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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-29 · 48 (29.11.1895) · p. Seite 777

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
Seite 777 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 777. Armut der im Niederlassungsgebiete lebenden Juden sehrgroß, ja erschreckend ist. Und diese Thatsache bezeichnet das Projekt mit Recht als den besten Beweis dafür, daß die „Ausbeutungssucht" der Juden einfach ein Märchen ist, das durch nichts'irgendwie bestätigt wird. Dagegen vertritt das Projekt den Standpunkt, daß eine Erweiterung des Wohnrechtes der Inden im Sinne der unbeschränkten Ansiedlungssreiheit im ganzen Reiche die Armut der russischen Juden lindern und dem Handel und der Industrie im allgemeinen zugute kon'men würde. Das Bemerkenswerteste an den Ausführungen des Projektes ist, daß die Gouverneure die angebliche politische Unzuverlässigkeit der Juden in das Reich der Fabel verweisen und betonen, „daß die rechtlose Lage der Juden dieselben dennoch nicht hindert, gute Patrioten zu sein." Diese eben angeführten Worte beziehen sich auf eine Rede des Senators Anastaßjew, der da sagte, die Juden wären Feinde des Staates, weil sie rechtlos sind. Allein nicht nur das Projekt der Gouverneure, sondern auch das der bekannten Pahlen'schen Kommission ist den Juden im allgemeinen nicht ungünstig. Wahr ist es, die Minorität der Pahlen'schen Kommission hat sich für die Beibehaltung aller bestehenden Beschränkungen und Ausnahmegesetze gegen die Juden ausgesprochen, aber die Majorität der Kommission schloß sich der Ansicht der Gouverneure rückhaltlos an, und sie plaidiert auch für die Erweiterung des . Wohnrech.es der Juden und für die Aufhebung der Verbote, welche ihnen den Ankauf von Grund und Boden, die Errichtung von Fabriken und die Teilnahme an Aktiengesellschaften 2C. untersagen. Es verdient auch hervorgehoben zu werden, daß die Kommissionsmehrheit für die Zulassung von Juden zum unbeschränkten Studium an sämtlichen Lehranstalten des Reiches sowie zu allen städtischen und ständischen Aemtern sich ausgesprochen hat. Das einzige Projekt, welches den Juden feindselig genannt werden kann, ist das der Plehwe'schen Kommission, die von 1890 bis 1891 bestand. Dieses Projekt kann mit Recht als ein Werk des blinden Judenhasses bezeichnet werden. Nicht genug daran, daß es für die Beibehaltung aller bisherigen Beschränkungen eintritt, so schlägt es noch eine Reihe neuer Maßnahmen vor, die, wenn sie verwirklicht werden sollten, die Lage der Juden zu Rußland sehr verschlechtern würden. So will das Projekt der Plehwe'schen Kommission den jüdischen Soldaten und deren Kindern das Recht der Ansiedlung in den Zentralgouvernements entziehen, die Gelder von den Spezialstenern der Juden, welche nach dem Wortlaute des Gesetzes zur Erhaltung von Schulen für Juden dienen sollen, für allgemein staatliche Zwecke verwenden und die jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten nuslösen, um Institutionen dieser Art der Kompetenz der Behörden zu unterstellen. Dies sind die Projekte in ihren Hauptzügcn, welche dem Gesetzentwürfe zugrunde liegen, der den Petersburger Reichsrat demnächst beschäftigen wird. Im Reichsrate selbst ist eine Strömung vorhanden, die den Juden nicht sehr günstig ist. Doch hegt man in gewöhnlich gnt unterrichteten jüdischen Kreisen die Hoffnung, daß das antijüdische Projekt der Plehwe'schen Kommission die Zustimmung des Reichsrates nicht erhalten werde. Die hebräische Gebetssprache. Bon