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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-22 · 47 (22.11.1895) · p. Seite 769

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
47 (22.11.1895)
Date
1895-11-22
Page
Seite 769 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 47. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Sette 769. geistlichen und weltlichen Leiter, ihrer Schulen und Anstalten enthält. Im Laufe dieser Woche versendet der Gemeindebund an sämtliche Vorstände sowie an zahlreiche Kultusbeamte des Reiches einen Fragebogen, dessen prompte und gewissenhafte Ausfüllung allein die Nützlichkeit des Buches bedingt. Das vom Bunde an die Empfänger des Fragebogens gerichtete Ersuchen um Förderung des nützlichen Werkes wollen darum auch wir nachdrücklichst unterstützen. - Die jüdischen Ritter des Eisernen Kreuzes. Das „Volk" schreibt in seiner Nr. vom 9. Nov.: Daß 312 Juden das Eiserne Kreuz bekommen haben, wird ungefähr stimmen. Aber nach der Liste, die die Judenschutzmittellungen veröffentlicht haben, handelt es sich fast nur um Aerzte. Von besonderer Kriegstiichtigkeit sind also diese Eisernen Kreuze kein Beweis- Hierauf antworten die Mitteil, aus dem Abwehrverein: Das „Volk" lügt wieder einmal. Unsere Liste mit ihren Nachträgen zählt 363 jüdische Ritter des Eisernen Kreuzes und der entsprechenden Orden anderer Bundesstaaten, darunter 139 Doktoren und 224 Soldaten. Dabei steht noch nicht einmal fest, ob alle diese „Doktoren" Aerzte waren, und von einzelnen dieser Aerzte wird ausdrücklich erwähnt,, daß sie die Orden wegen ihres tapferen Verhaltens bekommen haben. — Einige Stützen des Thrones sind stark ins Wanken geraten, weil sie längst wurmstichig gewesen. Gegen Karl Sedlatzek, den Herausgeber, des „Antis. Generalanzeigers" ist ein Strafverfahren wegen Majestütsbeleidigung eingeleitet worden. Und dem Redakteur des „Deutschen Michel", den die Antisemiten sonderbarer Weise als Witzblatt ausgeben, ist wegen Beleidigung der Kaiserin Friedrich eine Kur auf einer Festung verordnet worden. — Hammersteins Erben. Am Bußtage des vorigen Jahres schrieb Herr von Hammerstein-Woßu in der Kreuzzeitung: „Aber in dem Kämpfte für Sitte sind die Genossen schon weniger; da kann man sich nicht mit rein Aeußerlichem begnügen; auch der Kämpfer selbst muß intakt sein." Der Wackere hatte ja so recht! Darum hat er den Kampf auch aufgegeben. _ Seine früheren Schildknappen aber setzen den Kampf noch fort und schreiben zum diesjährigen Bußtage: „Wenn aber die Welt grade die Sünden von Christen aus Lust am Skandal und aus Haß gegen das Christentum an die Oeffentlichkeit zerrt, wenn sie mit doppeltem Maße mißt, wenn sie bei einem Christen verurteilt, was sie selbst thut und bei ihren Genossen selbstverständlich findet, so liegt darin im Grunde eine Anerkennung der christlichen Sittlichkeit. Sogar die Welt verlangt von einem Christen eine höhere Sittlichkeit." Aus Lust am Skandal also hat man die Sünden des „Christen" Hammerstein an die Oeffentlichkeit gezerrt? — Das läßt tief blicken, denn es fordert zu der Vermutung heraus, daß andere Leute, natürlich nur aus Abneigung gegen Skandal, die Sünden des „Christen" Hammerstein vertuschen wollten. Uebrigens ist die Behauptung, daß Haß gegen das Christentum gerade die Sünden von Christen an die Oeffentlichkeit zerre, eine unverfrorene Unwahrheit. Wo die Christen in großer Mehrheit sind, ist das einfach unmöglich. Nicht gegen den „Christen" Hammerstein, sondern gegen den Heuchler und Sünder haben sich die Veröffentlichungen gerichtet, und daß sie skandalös gewesen, war Hammersteins Schuld. Wohl aber wird die