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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-22 · 47 (22.11.1895) · p. Seite 761

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
47 (22.11.1895)
Date
1895-11-22
Page
Seite 761 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 47. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 761. nehmen möchte, ohne ihnen einen Ersatz zu bieten, einen Nachfolger Mendelssohns in der Gunst des Publikums proklaniiert, und zwar in der, Mendelssohn wissenschaftlich überragenderxPersönlichkeit Leopold Zunzen S, allein das Eden der jüdischen.Dankbarkeit ist nicht so beschränkt, daß es nicht mehrere wahrhaft große Männer fassen könnte. Wir gewinnen neuen Raum zur Errichtung von Dankaltären für die hohen Geister der Rapaport, Luzzatto k , indem wir die Denkmäler, die sich die Zwerge aus der sogenannten Mendelssohn'schen Schule in ihrer Eitelkeit gesetzt haben, aus den Herzen unseres Volkes reißen. Freilich sollte sich Tr. Bernfeld, der sich so oft gegen die Zugehörigkeit zur Orthodoxie verwahrt, überlegen, ob sich nicht jene Männlein, gegen die er seine schneidige Waffe richtet, für ihn abgemüht haben. Wer weiß, ob man ohne die Wirksamkeit jener armen Sünder in die Redaktion eines jüdischen Blattes eintreten könnte, ohne den Nachweis geliefert zu haben, daß man auch die Gebote und Verbote irgend eines anerkannten „Gaon" von Krähwinkel beachte. Man muß auch den Männern, die man bekämpft, gerecht werden. Auch jene Thoren, die das uns Heiligste und Wertvollste aufgegeben, haben uns genützt. Sie haben uns zum Teil^ das gegeben, was uns fehlte: die alles bezweifelnde und an allem verzweifelnde Skepsis. Den Zeilen, in welchen große Antworten auf die Grundfragen alles Wissens gegeben werden, so lehrt die Kulturgeschichte, müssen Zeiten vorangehcn, in denen in Zweifel und Verzweiflung Fragen gestellt werden. Solche Perioden gab es aber in Israel nur wenige. Ich führe als Beispiel an, daß wir, das klassische Volk der Moral, auf dem Gebiete der theoretischen Ethik wenig schöpferisch gewesen sind, wir sind es nach der berechtigten Behauptung mehrerer Denker gewesen, weil es in unserer Mitte nur wenig moralische Skeptiker gegeben, die die Frage nach dein Grund und nach der Berechtigung der Sittenlehren ernstlich gestellt hätten. Inwieweit dieses Jahrhundert in dem angedeuteten Sinne gewirkt hat, kann ich an dieser Stelle nicht weiter aussühren, um so weniger, als es sich hier blos um Mendelssohn handelt, dessen Verdienste nicht mit der Wissenschaft des Judentums zusammenhängen, sondern vielmehr mit den politischen und allgemein-kulturellen Verhältnissen der Judenhcit dieses Jahrhunderts. Die Verdienste Mendessohns um die Aesthetik und die Popularisierung der deutschen Philosophie, die um jene Zeit nicht — wie Dr. Bernfeld irrtümlich sagt — ihrem Ende nahe war, sondern vielmehr ihrer klassischen Periode entgegen ging, btcfc Verdienste können uns nicht täuschen und ihn uns als tiefen Denker erscheinen lassen. Als Philosoph steht ein Salomon Maimon turmhoch über Mendelssohn und kiiiiüd) wird keinem Juden (insallen, Salomon Maimon als Heros des Judentums zu feiern. Für einen Philo z. B-, den Eduard v. Hartmann anstatt Mendelssohns von den Juden verehrt wissen möchte, schlägt kaum ein jüdisches Herz mehr. Der Name Moses Mendelssohn hingegen ist ein Zauberwort für die deutschen Juden; denn Mendelssohn verdanken sie es, daß die Scheidewände gefallen sind, die sie von ihren Mitbürgern trennten, daß die Mauern eingestürzt sind, welche tic Juden politisch umschlossen, daß die deutschen Juden für. eine lange Zeit die Führung übernommen haben in der Geschichte der Juden. Ich will nicht Hinweisen auf die Eharaktergröße