Dr. S. Bern selb. In den Debatten, die in der letzten 'Zeit anläßlich der bevorstehenden Wahlen zum Repräsentanten-Kollegium der jüdischen Gemeinde Berlin geführt wurden, ist auch eine für die ganze Judenheit hochwichtige Frage zur Sprache gekommen, nämlich d ie de r Ge b etssprach e in dem j ü d is ch e n G o t t e s h a u s e. Freunde und Bekannte meinen . mm, ich müßte auch diese Frage in den Kreis meiner Erörterungen ziehen und »me ira et stuclio meine Ansicht darüber klar und unzweideutig aussprechen, wie dies nach der historischen Entwickelung des Judentums aufzufassen sei. Ich will das gerne thun, ich kann jedoch nur versprechen, sine ira zu schreiben, nicht aber »ine studio. Das Judentum ist für mich keine a rchäologis ch e Frage, über die man, mit den Mitteln der philologischen und archäologischen Studien ausgerüstet, urteilen könnte; das Judentum ist für uns die wichtigste Frage unseres geistigen Daseins, die Grundlage der ethischen Erziehung unserer .Kinder; ich kann jeden Standpunkt in Bezug aus das Judentum sehr gut verstehen, nur nicht den der Gleichgiltigkeit und der scheinbar „wissenschaftlichen" Kühle. Hingegen bin ich in der glücklichen Lage, keiner Partei anzugchören und den lokal-persönlichen Interessen absolut fern zu stehen. Ich bin wohl Mitglied der jüdischen Gemeinde zu Berlin — n;cht aber Berliner Jude. Mein Judentum umfaßt alle Weltteile, alle Ortschaften, wo sich die jüdische Diaspora befindet, und alle Zeitepochen seit mehr als drei Jahrtausenden. Ist es vom rabbinisch-jüdischen Standpunkt religiös zulässig, den Gottesdienst in einer anderen als der hebräischen Sprache abzuhalten? Wenn die Frage in dieser Form gestellt wird, so ist es unzweifelhaft, daß jede jüdische Gemeinde von ihrem Rabbiner ein bejahendes Votum erhalten kann, wenn sie ein solches erhalten will. Trotz, oder richtiger: infolge der mangelhaften wissenschaftlichen Befähigung der meistens! Red.) Rabbiner, dürste es sicherlich nicht schwer fallen, einige Aussprüche in talmudischer und rabbinischer Litteratur zu finden, die zustimmend lauten: nur darf man sich nicht aus Esra berufen, wie es in der letzten Zeit so oft geschehen. Die Ignoranz ist zwar leider in Israel bereits heimisch geworden — so weit zurück bis in die Epoche Esra's darf man sie doch nicht datieren; wenigstens galt sie damals nicht als ein Zeugnis der „Bildung", wie in unseren Tagen. Diejenigen, welche Esra als Autorität für die Berechtigung anrufen, die hebräische Sprache aus dem Gotteshause zu beseitigen, haben zum Mindesten sehr unvorsichtig gehandelt: denn, so weit meine Belesenheit in den biblischen Büchern reicht, hat Esra „der eifrige Forscher der göttlichen Lehre", durchaus kein Gefallen an den Mißstünden gefunden, die zu seiner Zeit in Palästina, achtzig Jahre nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil, geherrscht haben. Gewiß verstanden schon damals verhältnismäßig viele Juden, aus M i s ch e h e n st a m m e n d, ksin Hebräisch; aber Esra war keineswegs von solchen Zuständen, einzig und allein von den Großen und Führern der Palästinischen Judenheit verschuldet, sonderlich erbaut, wenn er auch in seiner milden, weichen Natur nicht zu jenen heroischen Mitteln gegriffen, die dreizehn Jahre später sein Gesinnungsgenosse Rehemjah ohne Rücksicht und Scheu angewendet hat. Esra war^über^die herrschende Verwahrlosung in Palästina auf's äußerste 'erschüttert; er wußte aber nichts weiter zu thun, als sich niederzuwersen und im Namen

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