Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 48 (29.11.1895)
- Date
- 1895-11-29
- Page
- Seite 774 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 774. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. immer dem Staate, der sie walten ließ, ein allgemeines Wohlbefinden gebracht — so Holland. Das sind lebende Zeugen der Geschichte. Die menschliche Gesellschaft ist eine zusammenhängende Kette, ob die einzelnen Glieder aus diesem oder jenem Erzschachtc gegraben, die Festigkeit des einen Gliedes kommt unmittelbar auch dem andern zugute und die Lockerung eines einzigen Ringes muß unwillkürlich den Zusammenhang des Ganzen gesährden. Wenn aus der einen Seite alles Recht, auf der andern alles Unrecht gesucht wird, kann nur ein Zerrbild entstehen, dauernd kann ein solches sich nicht erhalten, wenn noch so viele künstliche Mittel angewendet werden. Dieses vieltausendjährige Unrecht, welches an Israel verbrochen wurde, hat es doch nicht um's Leben bringeil können. Was lehrt uns doch die statistische Zusammenstellung der Zahlen, die vom jüdischen Volke, seit dem Beginne seiner Entwicklung bis heute bekannt ist? Sie lehrt uns mit sprechenden Ziffern, daß nicht diese, nicht die Menge, sondern die feste Zusammengehörigkeit, die innige Gemeinschaftlichkeit, der Volksgeist, die unverwüstliche Kraft bilden. Beginnen wir mit den Zahlen, die die jüdische Geschichte uns bietet: Siebzig Personen stark zogen unsere Väter nach Egypten, nach wenigen hundert Jahren waren sie den Sternen gleich an Menge, 600 000 ivaffensähige Männer — eine beiläufige Zahl von zweieinhalb Millionen, trotzdem sie unmenschlich geknechtet morden sind. Zur Zeit Davids, also wieder einige hundert Jahre später, zählten sie 1300 000 Männer, beiläufig siebeneinhalb Millionen, trotz der unaufhörlichen auft reibenden Kämpfe, die sie zu bestehen hatten. Die zehn Stämme wurden nach fast zweieinhalb Jahrhunderten von den Affyrern weggeführt, bei der ersten Zerstörung Jerusalems, die anderthalb Jahrhunderte nachher erfolgte, Massen getötet, aus Babylon kehrten nur noch wenige zurück; im Kampfe gegen die Syrer starben dann Tausende den Heldentod, Unzählige kamen um im Dienste Alexanders und Cäsars, viele würben zerstreut in den römischen und griechischen Provinzen — und doch zählte man unter König Agrippa zwei Millionen, die das Passahfest in Jerusalem feierten, und die Provinz Galiläa allein hatte im Kamps gegen Titus, nach dem Referat des Josephus, eine Bevölkerung von dreieinhalb Millionen. Wie viele Millionen mußten da noch auswärts leben! Bei der zweiten Zerstörung Jerusalems allein verloren eine Million Juden das Leben, 900 000 wurden weggesührt, bei Bethar kamen 600 000 Menschen um; dann erst die Blutgelage, die sich die Völker mit den Juden machten, bei den bekannten frommen Zügen ins Morgenland, bei der schwarzen Pest, bei der Völkerwanderung, bei der Austreibung aus Spanien, bei den Verfolgungen in Deutschland, den vielen Metzeleien in einzelnen Städten und trotz der vielen Einschränkungen in Luft, Licht, Verkehr und Lebensweise zählt Israel wenigstens nach den bekannt gewordenen Zahlen 7 bis 8 Millionen aus Erden und überall ist der Jude zu Hause und überall wird über ihn als wichtigen Faktor verhandelt. Es ist dies eine einzig dastehende Thatsache unter den Völker:: in der Geschichte, die nicht genug wiederholt werden kann, dem Israeliten zur