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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-22 · 47 (22.11.1895) · p. Seite 770

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
47 (22.11.1895)
Date
1895-11-22
Page
Seite 770 (sequence 14)
Language
German
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Seite 770. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. die Wiederwahl des Nichtbestätigten durch den Gemeinderat, die Auflösung des Gemeinderats durch die Regierung - die Disposition des Chad gadjo! — wer wollte hierüber noch eine Zeile lesen? Dagegen wird der deutsche Leser mit Jntereffe lesen, daß der Umschwung, der sich jetzt in Wien vollzieht, in eingeweihten Kreisen in erster Linie auf die Person des Kaisers zurückgeführt wird. Und der Monarch hat sich g eich beim letzten Regierungswechsel eines Mannes versichert, der gewillt war, den Intentionen des Herrschers Rechnung zu tragen; Graf Badeni war es nämlich, der in dem Antisemitismus staats- und dynastiefeindliche Tendenzen erblickte und mit dieser seiner Meinung vor dem Monarchen auch nicht zurückhielt. Diese Erklärung war es, die in der Gesinnung des Kaisers den Ausschlag gab. Daher die Nichtbestätiguug Luegers, daher die Auflösung des Gemeinderats. Rach diesen Informationen ist es sicher, daß die österreichische Regierung nunmehr alles daran setzen wird, dem „Luegerismuö" den Boden unter den Füßen zu entziehen. — (Auslieferung der Abgeordneten Lueger und Schneider.) Der Jmmunitätsausschuß des Abgeordnetenhauses bewilligte das Ansucheu des städtisch-delegierten Bezirksgerichtes Wieden, um Auslieferung des Abgeordneten Lueger wegen Ehrenbeleidigung, ferner das Ansuchen des Kreisgerichtes Kronenburg um Auslieferung des Abgeordneten Schneider wegen Vergehens nach § 302 St.-G. (Aufforderung zur Feindseligkeiten gegen Nationalitäten, Religions- oder andere Gesellschaften u. s. w.) und schließlich das Ansuchen des städtisch-delegierten Bezirksgerichtes Rudolfsheim um Auslieferung Schueider's wegen Ehreubeleidigung. (Verspätet!) — (Die Chancen des bisherigen Abgeordneten Dr. Bloch,) der sich um das von ihm niedergelegte Mandat für den galizischen Wahlkreis Kolomea wieder bewirbt, scheinen wenig aussichtsvoll. Dem Blatte des Dr. Bl. wird aus Kolomea geschrieben: „ . . . Leider steht unsere Sache nicht sehr günstig. Die Agitation der Gegenpartei arbeitet mit Hochdruck. Es stehen ihr die reichsten Geldmittel zur Verfügung. Die Eitelkeit des Strebertums ist ja immer gern zu Geldopfern bereit. Uns fehlt es an allem. Nicht einmal ein Agitationslokal zu mieten sind wir in der Lage und für den 5. Dezember ist die Wahl ausgeschrieben. Dennoch sehen mir mit Gottvertrauen in die nächste Zukunft und wollen rechtschaffen unsere Pflicht thun, unserem bisherigen Abgeordneten zum Siege zu verhelfen." * 8t. Aus Amerika. Herr Jacob Schiff in New-Pork, ein Süddeutscher von Geburt, der bekannte Förderer alles Edlen, hat dem Hebrew Union College.eine Schenkung von 1000 Dollars gemacht. Der großherzige Akt ist um so anerkenneswerter, als er ohne jede äußere Anregung und in schlichtester Weise geschah. Herr Jacob Schiff hat als wahrer Philanthrop sich einen ehrenwerten Namen gemacht. Seinem Verdienst verdankt das wohlthätig wirkende Hebrew-Jnstitute, das der Fortbildung der russischen Einwanderer gewidmet ist, mächtige Förderung, er hat, um das russische Ghetto Nem- Yorks zu heben, daselbst einen kunstvollen Springbrunnen errichtet, er hat die Kosten eines Bandes von Kohut's Aruch ausschließlich bestritten, er hat als Obmann des Munizipal- Reform-Ausschusses einen Typus des von wahrem Gemeinsinn erfüllten Bürgers zur Anschauung gebracht, er ist ein eifriger Förderer aller Wohlthätigkeitsinstitute, welche das New-Porker Judentum, darin von keiner Gemeinde der Judenheit erreicht, geschaffen hat. Er hat die offene Hand eines Baron Hirsch und das jüdische Herz eines Monteftore, so daß man aus ihu ohue Schmeichelei das Dichterwo.t anwendeu kann: Nennt man die besten Namen, wird der deine auch genannt. Kier und dort. — Aus Schlawe bringt die „N. Stett. Ztg." folgende kuriose Meldung: Zur Gründung eines