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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-22 · 47 (22.11.1895) · p. Seite 767

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
47 (22.11.1895)
Date
1895-11-22
Page
Seite 767 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 47. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 767. Er verbeugte sich ehrerbietig und schritt rasch und ohne sich umzusehen hinaus; sein Vater folgte ihm schweigend. Verwundert und kopfschüttelnd blickte ihn der Pole nach. Mit raschen Schritten waren sie schon auf die Hausflur hinausgetreten und eben im Begriffe das Haus zu verlaßen, als hinter ihnen eine lauste, melodische Stimme ertönte, — Amigo! ries es ihnen nach. Amivser horchte auf, rasch wandte er das Haupt, die Gräfin stand in der Thür. „Amigo!" rief sie ein zweitesmal in vorwurfsvollem Tone, „wollt Ihr ohne Abschied von mir fortgehen?" „Geh voran Vater, ich komme bald nach", sagte Amivser zum Alten und während dieser das Haus verließ, schritt er verwirrt und mit unsicheren Schritten auf die Gräfin zu. „Ich habe Euer Gespräch mit meinem Manne mit angehört", sagte sie mit weicher, gerührter Stimme. „Wenn ich schon vorhin für den edlen Retter meines Lebens alle die Achtung empfand, die er um so mehr verdient, als er sich so hoch über seinesgleichen zu erheben gewußt, so konnte Euer stolzes, uneigennütziges Auftreten meine hohe Meinung von Euch nur bestärken. Mein Mann hat, wie Ihr selbst richtig bemerkt habet, Euch so beurteilt, wie es viele andere an seiner Stelle ebenfalls gethan hätten. Ich aber wollte nicht, daß Ihr in Groll von dannen zieht, und von mir die Meinung mitnehmt, daß ich Euch gleich jenen Eurer Glaubensgenoffen schätze, die nicht besser behandelt sein wollen, als sie es sind. Jadwiga Zarnowiecka wird nie denjenigen vergessen, der für sie sein Blut verspritzt hat." „Edle Frau", sprach Amivser, mit vor Rührung bebender Stimme, „möge mein Leben wie immer sich gestalten, auch mir wird die kurze, aber unvergeßliche Zeit, die ich in diesem Hause zugebracht, nie aus der Erinnerung schwinden. Lebt wohl, und möge Euch all das Glück zuteil werden, das der Himmel nie denjenigen versagen sollte, die er vor so vielen anderen mit hohen Vorzügen ausgestattet." Ein leiser, kaum merklicher Seufzer entfuhr der Gräfin. „Einen Wunsch, edle Frau, hätte ich noch", sagte der junge Arzt, nach einer kurzen Pause, „der Moment des Scheidens giebt mir den Mut, ihn laut werden zu lassen. Was ich nicht annehmen konnte, das war ein Lohn für etwas, das ich nicht um des Lohnes willen gethan. Aber was ich gerne nehmen würde, das wäre irgend ein kleines Andenken, das mir jedesmal, wenn ich es betrachte, den Ort, wo ich es erhielt, und die Zeit, die ich dort zugebracht, in Erinnerung bringen würde. Zürnt mir nicht, edle Frau, daß ich diesen Wunsch vor Euch geäußert. Die Gräfin sann einen Moment nach, dann griff sie an ihren Gürtel, wo derselbe Dolch noch hing, dessen sie sich zur Abwehr gegen den Räuber bedient hatte, und nahm denselben samt dem einfachen goldenen Kettchen ab, woran er hing. „Nehmt", ries sie, „dieselbe Waffe, die mir ohne Eure mutige Hilfe so wenig genützt hätte. Möge sie Euch stets an den Moment erinnern, wo Ihr sie zum ersten Male in meiner Hand erblicktet. Und nun lebt wohl!" Sie reichte ihm die Hand; er verbeugte sich tief und stumm und hauchte einen ehrerbietigen Kuß auf dieselbe. Mit einem schnellen Ruck riß sich die Gräfin los und trat ins Zimmer zurück. Träumend, mit langsamen Schritten, kehrte Amivser zu seinem vordem Thore harrenden Vater zurück. „Das hat lange gedauert", bemerkte Reb Josef, „was wollte sie von Dir, Amivser?" „Nichts", erwiderte dieser, „sie hat sich verabschiedet." „Wie ihr Mann?" fragte mit besonderer Betonung der Alte. „Nein, nicht wie ihr Mann", antwortete Amivser. „Sie rief mich eigens deshalb zurück, um mir dies zu sagen." „Was zu sagen?" fragte Reb-Josef, „ich verstehe nicht ganz." „Nichts, nichts besonderes, Vater", rief Amivser. „Ist es Dir denn so sehr gelegen, jedes Wort der Gräfin zu erfahren?" „O nein, was sollte mir so besonderes daran gelegen sein?" rief der Alte lebhaft. „Ob so oder so, fügte er mit bitterer Betonung hinzu, in Bezug auf uns Juden sind sie alle gleicher Meinung, wenn auch nicht gleicher Worte." Sie schritten eine Zeitlang still nebeneinander her. „Amivser, sagte nach einer Weile der Alte, „Du hast ganz recht gehabt, daß Du mich zurückgehalten hast, das Gold anzunehmen. Es war bei mir die Macht der Gewohnheit, dem herrschenden Stande in allem aufs Wort zu gehorchen, die mich ihm die Hand entgegenftrecken machte. Aber Deine Erziehung war nicht meine, und es freut mich zu sehen, daß meine Mühen nicht vergebens gewesen sind." „Gut hast Du gesprochen, mein Sohn", fuhr er nach einer Weile fort, augenscheinlich fortwährend mit demselben Gedanken beschäftigt und in ungewöhnlicher Erregung; „sehr gut, mein Sohn, sehr gut! — Ha, ha! Gold für Blut wollte er Dir geben! Gold für Blut! Für Gold, denkt er, ist der Jude zu allem feil. Ha, ha! Gold für Blut — für jüdisch Blut!" Er hielt plötzlich inne. Wieder schoß einer jener unheimlichen Blitze aus seinen verschleierten Augen. Amivser anblickend, murmelte er einige unverständliche Worte und schritt dann schweigend weiter. War auch der alte Reb Josef in all seinem Thun und Lassen stets der zärtlichste, aufopferndste Vater für Amivser gewesen, so hatte es doch immer mehr durch seine Thaten als durch seine Worte kundgegeben. Denn diese waren oft rauh, unfreundlich und verstiegen sich nie zu jenen zärtlichen Ausdrücken, die jedes Kind in gewissen Momenten von seinen Eltern zu hören bekonnnt. Amivser hatte daher auch, trotzdem er mit aller Liebe und Treue an seinem alten Vater hing, doch stets eine gewisse Scheu vor ihm bewahrt. Besonders in jenen häufig eintretenden, unheimlichen Momenten, wo ans den erloschenen Augen des Alten Augenblicke lang Funken zu sprühen schienen, welche Momente dann gewöhnlich mit dem Murmeln einiger unverständlicher Worte ihren Abschluß fanden, fühlte Amivser stets ein behagliches Gefühl, das ihn erschreckte und von dem er sich keine Rechenschaft geben konnte. Roch nie hatte er es gewagt, seinen Vater um nähere Aufklärung über diese kurzen Aufregungen und diese unverständlich gemurinelten Worte zu ersuchen. Auch dieses Mal überwand er den unangenehmen Eindruck,, den die Erregung feines Vaters auf ihn machte, und ohne weiter ein Wort mit einander zu wechseln, schritten die beiden ihrer Behausung zu. (Fortsetzung folgt.)

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