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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-22 · 47 (22.11.1895) · p. Seite 762

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
47 (22.11.1895)
Date
1895-11-22
Page
Seite 762 (sequence 6)
Language
German
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Seite 762. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. keiten überhaupt und dein Namen Moses im besondern eine große Bedeutung in der jüdischen Litteratur beigelegt wurde. Von zwei Moses war schon nach Maimonides die Rede. Wenn ich nicht irre, habe ich in einem altern Werke Moses ben Nachman, Nachmanides als den dritten Moses preisen sehen. Was Wunder, daß die jüdische Dankbarkeit Moses Mendelssohn jenen Männern beigesellte! An eine Herabsetzung des ersten Moses ist dabei nicht zu denken, denn im Grunde wiederholt die Redensart von den drei Moses jene kabbalistische Anschauung, nach welcher all unsere Größen einen: Funken des großen Moses ihr Licht verdanken. Im übrigen ist die Zusammenstellung der drei Moses, wie schon gesagt, nur eine Phrase', und Phrasen sind in einem gewissen Sinne unentbehrlich. Auch Dr. Bernfeld, der gegen die Trunkenbolde der Phrase kämpft, ist in dieser Beziehung kein Ascet. Die Phrase von den drei Moses ist nach meinem Dafürhalten so anregend und so tief, daß ich aus ihre Psychologie bei Gelegenheit ausführlicher eingehen, wo ich dann auch den Angriff Dr. Bernfelds gegen Maimonides zurückweisen werde. Die Antipathie gegen Maimonides hat Dr. Bernfeld, wie ich glaube, von Luzzatto geerbt. Es handelt sich bei all diesen Wertschätzungen der tonangebenden Geister unserer Geschichte mehr oder weniger un: Gefühlsstimmungen, über die man nicht dabattieren kann. Unser Gefühl stimmt uns für Moses Mendelssohn. Kink Wikn? bri Kiedrich Wilhelm IV. Lon P. Simon, Posen. Bei der Anwesenheit des Königs Friedrich Wilhelm IV. in Breslau im Jahre 1840 wurde eine jüdische Deputation, bestehend aus den Herren Tr. Abraham Geiger, Kaufmann Levy aus Breslau und Kaufmann Muhr aus Pleß, als Deputierte der schlesischen Gemeinden, zur Audienz im kgl. Palaste zugelaffen. Der Verlaus der Audienz, sowie das bei dieser Gelegenheit gepflogene Gespräch haben noch jetzt historischen Wert und nwge als verspätete Reminiszenz anläßlich des 100. Geburtstages des seligen Monarchen hier Platz finden, damit ein späteres Geschlecht sein Andenken segne. Ter Zeitungsbericht, der sich mit der Audienz beschäftigt, lautet wörtlich: Als der König die Deputation in seinem Palaste erblickte, sprach er: „Ach, meine Herren, ich n:uß um Entschuldigung bitten. Sie waren im Lager. (Lächelnd.) Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Sie waren bei mir, wo ich mit den Truppen lebte; ich habe sie aber dort nicht sprechen können. Ich bitte Sie nochmals um Entschuldigung. Sie heißen —?" Antwort der Deputierten: „Dr. Geiger Mberpräsident v. Mertel, an: Ende des Saales stehend, fügt hinzu: D berr ab bin er, hier); Kaufmann Levy,-Vorsteher hiesiger Gemeinde; Muhr aus Pleß, Deputierter der oberschlesische!: Gemeinden. Der König (zu Herrn Muhr): Also von der äußersten Grenze. Sie haben einen Bruder in Berlins (Rach einer Pause.) Ich bin mit den jüdischen jAngelegenheiten nicht bekannt." Geiger hält nachstehende Anrede L Allergnädigster König und Herr! Uns ist das große Glück zuteil