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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-22 · 47 (22.11.1895) · p. Seite 766

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
47 (22.11.1895)
Date
1895-11-22
Page
Seite 766 (sequence 10)
Language
German
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/ Seite 766. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. Die des Schammai huldigte der äußersten Richtung zur Vermeidung aller Berührungen mit Heiden durch rigorose Speisen- und Reinheitsgesetze, während die des Hillel die mildere Richtung vertrat. Durch diese Meinungsdifferenzen vermehrte sich der Lehrstoff, der in den Schulen auf Grundlage des Textes der heil. Schrift, mitsauit den verschiedenen Lehrmeinungen der Autoren, mündlich vorgetragen wurde. Parallel mit der „Halacha" ging auch die „Agada", die aber ihre Quelle nicht in den Gerichtsverhandlungen oder Schuldebatten über Erklärung und Anwendung des schriftlichen Gesetzes, sondern in der Synagoge und in der volkstümlichen Beredsamkeit hatte. Ursprünglich waren die Propheten die ersten Volksredner, die Hohe wie Gliedere in den höchsten Aufgaben der Religion: Gotteserkenntnis und Sittlichkeit unterrichteten. An Sabbat- und Festtagen (Kön. II. 4, 23). oder in anderen gelegentlicheil Volksversammlungen hielten sie ihre Reden. Nachdem die Propheten zu reden aufhörten, traten die Weisen an deren Stelle, die den zur Andacht Versammelten den verlesenen heil. Text in volkstümlicher Sprache erklärten. Allgemeiner und stehender Brauch wurden diese Reden, als durch die „große Synode" — oder auch schon früher, keineswegs aber um sehr viel später — es zun: wesentlichen Bestandtteil des Gebetes gemacht wurde, an Sabbat- und Festtagen einen Abschnitt aus bem Pentateuch zu verlesen, zu erklären oder auch zu übersetzen. Das war 'ein so uralter Brauch, daß er sogar, auf Mose zurückgeführt wird. Die Gelehrten in der Versammlung haben stückweise die Wochen-Perykope vorgelesen und daran homilienartige Sieben geknüpft, in welchen entweder die ethischen Gründe des Gesetzes oder Gedanken und Ideen aus den Propheten und anderen Teilen der heil. Schrift erörtert wurden oder zur Nachahmung des Lebeilswandels der biblischen Helden angeeifert wurde. Auch außer der Synagoge bei Familienfesten, Leichenbegängnissen ließen sich die Volksredner hören. Zur Zeit der Entstehung des Christentums waren solche Synagogenreden allgemeiner Brauch, den auch die christliche Kirche angenommen. So hat d as I u d e ntu m di e M enfchheit nicht nur mit einer Religion, sondern auch mit einer diese ergänzenden und verklärenden Inst itutiou, mit der g ottesdienstlichen Beredsamkeit, beschenkt, von der man kaum einen Schatten in den heidnischen Kulten findet. Noch weniger als die halachischen, war es gestattet, die agadifchen Schrifterklärnngen und Erweiterungen auszuzeichnen. Solche Reden, im Bereich der Ideen sich bewegend, zielten nur auf momentanen Eindruck bei den Zuhörern. Wie leicht konnte eine schiefe Schristerklärung oder eine auf fremdem Boden entstandene Idee sich einschleichen, die mit dem Geiste des Judentums nicht übereinstimmt. Aus dieser Zeit sind wenig agadische Aussprüche auf uns gekommen; nur von Hillel und seinen Nachfolgern haben sich einige Bruchstücke erhalten; die der Aelteren dagegen haben mehr die Form von Gnomen, wie sie in den „Sprüchen der Väter" Vorkommen. (Fortsetzung folgt.) Feuilleton. Iah« «,n Jahn. Erzählung aus Polens Vergangenheit. (Fortsetzung.) Da Reb Joses noch eine Zeit lang mit seinem-Sohne in diesem Lande bleiben zu wollen erklärte, bevor sie in ihr Heimatland zurückkehrten, ermahnte ihn der Graf, nicht zu vergessen, alsbald nach ihrer Heimkunft in Krakau ihn aufzusuchen. „Und nun, liebe Landsleute", fügte er hinzu, „muß ich uoch meiue Schuld an Euch abtragen für den Dienst, den Ihr mir beim Ueberfalle der Räuber geleistet, und für die vortreffliche Pflege, die ich Euch während rneines ganzen hiesigen Aufenthaltes zu verdanken hatte." Mit diesen Worten griff er nach einer Kassette, in der nebst anderen wertvollen Gegenständen auch eine beträchtliche Anzahl Goldstücke verwahrt lagen. Dunkle Röte hatte bei dieses Worten sich auf dem Antlitze Amissers gelagert, während" die Gräfin, sichtlich unangenehm berührt, sich aus dem Zimmer entfernte. „Laßt das, Herr", sagte Reb Josef, „wir danken Euch. Mein Sohn ist noch kein praktischer Arzt, der auf sein Honorarangewiesen ist. Der geringe Dienst, den er Euch geleistet, ist durch die freundliche Aufnahme, die Ihr den armen, zurückgesetzten Juden angedeihen ließet und durch die Hoffnung, auch später im Heimatlande uns Eurer Gunst erfreuen zu dürfen, hinlänglich belohnt." „Gewiß, lieber Freund", sagte der Gras, „soll es Eurem Sohne an meiner Unterstützung zu Hause nicht fehlen, und wenn er seine Kunst so gut versteht, wie ich es glaube, so soll es ihnr an Klienten in den höchsten Kreisen nicht fehlen. Aber Ihr seid ja nicht reich. Warum soll ich, der ich reich bin, denjenigen, der mir einen so wesentlichen Dienst geleistet, nicht belohnen? Nehmt doch, Josef!" — und er reichte ihm eine schwere Rolle hin, „seit wann seid Ihr Juden denn so gleichgiltig dem Golde gegenüber?" Reb Josef schien mit sich selbst uneinig zu sein, ob er das Angebotene annehmen solle oder nicht. Schon streckte sich sein Arm mechanisch aus, um das Hingereichte in Empfang zn nehmen, aber ein unsanfter Ruck Amiesers zog seinen ausgestreckten Arm zurück. „Herr Graf", rief Amisser mit dumpfer Stimme, „ich danke Euch für Euer Wohlwollen uns gegenüber. Ihr habt die Juden Eures Landes kennen gelernt und nach ihnen beurteilt Ihr alle übrigen. Wie könntet Ihr auch anders? Ist nun auch leider durch die Gewalt der Umstände bei dem größten Teile derselben die niedrige Meinung gerechtfertigt, die man allenthalben von ihnen hegt, so giebt es doch noch Ausnahmen, und mehr als man vielleicht glaubt. Ich habe meine Erziehung nicht in Polen, sondern in der weiten Welt genossen, und habe gelernt, den Besitz des Goldes nicht als das Höchste zu schätzen. Habe ich, als ich, einen Hilferuf vernehmend, dem Bedrängten zu Hilfe eilte, gefragt, welchen Lohn ich dafür erhalten werde? Mein Blut ist für Gold nicht feil. Das Bewußtsein, die That vollführt zu haben, ist mein Lohn. Behaltet Euer Gold, Herr Graf, möge Eure Reise eine glückliche sein und gedenket zuweilen eines armen Juden, dem — das Gold gleichgiltig ist."

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