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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-29 · 48 (29.11.1895) · p. Seite 776

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
Seite 776 (sequence 4)
Language
German
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Sette 776. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Dn König non Rilllllillim »»- die Juden. rr>. Bukarest, 24. November. Einige interessante Vorfälle ereigneten sich während eines Besuchs, den der König und die Königin von Rumänien jüngst in Konstantza, der Hauptstadt der Dobrudscha (am Schwarzen Meere), machten; es zeigte sich, daß der König persönlich den Juden wohlgesinnt ist, obwohl er als Konstitutioneller Monarch nicht imstande ist, aus seine Minister und aus das Parlament einen Druck auszuüben, damit sie seinen, persönlichen Gefühlen legislative Wirkung verleihen. Da der Besuch in Konstantza einen offiziellen Charakter hatte, machten Abordnungen aller Nationalitäten und Glaubensgemeinschaften dem Königpaare ihre Aufwartung. Tie Juden wurden vertreten durch die Herren RodneS, Harzan und Bujes, die den Majestäten eine Adresse überreichten, in welcher die Treue und die Ergebenheit der Juden gegen die Krone und das Land betont wurden. Der König schien durch die von der jüdischen Abordnung zum Ausdruck gebrachten marinen und aufrichtigen Gefühle tief gerührt zu sein und nachdem er ihnen offiziell seinen herzlichen Dank ausgesprochen hatte, zog er jeden der drei Herren in ein Gespräch. Auch die Königin und der Kronprinz plauderten leutselig mit den Mitgliedern der Deputation. Die ostentative Freundlichkeit des Königs und der Königin gegen die jüdische Abordnung scheint einigen hohen Persönlichkeiten in der Umgebung der Majestäten nicht gefallen zu haben, denn als der König an demselben Tage die Gotteshäuser aller Glaubensgemeinschaften besuchte, wurde er nicht nach der Synagoge geführt, obwohl dieser Besuch auf dem Progamm stand, auch wurden Juden zu dein den Majestäten gegebenen Festmahle nicht eingeladen, obwohl die Namen mehrerer Juden sich auf der vom Präfekten aufgestellren Liste befanden. Diese Thatsachen gelangten zur Kenntnis des Hofes, der offen seine Mißbilligung aussprach, und die Königin lud, um ihre Ansicht über die den Juden widerfahrene Geringschätzung kundzugeben, die Frauen der drei bereits erwähnten jüdischen Herren ein, mit ihr den Abend zu verbringen. Im Laufe der Unterhaltung lobte die Königin die Mildherzigkeit und Wohlthätigkeit der jüdischen Frauen und die in jüdischen Häusern herrschende hohe Sittlichkeit. Am folgenden Tage baten die Mitglieder des Konstanza-Zweiges der großen Vereinigung eingeborener Juden (d. i. eine Vereinigung, die ausschließlich aus jungen rumänischen Juden besteht, die früher Soldaten im Heere waren und nun in der Reserve sind) den König um die Erlaubnis, ihm eine Abordnung senden zu dürfen. Der König ging aber noch weiter; er that zu wissen, daß er den ganzen Verein empfangen wollte. Herr Joseph Berkowitz, der als Sprecher wirkte, benachrichtete den Monarchen, daß einige von den Mitgliedern abwesend seien, da sie an den Manövern teilnehmen müßten. Diese Mitteilung befriedigte den König außerordentlich, und er drückte feine Zufriedenheit in einer Weise aus, daß die Juden stolz fein durften. Der König und die Königin unterhielten sich daraus längere Zeit mit den jüdischen Soldaten, die bevor sie sich entfernten, dem Könige die Beschwerden der Judenschaft gegen die Regierung und die Legislatur ausdrückten. Der König erwiderte mit scharfer Betonung: „Sie sind Rumänen!" — eine Qualifikation, die bekanntlich vom Staat der 200,000 in Ruinänien geborenen Juden rundweg abgestritten wird. Der huldvolle Empfang, der das Königspaar dem Vereine zu teil werden ließ, hat in Konstantza einen tiefen Eindruck hervorgerufen, zumal er der einzige Privatverein in der Stadt war, welchem der König eine Audienz gewährte. Aber den Juden blieb noch ein Schluß-Triumph Vorbehalten. Bevor er Konstantza verließ, besuchte König Karol noch die Gefängnisse und gab die Absicht kund, zur Erinnerung an seinen Aufenthalt in der Hafenstadt einen Gnadenakt zu vollziehen, der Sträflingen jeder Glaubensgemeinschaft zu gute kommen sollte. Es wurde eine Liste aufgestellt und dem Könige vorgelegt; als er sie überflog, bemerkte er mißbilligend, daß jüdische Gefangene übergangen waren und befahl, daß diese Unterlassung sofort gut gemacht werden solle. „Sire", antwortete der dienstthuene Beamte, „es befindet sich nicht ein einziger Jude als Verbrecher im Gefängnisse; eS befindet sich auch nicht einer in Untersuchungshaft." Und diese selben Juden, die sich eines so lauteren Lebenswandels rühmen, werden selbst der geringsten Bürgerrechte beraubt! Projklltk. Fr. Bl. Petersburg, 20. November. Nach fast fünfzehnjähriger Dauer soll nun an die endgiltige Lösung der sogenannten „Judensrage" geschritten werden. Wie die „Rowoje Wremja" meldet, u ird nämlich der Gesetzentwurf betreffend die Regelung der Rechtsverhältnisse der Juden in Rußland noch im Laufe des Monates Dezember vom Petersburger Reichsrate durchberaten werden. Diese Mitteilung der „Nowoje Wremja" wird dadurch bestätigt, daß sämtliche Projekte und Gegenprojekte, welche die vielen Kommissionen zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Juden ausgearbeitet haben, vom Reichsrate bereits einer Prüfung unterzogen wurden. Jedenfalls tritt die Frage über die rechtliche Stellung der Juden im Zarenreiche wieder in den Vordergrund, und es dürfte deshalb von Interesse sein, das Wesen der betreffenden Projekte näher kennen zu lernen. Einerseits liefern die Entwürfe ein reiches Material zur Geschichte der Juden in Rußland, andererseits zeichnen sie die Bahnen vor, in welchen die Regelung der Rechtsverhältnisse sich bewegen soll. In erster Reihe verdient das Projekt hervorgehoben zu werden, welches die Gouverneure der im jüdischen Niederlassungsgebiete liegenden Gouvernements dem Reichsrate unterbreitet haben. Als Männer, die dem Leben der russischen Juden nahe stehen, als Verwaltungsbeamte, die berufen sind, über die Lage im Niederlassungsgebiete und über deren Rückwirkung auf die allgemeine ökonomische Lage des Reiches ein Urteil zu fällen, verdienen die Ausführungen der Gouverneure die weitgehendste Beachtung. Während sämtliche Minister des Innern unter Alexander 111,., Graf Jgnatjew, Graf Tolstoi und der erst jüngst dieses Postens enthobene Staatssekretär Durnowo, an der vorgefaßten Meinung festhielten, daß die Juden in ökonomischer Hinsicht schädlich und in politischer Hinsicht unzuverlässig seien, und alle von ihnen geschaffenen Beschränkungen und Ausnahmsgesetze gegen die Juden mit der Wahrung der Interessen der orthodoxen Bevölkerung und des Staates motivierten, treten die Gouverneure in ihrem Projekte energisch gegen diese Ansicht^ auf. Einstimmig wird von den Gouverneuren konstatiert, daß die

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