geworden, Ew. Majestät im Aufträge aller schlesischen Unterthanen jüdischen Glaubens, die ehrfurchtsvollen Huldigungen zu Füßen legen zu dürfen. Wir sind von Ew. Majestät der hohen Gnade gewürdigt worden, den Ausdruck ihrer tiefergebenen treuen Unterthangesinnnng, welche dieselben uns schriftlich überreicht haben, mit kurzen Worten mündlich vor Ew. Majestät bringen zu dürfen, Unser hochseliger König hat uns ans dem Schutzverhältnisse in den meisten Beziehungen zum Range der Bürger emporgehoben, tiefer Dank lebt daher unauslöschlich in unseren Herzen. Ew. Majestät huldvolle Aeußeruugeu erfüllen uns mit der unaussprechlich hohen Hoffnung, daß das Werk der Gnade gegen die jüdischen Unterthancu fortgesetzt werde und wir den übrigen Uuterthauen Ew. Majestät gleichgestellt werden. Gleich in Liebe und Treue gegen den allerguädigsten Laudesvater, gleich in den Rechten, welche das Gesetz verleiht, unterscheiden wir uns dann nur noch von den übrigen Unterthanen durch das religiöse Bekenntnis, das, ehrwürdig durch sein Alter, in jeder irdischen Regierung einen Abglanz des Himmlisch-Göttlichen erblickt. Im Namen dieser Religion, welche in Ew. Majestät Staaten noch an 200 000 Bekcnnern zählt, der Religion, die bis jetzt geduldet, durch die Gnade Ew. Majestät zu größerer Anerkennung huldvoll erhoben werden wird, im Namen dieser Religion erflehen wir für die Regierung Ew. Majestät lange Dauer, Heil und Segen! Der König. Ich habe bis jetzt die jüdischen Angelegenheiten nicht aus den: religiösen Gesichtspunkte, sondern aus dem volkstümlichen betrachtet. Volk und Religion haben sich merkwürdig zusammengehalten. Geiger. Ew. Majestät wollen gnädigst verzeihen, wenn ich zu bemerken wage, daß wir in Beziehung auf Volk uns blos als Teil desjenigen Staates betrachten, dein wir angehören, wir demnach vollkomnien Preußen sind. Der König. So müssen Sie wohl denken; allein auch viele nicht. Jedoch will ich damit keineswegs gesagt haben, daß dies ein Hindernis für Sie ist. Sie entbehren übrigens wenig bürgerliche Rechte. Geiger. Wir können nicht zu Aemtern gelangen. . Der König. Einige Aemter können Sie wohl bekleiden. Ich denke indes ernstlich daran, den Kreis der Aemter zu erweitern und habe scyon dem Staatsminister aufgegeben, mir darüber zu berichten. Wie stark ist Ihre Gemeinde? Levy. Ueber 5000 Seelen. Der König. Haben Sie viele Synagogen hier? Geiger. Breslau zählt seine jüdische Gemeinde erst fest, seitdem es das Glück hat unter preußischen: Szepter zu stehen. Da sind noch viele private Synagogen. Die Gemeinde geht aber damit un:, eine Hauptsynagoge zu errichten. Der König. In Schlesien oder in den: Herzogtum haben zwei Synagogen Streit gehabt, — wissen Sie etwas davon? Muhr. Es war in Kempen. Der König. Also im Großherzogtume? Muhr. Ja, Ew. Majestät. Es war dies aber kein Streit über Prinzipien, sondern eine Rivalität zwischen zwei Familien. Ter König. Wird hier gepredigt? Geiger. Seitden: Ew. Majestät hochseliger Vater mich mit dem Bürgerrechte begnadigt hat, verwalte ich das Amt bei der hiesigen Gemeinde. Der König. Sie sind also nicht von hier? Geiger. Ich bin aus Frankfurt a. M., doch geistig ein Preuße, da ich in Bonn die Universität besucht habe und auch so glücklich war, eine Preisausgabe zu lösen. Der König. Haben Sie nicht einen Verwandten in Dessau.

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