Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- Seite 779 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 48. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 779. bestreben gelten; die Kenntnis der hebräischen Sprache aber wird in der Religionsschule nur auf das Lesen und schwache Versuche im Uebersetzen beschränkt bleiben; es wäre schon erfreulich, wenn die so belebende Bewegung, die wir unter der deutschen Judenheit beobachten, dazu führen würde, daß, wenigstens die jüngeren Rabbiner nicht ohne Kenntnis des hebräischen Schrifttums blieben; sie würden dann vielleicht mehr Mut und mehr Eifer haben, gegen das sinnlose „Reformieren" von Seiten der „Parnaßim" aufzutreten. Für einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung muß aber in der That etwas geschehen, um den Gottesdienst auch für diese verständlich zu machen. Natürlich muß stets auch für jene Juden gesorgt werden, welche die altehrwürdige Liturgie Israels unter keinen Umständen lassen wollen. Aber man soll keinen Juden aus dem „Haufe des Herrn" verstoßen; wir sollen auch für jene Sorge tragen, die nun einmal dem Alten entfremdet sind und doch im Judentum treu ausharren wollen. Im Judentum ist Platz für alle Richtungen, und wir müssen uns unter allen Umständen vor Fanatismus und Zelotismus hüten, die dazu beitragen könnten, unfern Glauben als ein unerträgliches Joch erscheinen zu lassen. Es würde sich meines Erachtens empfehlen, in solchen Synagogen den Hauptbestandteil der hebräischen Liturgie (ran rSsr.) beizubehalten, zu der die vorzügliche Uebersetzung Michael Sachs' beigedruckt werden müßte, um denjenigen, die des Hebräischen unkundig sind, als Anleitung zu dienen. Bei der Ausscheidung des andern Teils wird sehr viel Raum gewonnen, ebenso durch die Einführung des dreijährigen Zyklus in der allsabbatlichen Vorlesung aus den heiligen Büchern. Der dreijährige Zyklus ist sehr alt, er ist palästinensischen Ursprungs und die masoretische Einteilung der Pentateuch-Abschnitte weist ebenfalls auf den dreijährigen Zyklus hin, der somit in Palästina um das 8. und 9. nachchristliche Jahrhundert noch im Gebrauch war. Hingegen ist es ein Unfug, wenn man den jährlichen Zyklus beibehält, aber nach Willkür nur einige Verse herausreißt, die vorgelesen werden. Das Judentum beruht auf einer historischen Entwickelung, und diese muß stets berücksichtigt werden. Die auf solche Weise gewonnene Zeit kann man wohl in erster Reihe für gute „gottesdienstliche Vorträge" — nicht „Predigten", die sich schon beinahe eines heitern Rufes erfreuen — und auch zu liturgischen Stücken in der Landessprache benutzt werden. Freilich ist es keine geringe Ausgabe, solche zu schaffen, wie sie des jüdischen Gotteshauses würdig wären; mit Schcere und Kleistertops, wie heutzutage sonstige litterarische Erzeugnisse hergestellt werden, kann man eine herzerhebende Liturgie nicht schaffen. Indes will ich diese Frage nachträglich in einem zweiten Artikel behandeln. Ich will diesmal nur hervorheben, daß dieser Weg, wenn er mit Verständnis und Liebe zum Judentum gewählt wird, eine friedliche und befriedigende Lösung dieser brennenden Frage herbeiführen kann; nur müßte man in der Wahl der Personen, denen diese heilige Aufgabe gestellt wird, sehr vorsichtig sein — Unwissenheit allein darf hier nicht als einzige Legitimation dienen. _ Um niemandem nahe zu treten will ich vorläufig mit L-tillschmeigen darüber hinweggehen, wie