, in Hinsicht welcher nicht verschiedene Meinungen ausgesprochen worden wären. Zum Anwachsen des Lehrstoffes trug auch jener schon erwähnte Umstand bei, daß auch die infolge der Zerstörung des Tempels und der veränderten politischen Zustände außer Wirksamkeit getretenen mosaischen Gesetze mit derselben Gründlichkeit, Ausführlichkeit und Meinungsverschiedenheit behandelt worden, wie die, die persönliche Verbindlichkeit haben. Unter Trajan war die politische Lage der Juden eine günstigere. Mehrere Schulen wurden gegründet, und der Lehrstoff nahm schon solche Dimensionen an, daß er nicht mehr in den Schulen ohne eine Systemisierung bewältigt werden konnte, welche R. Akiba initiierte. Während andere

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