antisemitischen Vereins hatten halbwüchsige Burschen zu Donnerstag Abend 8 Uhr nach dem Lokale des Konditors Gamrod ohne dessen Vorwissen eine Versammlung einberufen, die dann von Herrn G. sogleich untersagt wurde. Darauf versammelten sich die antisemitischen Häuptlinge in Prakow's Hotel. Als dort ein antisemitischer Bautechniker einen jüdischen Reisenden interpellierte, setzte man ihn an die frische Luft. Da er jedoch auf der Straße noch Skandal anfing, so wird die Sache wohl noch ein Nachspiel haben. — Die „Antisemitische Volkspartei München" hat beschlossen, ihren Austritt ans der Bayerischen antisemitischen Volkspartei zu erklären für so lange, „als dieselbe Beziehungen zu Herrn Ahlwardt unterhält." In der Begründung dieses Beschlusses heißt cs u. a-, Ahlwardt habe auf dem Parteitage vom 30. September wissentlich die Unwahrheit gesagt und der „Antis. Volkspartei München" gegenüber einen schweren Vertrauensbruch begangen. — Sonst nichts?! — Unter den bei der bayrischen Kammer der Reichsräte eingebrachten Petitionen führt das Protokoll folgende auf: „Bittgesuch des hebräischen Sprach-und Schreiblehrers Ludwig S. Skutsch dahier vom 1. Oktober d. I. um Verteilung des Lechfeldes rc. an alle erwaschenen christlichen Baiern. — Für ein solches Gesuch giebt es eine kurze und bündige hebräische Benennung: „Meschngaas." -- Die Leitung des Universitätsklubs in Pest verwahrt sich gegen die in einigen Blättern enthaltene Behauptung, als unterstütze der Klub die antisemitische Bewegung. — Oberst Ritter von Eiß, Kommandant des 14. Landwehr-Jnfanterie-Regiements in Brünn, ist nach mehr als vierzigjähriger Dienstzeit, während welcher er durch mehrere Orden ausgezeichnet und geadelt wurde, um Pensionierung eingeschritten. — Ans Anlaß der Eröffnung einer staatlichen Präparandie in Temesvar wurde von dem ungarischen Kultusminister Dr. Wlass!cs auch eine jüd. Deputation empfangen. Dem Sprecher derselben erwiderte der Minister, er sei stolz daraus, daß er bei der Rezeption der israelitischen Religion Mitwirken durfte- „Schon lange hielt ich es für eine Lücke des ungarischen Verfassungsrechtes, daß diejenige Konfession, welche wir so lange kennen, welche dem Vaterlande seine hervorragendsten Söhne stellte, nicht die volle Gleichberechtigung mit anderen genoß. Diese Errungenschaft wird vollkommen sein, sobald Se. Majestät den votierten Gesetzentwurf, dessen hervorragendste Bestimmung die Über den Uebertritt zum Judentum ist, genehmigt habet: wird." — Im Alter von 95 Jahren ist am 6. d. Jakob Montefiore, einer der Geachtesten in der London c r Gemeinde, mit Tod abgegangen. Er war in Jamaika geboren, genoß aber seine Erziehung in England. Lange Jahre waren er und seine Brüder Agenten des Hauses Rothschild für Australien. Der König Wilhelm IV. ehrte ihn, indem er ihn zum Kommissär für die Kolonisierung der Kolonie Viktoria ernannte. Sein Interesse hing sein Leben lang an Australien. Jakob Montefiore hatte auch tiefes Interesse an wissenschaftlichen Dingen. Die geographische Gesellschaft nahm ihn als Mitglied auf. Für die Armen hat er viel gethan. — Claude G. Montefiore in London ist an Stelle Sir Julian Goldsmid's zuni Präsidenten der Anglo Jewish Association gewählt worden. Kries- und stagelailicu. — In der vorletzten Nummer dieser Zeitschrift findet sich ein Inserat von einem Restanratur, der u. a. Fasanen ausbietct. Vor einigen Jahren erklärten mir aber zwei Rabbiner in Oberschlesien, daß Fasanen seien- Da diese Zeitschrift viel von den Herren Rabbinern gelesen wird, so möchte ich diese Herren bitten, sich zu äußern, ob Fasanen „koscher" sind. I- G. in M. — Herrn Dr. K-, Jnowrazlaw. Die beide» Briest werden wir m unsrem von Januar erscheinenden Litteraturblatt veröffentlichen- — Herrn D. B., Elbing. Ihre Uebertragnng des „Erlkönig" ins Hebräische ist vorzüglich, die Lektüre derselben hat uns Vergnügen bereitet, aber drucken können wir sie bis auf weiteres nicht. Viellspäter im Litteraturblatt. — Hrn. T. K-, Vallendar. Wir können die Antwort auf die Frage in Nr- 45 nicht bringen, da unsere Offizin nur wenig hebräischen Satz hat.

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