unsinnig, ungeschickt, ja geschmackswidrig man bisher in dem Zusammenflicken einer gemischten (hebräischen und deutschen) Liturgie vorgegangen ist, wie man manche hebräische Sätze teils zerschnitten, teils geschmacklos zusammengezogen und abgeändert hat; daß man ferner ängstlich jede noch so leise Anspielung auf Israels Erwählung, die doch historisch nicht zu leugnen ist und welche auch der Heidenapostel Paulus mit den Worten anerkannt hat, daß der Vorzug der Inden „vielfach und groß" ist, „denn ihnen ist Gottes Wort geworden", daß man also jede Anspielung auf diese historische Thatsache ängstlich gestrichen. Sind seitdem die Antisemiten weniger an der Zahl geworden? Was soll rnan z. B. zu einem Satz nan? unw nnzs U3 '2 sagen, während das Q'ayn weggelaffen ist? Verständen die Herren etwas Hebräisch, so würden sie gewiß mit mir, abgesehen von der historischen Seite, ganz aus sprachlicher Feinfühligkeit einen derartigen Galimathias unerträglich finden. Im übrigen, hätten sich die Reformatoren nur ein wenig umgesehen, so würden sie eher den ganzen Passus gestrichen haben, der auch imsephardischen Ritus fehlt. —Doch davon ein anderesmal! Eins steht aber schon jetzt fest, daß nämlich der Genius Israels noch immer lebt. Uns allen, ohne Unterschied der Parteistellung, muß die Wahlbewegung, welche so vielen Enthusiasmus und hell auflodernde Begeisterung hervorgerufen, die erfreuliche Wahrnehmung geboten haben, daß sich in der Gegenwart die Erscheinung so wunderbar wiederholt, von der im Buche Samuelis berichtet wird: Nach jahrelanger Entfremdung und leblosem Vegetieren „sehnt sich Israel wieder nach seinem Gotte!" Aus Alt-Kerlm. Eine Rabbiner- und eine Repräsentantenwahl. (Fortsetzung.) 4. An die Repräsentanten-Ve rsammlung. Um die Rabbinerwahlangelegenheit von neuem vorzuberaten, war in Gemäßheit des Plenarbeschlusses der geehrten Versammlung vom 24. April die geinischte Kommission wieder zusammengetreten, deren Protokolle vom 10., 18. und 26. Mai wir Wohlderselben, unter Wiederbeifügung der früheren Verhandlungen, anbei ergebenst überreichen. Wie aus den qu. Protokollen hervorgeht, hat die Kommission vom Gegenstände ihrer Beratung wiederholt die sorgfältigste Aufmerksamkeit zugewendet, und ist sie eifrigst bemüht gewesen, eine größere Zahl von Kandidaten ausfindig zu machen, um eine solche den Gemeindebehörden für die vorzunehmenden Wahlen präsentieren zu können. Nachdem in ihrer Mitte außer den früher genannten noch verschiedene andere Kandidaten namhaft gemacht worden und über dieselben die nötigen Ermittelungen geschehen sind, ist die Kornmission aber zu keinem wesentlich anderen als dem früheren Resultate gelangt. Sie hat zwar in ihrer Schlußverhandlung vom 26. vorigen Monats jetzt sechs Kandidaten namhaft gemacht, in erster Linie aber an dreien der schon früher von ihr genannten festgehälten, indem sie den vierten auf Grund weiterer Erkundigungen aus Gesundheitsrücksichten nicht vorschlagen zu können erklärt. Sie beschränkt sich demgemäß, nach vieler und sorgfältiger Beratung auf die Präsentation folgender Personen: 1. des Rabbiners Herrn Dr. Joel zu Breslau, 2. „ „ „ Dr. Aub zu Mainz, des . . rc. rc. Indem wir von den qu. Verhandlungen Kenntnis genommen, haben auch mir, nach weiter fortgesetzten Erkundigungen, den Gegenstand wiederholt in eingehender Weise erwogen und sind zu dem Ergebnisse gelangt, nur die schon in unserer Vorlage vom 16. März d. I. genannten Herren