Mendelssohns, die Israel viele Freunde gewonnen — dies wäre viel zu unwesentlich — ich will nur betonen, daß die Bibelübersetzung Mendelssohns, mag sie auch in manchen Stücken verhängnisvoll gewirkt haben, mag sie auch wissentlich unbedeutend^sein, eine rettende That, ein epochemachendes Ereignis gewesen ist. Denn die Bibelübersetzung und ihre Begleiterscheinungen hat den Reinigungsprozeß der deutschen Sprache im Lager^der^Juden^in hohem Maße befördert. Diesen Erfolg des MendelssohnscheiOWirkens kann man nicht hoch genug anschlagen. Denn ohne denselben wäre vielleicht die Emanzipation der Juden in Deutschland unmöglich gewesen und die babylonische Sprachverwirrung würde noch heute die Judenheit Deutschlands schänden. Ohne Moses Mendelssohn würden mir Leser des Jeschurun vielleicht auch auf die schönen Aussätze Dr. Bernsilds haben verzichten müssen, wir müßten sie denn im Jargon lesen. Tr. Bernfeld erinnert an die Glanzpoche der spanischarabischen Judenheit, in der die Juden auf der Höhe der Kultur standen, aber er vergißt, daß auf diesen hellen und lichten Tag unserer Geschichte eine finstere Nacht gefolgt war, deren Schwinden der Morgenstern unserer^Zeit Moses Mendelssohn gekündet. Kant bedient sich bekanntlich zur Verdeutlichung eine seiner Lehren der Wendung, daß für den Denker Ändert Thaler in der Tasche nicht mehr sind als hundert Thaler in der Einbildung. Diese Wendung variierend, möchte ich sagen, für den Schwärmer ist die Erinnerung an die gehabten hundert Thaler, an die verflossene Zeit des Glanzes, eben so viel wie der tatsächliche Besitz dieses Gutes. Für den einfachen und schlichten Menschen aber ist es zweierlei, ob er als deutscher Jude auf der Höhe der Kultur steht oder ob sein Stammesgenosse aus Spanien auf der Höhe derselben ehedem gestanden hat, und er ist dem Manne dankbar, mit dessen Thätigkeit seine Erlösung verknüpft ist. Diese Erlösung ist keine rein praktische, sondern eine eminent geistige und darum nicht mit der Wiederöffnung Englands für die Juden durch die geschickte 'Agitation Manasse ben Israels zu vergleichen. Hat nun Mendelssohn das, was als Erfolg seines Wirkens dargeftellt wird, mit klarem Bewußtsein erkannt und angestrebt? fragt Dr. Rttls. Ich antworte, nur selten hat rin Reformator irgend eines Teiles der Menschheit von vornherein mit vollem Bewußtsein, in klarer Erkenntnis aller Wirkungen seines Unternehmens reformieren wollen, sondern vielmehr klärte sich gewöhnlich das Bewußtsein der Reformatoren erst während ihres Wirkens und auch dann erkannten sie kaunl die ganze Tragweite ihrer Wirksamkeit. Wer darum nicht unbedingt „ein Opfer haben will", wird Mendelssohn nicht seiner Größe berauben, weil er nicht den Weltverbessern unserer Tage glich, die, Anerkennung ihrer Unfehlbarkeit heischend, beim Antritt ihres informatorischen Amtes aller Welt mit Stolz begegnen. Könnten wir uns mit den Glückseligen der paradiesischen Gefilde in Verbindung setzen, Moses Mendelssohn würde in seiner Bescheidenheit noch heute nicht zugeben wollen, daß man ihn als den größten Juden Deutschlands bezeichne — was die Phrase von den drei Moses, deren größter, Moscheh Rabbenu, als Muster der Bescheidenheit gilt, verständlicher macht. Diese Zusanunenstellung der drei Moses hat übrigens ihre Pfycholologie, die verstanden sein will. Vergleiche zwischen den hervorragenden Männern verschiedener Zeiten werden oft im Interesse der Wissenschaft angestellt und auf einen knappen Ausdruck gebracht. Solche Vergleiche hinken fast immer. Bei unserer Parallelisierung der führenden Geister in der (beschichte Israels kommt noch der Umstand bestimnlend und verwirrend hinzu, daß^dem Namen hervorragender Persönlich-

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