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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-29 · 48 (29.11.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
48 (29.11.1895)
Date
1895-11-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Hlo. 48. Jahrgang I V. Herausgeber A. Levin, MerNn. (löftttfittf Berün, 29. November 1895. Hefchttrun. Bezugspreis: viertetjährk. 2 Mk. Erscheint an jedem Areitag. ZZezugspreis für das Anstand: Z8K. 2,50. Zu beziehen durch die Post, _unsere Expeditionen und den Buchhandel_ Jiiljalt: Zur Volkszählung. Von W. Reich. Tic jüd. Lehrerinnen. Vou L- Weiuberg. Was sagt der Nachtwächter? Der Äöuig vou Rumänien und die Juden. Projekte. Die hebräische Gebetssprache. Vou Dr- S. Bernfeld. Aus Alt-Berlin. Der Talmud- Vou Dr. Hochmuth. Wochen-sshronik. — Kalender. Anzeigen. Zur WksDllmg am 2. Dykmlier. Von Rabbiner W. Reich in Baden. Es ist wohl eigentümlich, jedoch nicht minder wahr, daß fast jede moderne gesetzliche Einrichtung, die als eine Errungenschaft der Reuzeit hochgepriesen wird, sich wentgstens in ihren Spuren schon, mehr oder minder ansgebildet, bei den alten Hebräern und ihren späteren staatlichen Vorkehrungen vorftndet. Es ist „nicht ohne", das Geschrei der Antisemiten, daß die moderne Welt „verjudet" sei. Sie ist es von der Religion angesangen bis zu den Idealen der Zukunftstränmer, von der staatlichen Kulturspitze bis zu der gemeingiltigen Arbeitseinteilung. Ja die moderne Welt ist „verjudet"; vom Scheitel bis zur Zehe von semitischen Blutkügelchen durchzogen, wenn auch die übergroße Zahl der zivilisierten Menschheit arischer Abstammung sein sollte. Sie ist es; der Gott, der angebetet wird, die Krone, die mit dem Salböl geweiht, die Kirche mit ihren Festen und auch der Staat mit seinen Einrichtungen. Sie allgemeine Volksbewaffnung von 20 Jahren aufwärts, sie findet sich zu allererst in der Bibel; der gesetzliche Ruhetag in der Woche, im Dekalog; die achtjährige obligate Schulpflicht — mit einer kleinen Abänderung von 5 bis 13 Jahren - am allerfrühesten in der Mischna; die Wohlthätigkeit, die zur Pflicht gemacht wird, oder mit anderen Worten: die obligate Armensteuer, in den mannigfachsten Anordnungen von Bibel und Talmud; die sozialen Bestrebungen in ihrer Widersetzung gegen die Anhäufung von Besitz, sind in den Verordnungen über Erlaß- und Jubeljahre im Kerne schon vorbanden. Die modernste Wissenschaft ist nun die Statistik, die spielt heutzutage eine große Rolle. In unserer Zeit wird alles gezählt und berechnet. Geburten, Sterbefälle, Schulbesuch, Redaktion und Verlag: Hr Kamvurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 nehinen alle Annoncen-Lxpeditionen sowie unser Bureau entgegen. Handel, Verkehr, Bildung, Wohlthütigkeitsanstalten, Berufsarten, Naturerzeugnisse, die Zahlen werden zusammengestellt, geordnet, verglichen, um aus denselben die geheimnisvollen Gesetze der schweigenden Natur abzulauschen, nach denen sich die Länder und Völker, die Staaten und Stämme bilden und erhalten, auflösen oder zu Grunde gehen. In der Volkszählung findet die Statistik ihr bestes Instrument und auch diese ist — semitisch. „Zehnmal wurde Israel gezählt", lautet eine jüdische Tradition. „Bei seinem Einzuge in Egypten, bei seinem Auszuge, bei der allgemeinen Musterung in der Wüste, bei der Lagerordnung nach seinen Fahnen, von Josna bei der Teilung des Landes, zweimal bei Saul, einmal bei David, bei der Rückkehr aus Babylon von Esra, und einmal wird es einst in Zukunft gezählt werden". Wir Juden haben uns übrigens über den Mangel einer Volkszählung selbst bis in die neueste Zeit hinein nicht zu beklagen; wenn mir uns nicht zählen, so zählen uns desto aufmerksamer unsere Gegner. Die Resulsate der Statistik sind oft genug in korrumpierter Weise als Kampfmittel gegen uns ausgebeutet worden. Zahlen sprechen und imponieren, und es ist dem Laien schwer den richtigen Einblick zu gewinnen, wie sie sich zusammenfügen, in den Urgrund ihrer Entwickelung mit Verständnis einzudringen. Mit Statistik wurde schon lange gegen uns operiert, mit derselben wurden wir als wissenschaftliches Objekt, nach unseren Eigenschaften und Eigenarten zerlegt, zerfasert, zergliedert, da wurden statistische Beweise erbracht, daß bei uns die Sterbefälle weniger, die Geburten mehr, die Ehen häufiger, die Lehranstalten frequentierter seien, als bei anderen Völkern, Vorwürfe, die doch nicht auf Lasier zurückzuführen sind, sondern auf stetige uralte Kulturarbeit und Sittenstrenge. Doch werden sie künstlich zugestutzt zu politischen und sozialen Spitzhaken, die, als Bedrohung der Mitbewohner, Gefährdung des allgemeinen Volkswohles, Verdrängung und Verschiebung der natürlichen Verhältnisse dargestellt werden, um den Haß zu erwecken, den Neid zu stacheln, die Habsucht zu entzünden. „Ties ist einer von uns, dies ist ein Fremder!" So sprechen Niedere Seelen. Die Welt ist nur ein einziges Haus. So sprach ein Dichter, der Geistlicher und Deutscher.war, aber in der humanistischen Zeit lebte. Das Wohlbefinden des Einen muß deßhalb noch n.icht das Mißbehagen des Andern Hervorrufen; die Austreibungen der rührigen Juden haben immer noch dem eigenen Lande den Todesstoß gegeben — so Spanien; die Toleranz gegen die Juden noch

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