Ermutigung, dessen Feinden zur Entmutigung. Diese Statistik, die wir uns machen, diese Volkszählung, die wir unter uns vornehmen, lehrt nns, daß nicht die Zahl, nicht die Menge die Kraft eines Volkes ausmachen, sondern der Geist, der es beseelt. Diesen Geist uns zu erhallen, den echt semitischen, der mit jedem Fortschritte der Zeit sympathisiert, jede Reaktion verpönt, mit keinem Rationalgotte paktiert, und die Erde als eine Welt betrachtet, die in ihrem Ganzen zusammenhängt und nicht bestimmt ist, in Kerkerzellen eingeteilt zu werden, nach den altertümlichen heidnischen Spezialgottheiten; den Geist, der jedem Individuum seine freie Entwicklung , jeder Nation ihre vorzügliche Eigentümlichkeit der Sprache und Sitte, aber auch der ganzen Menschheit ihre innige Zusammengehörigkeit erhält, diesen wollen wir in uns weiter hegen, pflegen, warten und erhalten, wie immer auch die Resultate der Volkszählungen sich darftellen sollten, in ihren Bewegungen und Schwankungen nach Innen und nach Außen. Die Volkszählungen sind — wie wir gesehen haben — in ihrem Ursprünge semitisch, gleich so vielen anderen, modernen Einrichtungen der Zeit, und auch ihre Resultate können nur diesem menschenfreundlichen semitischen Geiste zu statten kommen, der die Menschheit zusannnenschließt, einigt, verbindet, nicht aber trennt und scheidet! Die iübifdini sihmumk» au den Kkimndeschulku Berlins. Von Volksschnllehrer L. Weinberg, Bpdenfelde. Eigentlich hätte die Ueberschrift lauten müssen: Die Berliner Gemeindelehrerinnen jüdischen Glaubens. Dem: in der gebräuchlichen Sprachweise verstehen wir unter jüdischem Lehrer einen solchen, der an einer jüdischen Schule angestellt ist, mindestens aber einer solchen, der auch jüdischen Religionsunterricht erteilt. Zum allermindesten aber ist ein jüdischer Lehrer ein solcher, der die Qualifikation zur Erteilung des jüdischen Religionsunterrichts besitzt. Ich hege die Vermutung, daß keine dieser Bedingungen von den in Frage kominenden Lehrerinnen erfüllt wird. Was n:an lehren will, rnuß nian zunächst selbst gelernt haben, und man inuß sich über das erlangte Wissen auszuweisen vermögen. Die Bildungs-Anstalten für Lehrerinnen mögen ein sehr umfassendes Wissen und Können geben — für jüdischen Religionsunterricht bereiten sie nicht vor. Wie ist es aber mit der Qualifikation für die sonstige Unterrichtserteilung? Rach der Verfügung des Brandenburger Provinzial-Schulkollegiums sollen Lehrerinnen jüdischen Glaubens fortan nicht mehr in Deutsch, Litteratur und Aussatz sowie in Geschichte unterrichten. Die nominelle Befähigung haben sie durch die Prüfung erlangt, die Berechtigung durch die Anstellung. Was berechtigt nun das Pr.-Sch.-K. zu der einschneidenden Verfügung? Ich kann zunächst nur der Ansicht 'Raum geben, daß die Verfügung zu Unrecht erlassen ist, und meines Erachtens hätten berufene Männer diese Ansicht verfechten müssen und nicht ein so einschneidendes Unrecht, durch welches die Ehre von Lehrerinnen unverdienter Weise gekränkt ist, stillschweigend hinnehmen dürfen. Ich will mich jedoch einmal in die Seele des Pr.-Sch.-K. hineindenken. Es ist klar, daß hier antisemitische Anschauungen unterlaufen. Ein jüdischer Lehrer soll einfach nicht geeignet sein, 'Richtjuden in Deutsch und Geschichte zu unterrichten. Welchen Wert hat dann aber die durch das Examen erlangte Qualifikation? Hat dann das erlangte Prädikat der