Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- Seite 760 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 760. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. Niederlande . . 97,000 Westindien . . 750 Surinam (Gurayana 1,600 Oesterreich . . . 1,142,000 Ungarn.... 760,000 Bosnien . . . 7,000 Persien.... 19,000 Portugal . . . 400 Rumänien . . . 243,000 Rußland (Europa) 3,600,000 in Asien . . . 40,000 Schweden . . 3,000 Schweiz . . 8,000 Serbien . . . 12,000 Spanien . . Türkei 400 in Europa. . . 126,000 in Asien . . . 194,000 Nordamerika . 1,000,000 Diese Aufstellung gewährt indessen kein rechtes und übersichtliches Bild. Besser dürfte die Gruppierung der Länder nach Weltteilen und Zahlengröße sein. Amerika Afrika. Abessinien Marokko Tunis . Algier . Kapkolonie Aegypten Türkei Persien Indien Summa A s i e n. Festland Inseln Summa A u st r a l i e ü 1,00,000 200,000 200,000 45,000 43,000 6,000 8,000 502,000 194,000 19,000 20,000 233,000 13,000 1,450 14,450 Europa. Rußland . . . 360,000 Oesterreich-Ungarn 2,872,000 Deutschland Rumänien Türkei . Holland England Frankreich Italien Bulgarien Serbien Schweiz Bosnien Griechenland Schweden Dänemark Luxenburg Spanien Portugal 570,000 243,000 126,000 97,000 64,000 53,700 46,000 24,000 12,000 8,000 7,000 6,000 3,000 3,000 1,000 400 400 6,736,500 In Europa befinden sich 61/2 Millionen Juden unter 366 Einwohner und auf dem Erdteil überhaupt schwimmen die 8l/2 Millionen Juden in einem Völker-Ozean von 1500 Millionen Menschen. Besonderes Jntereffe erregt der Vergleich der einzelnen Erdteile untereinander. Asien, Wiege und Wohnsitz unseres Stammes bis vor zweitausend Jahren, enthält jetzt nur eine jüdische Bevölkerung von 233,000, also nur etwa V35 der gesamten Judenheit, während Europa *7* derselben beherbergt. Amerika marschiert an zweiter Stelle und dann kommt nach der Hübner'schen Tabelle Afrika — indes ist meiner Meinmung nach Afrika sehr ungenau behandelt. Für diesmal mögen diese Betrachtungen genügen, ich behalte mir aber vor, demnächst in einer eingehenden Studie auf die jüdische Statistik und ihr Verhältnis zur allgemeinen zurückzukommen, bei welcher Gelegenheit ich auch die geschichtliche Entwickelung der Zahlen beleuchten werde» Moses Mendelssohn. Von Dr. I. Niemirower. „Wenn Gott rin Volk vernichten will, vernichtet er erst seine Götter", heißt es im Talmud. Nachinan Krochmal deutet diesen Ausspruch unserer Weisen in dem Sinne, daß der Vernichtung einer Nation oder einer Partei der Sturz ihrer Ideen und Ideale, die Entthronung ihrer Herrscher, ihrer Heroen vorangeht. Nach dieser talmudischen Taktik kämpft Dr. Bernfeld gegen die konventionellen Lügen gewisser „Kulturjuden". Den ersten Angriff richtet er gegen die Götter und Halbgötter, gegen die Helden des Völkleins in unserer Mitte, das unsere ruhmreiche Geschichte nicht kennt und unsere weltgeschichtliche Aufgabe nicht erfüllt. Man wird diese Kampfesweise billigen, weil sie geeignet ist, unsere Bildungsphilister, die im Rausche ihrer Verbildung die Brunnen des Geistes verstopft haben, die unsere Vorfahren gegraben, in ihrer erbärmlichen Nacktheit zu zeigen. Man muß jedoch der Wahrheit die Ehre-geben und Protest erheben, wenn Dr. Bernfeld, das Kind mit dem Bade ausschüttend, die Sendung Moses Mendelssohns in Abrede stellen und den Mann selbst aus dem Himmel jüdischer Größen verbannen möchte. Dieses Attentat gegen den Mann, der den Stolz der Juden Deutschlands bildet, hat in den Kreisen der Mendelssohn-Verehrer einen Sturm der Entrüstung verursacht, welcher B. Traubenberg in seinem Artikel Ausdruck gegeben. Ich gehöre nicht zur Schutztruppe Mendelssohns und begreife es, daß man bei der Betrachtung der sogenannten Mendelssohnschule auch gegen ihren Meister verbittert wird. Von der Frucht schließt man aus den Stamm, von den Schülern auf den Meister. Im Mischnatraktat Abot wird der Gegensatz zwischen dem Prinzip des Guten und des Bösen an der Hand einer Charakteristik der Schüler Abrahams und der Schüler Bileams verdeutlicht, nicht aber durch eine Charakteristik Abrahams und Bileams selbst, um gleichsam anzudeuten, daß das Wesen des Meisters zur vollen Entfaltung erst in seinen Schülern gelangt. Dessenungeachtet ist es ganz ungerecht, Mendelssohn für die Sünden seiner leiblichen und geistigen Nachkommen büßen zu lassen. Denn wer die Geschichte des Juden im Zusammenhänge mit der Geschichte der Gesamtmenschheit betrachtet, der begreift, — wenn auch nicht entschuldigt, — die Verirrungen jener, die sich leider auf Mendelssohn bezogen und sieht in Moses Dessau den Führer, keineswegs aber den Verführer der deutschen Juden. Eine Betrachtung der allgemeinen Geistesphünomene, der universellen Faktoren unseres und des verflossenen Jahrhunderts entlastet Mendelssohn von den Anklagen, die gegen ihn geschleudert werden, und lehrt uns, ihn schützen als einen Noa in und trotz der Sündflut seiner Zeit, als einen Mann, an dessen Thüre der siegreiche Geist des Unglaubens vergebens gepocht. Zwar es giebt und gal> Männer, die einerseits im edlen Eifer für die heilige Sache, der sie sich geweiht, andererseits im verführerischen Wahne durch ein Machtgebot ihrer Weisheit, durch eine neue Offenbarung ihres genialen Jchs, allgemein anerkannte Größen in die Gruft der Vergessenheit senken zu können, es sich nicht nehmen lassen und ließen, im Namen der Wissenschaft mit dem Brustton der Uebcrzeugung ihren „unwissenden" Mitmenschen zu verkünden, daß der fragliche Noa nur in der Zeit der Sündflut, der Unwissenheit und Unnioralität zur Geltung gelangen konnte, in Wirklichkeit aber mit dem allein giltigen Maßstab der von ihnen gepachteten Wahrheit gemessen — höchstens das Prädikat der Mittelmäßigkeit verdient. Diese historisch-litterarischen Richter, vor denen „die Pforten der Hölle stets offen stehen", vermögen jedoch nur selten eine Umwertung der litterar-wissenschaftlichen Münzen herbeizuführen. Allerdings hat bereits Dr. Bernfelds jüdisches Herz, das den Juden Deutschlands nicht alles