Kreuzzeitungslüge zur Wahrheit, die gegen die Kreuzzeitung zeugt, sobald man in den oben angeführten Sätzen Judentum für Christentum und Juden für Christen sagt. — Herr Ahlivardt ist europamüde und will eine Reise nach Amerika unternehmen, um dort Gastvorstellungen zu geben und Geld und Geldeswert zu nehmen. Angeblich soll er von mehreren Deutsch-Amerikanern zu dieser Reise animiert worden sein, in Wirklichkeit aber würde diese Reise ein Beweis sein, daß der märkische Abgeordnete in Deutschland abgewirtschaftet hat. Im Interesse A.'s ist es übrigens zu bedauern, daß der große Cirkusmann Barnum nicht mehr am Leben ist; er würde sicherlich A. drüben „aufgepäppelt" und engagiert haben. * Das 299 jährige Jubiläum der Synagogen-Gemeinde Rendsburg ist am 10. d. M. gefeiert worden. An dem von dem Rabbiner und dem Kantor aus Altona geleiteten Gottesdienste nahmen auch die städtischen und Staatsbehörden teil. Der bekannte Historiker, Rabb. Dr. Stern in Kiel hat eine Festschrift herausgegeben, die eine eingehende Geschichte der Rendsburger Gemeinde enthält. Dieselbe steht in sehr engem Zusammenhänge mit der Gründung des Stadtteils Neuwerk. Um Ansiedler herbeizuftthren, versprach der König Christian V. 1692 den Bauenden verschiedene Vorrechte. Er erneuerte besonders die Zusage der freien Religionsübung und schloß hiervon auch die Juden nicht aus; doch sollte die Abhaltung öffentlicher Gottesdienste nur den Evangelisch-Lutherischen gestattet sein. Die ersten jüdischen Ansiedler waren 2 Brüder aus Stadthagen im Schauenburgischen, welche 1693 nach Rendsburg kamen. Dieselben erhielten ein königliches Spezialprivileg, daß ihnen alle Bürgerrechte der fremden Religion verlieh. Im Jahre 1695 gab der König seine Approbation zur Errichtung des Friedhofes, der noch heute benutzt wird, und damit war die jüdische Gemeinde Rendsburgs begründet. Das Wachsen derselben wurde von Rat und Bürgern der Stadt nicht gern gesehen und nahm besonders auch die Geistlichkeit an dem Abhalten regelmäßiger jüdischer GotteSdieste Anstoß. In dem entstandenen Streit entschied indes der König zu gunsten der Juden. Derselbe that zudem alles Mögliche, um das Wachstum der jüdischen Gemeinde zu fördern. Er gestattete ihr einen Vorsänger, Küster und Totengräber zu halten, ohne daß dieselben verpflichtet sein sollten, eigene Häuser zu besitzen, was allen übrigen Ansiedlern zur Pflicht gemacht war. Die Niederlassungserlaubnis erstreckte sich für Juden indes nur auf den Stadtteil Neuwerk. Au Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die dem Vorsänger, Küster und Totengräber erteilte Vergünstigung auch dem Schächter und Lehrer zuteil. Erst im Laufe unseres Jahrhunderts wurde den Juden auch das Wohnen in der Altstadt gestattet, doch haben sie von dieser Freiheit nur sehr wenig Gebrauch gemacht. Fast alle Mitglieder der Gemeinde wohnen nach wie vor im Stadtteil Neuwerk. Am 10. November 1845 wurde die jetzige Synagoge eingeweiht, welche im Laufe der Jahre mit bedeutenden Stiftungen bedacht worden ist. In den letzten Jahren sind verschiedene israelitische Familien von dort fortgezogen, so daß die Gemeinde sehr zusammengeschmolzen ist und z. Z. aus nur reichlich 20 Familien besteht. *t. Aus Oesterreich-Ungarn. In sturmbewegter Zeit, in der ein Ereignis das andere jagt, kann der Referent eines Wochenblattes mit der Tagespresse nicht gleichen Schritt halten. Er muß über Dinge referieren, über die jeder Zeitungsleser längst zur Tagesordnung übergegangen ist. Die Nichtbestätigung des zum ersten Bürgermeister von Wien gewählten Antisemitenhäuptlings Lueger durch den Kaiser,

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