Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- Seite 758 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9609078--0916-9609080- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 758. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. „Alles, was im Dienste des Judentums gestanden hat, ist zu Grunde gegangen!" Das will er in der Geschichte gelesen haben! Ist das aber keine Fälschung? Besagt und bezeugt die Weltgeschichte nicht das Gegenteil? Berichtet und bezeugt sie nicht vielmehr, daß alles, was den Geist des Judentums atmet, was von jüdischem Geiste durchweht ist, lebendig und lebensfähig sei? Ist ja Esaus Grimm gegen das Judentum die gründlichste Widerlegung jener falschen Behauptung, da das Judentum, welches doch gewiß in seinem eigenen Dienste steht, noch nicht zu Grunde gegangen ist, sondern lebt, und es wird leben, wenn längst verschollen sein wird eine jede Spur von dem Esau des neunzehnten Jahrhunderts! Betrachten wir nun den alten Esau von einer andern Seite. „Segne mich, mein Vater, denn zweimal hat mich Jakob hintergangen!" also ruft er aus! Auch der Esau der Neuzeit behauptet: „daß er nicht aushören könne, den Uebermut, die Anmaßung rc., die im Judentume liege, zu bekämpfen!" Das soll heißen, er will den Segen des Gesetzes in Anspruch nehmen! Weil er vielleicht einmal Anmaßung und Uebermut an solchen wahrgenommen, die keineswegs die Guten und Besten unseres Stammes sind; weil er von wenigen Fällen von Unredlichkeit gehört, begangen durch jene, die den Namen Israel nur zum Hohne tragen, glaubt er einen besondern Segen nötig zu haben, den Segen der Gesetze! Wie viele Wunden aber dem Judentum sind geschlagen worden in der Zeit, die dahingegangen ist seit den Tagen des alten Esau bis zu denen des heutigen — wie viel väterlicher, wie viel göttlicher Segen nötig war, das sündhafte Treiben Esaus vergessen zu machen — das zu bedenken, ist nicht Sache eines Esau! Was uns aber am schmerzlichsten berührt, was uns am empfindlichsten verletzt, ist folgende Wahrnehmung: Wie einst Jakob sich kleiden mußte in die Gewänder des Esau, um den väterlichen Segen zu erlangen, so glaubt man — und dies sogar in unserer eigenen Mitte — man müsse heute die Gewänder des Esau anlegen, wenn man auf den Segen des Vaters, auf den Segen des Vaterlandes sollte hoffen dürfen! Nein! Nicht die Gewänder des Esau werden und können uns den Segen bringen, den wir erwarten! Israel muß ganz andere Gewänder, muß die „Fest- und Feiertagskleider seines Priesterberufes" anlegen, die Gewänder, die in dem Prophetenwort genannt sind; „Die Lehre der Wahrheit muß Israel stets im Munde führen; Heuchelei und Lüge darf nimmer aus seinen Lippen ruhen; friedlich und redlich muß es mit dem Gedanken an Gott und seine Lehre inmitten der Völker wandeln. Dann, nur dann wird es ihm gelingen, das falsche Urteil zu zerstreuen und viele, die sich an Israel versündigt haben, von ihren: Irrtum zurückzubringen." T)r. F. Esau, der jagt mit tapf'rem Mut In: Feld umher, gewandt, Dem Vater schmeckt das Wildpret gut Erlegt von Esau's Hand. Esau und Jakob. Doch Jakob in den Zelten sitzt Von Ebher und von Sem, Wo man den Geist im Forschen witzt, In Lehren, Gott genehm. Der Vater liebt den Esau sehr, Weil der ihm Wildpret bringt; Die Mutter liebt den Jakob mehr, Weil er nach Weisheit ringt. So zeigen beide Brüder schon In früher Jugendzeit, Der eine wie der andre Sohn Znm Kampfe sich bereit. Der Kampf durch alle Zeiten braust Und rings die Welt umkreist; Es kämpfet Esau mit der Faust Und Jakob mit dem Geist. Eduard Kulke- Aus der Kttlimr Gemeinde. w. Berlin, 18. November- Die Repräsentantensitzung am 17. d. Mts-, voraussichtlich vor den Neuwahlen die letzte, war wiederum von hochwichtiger Bedeutung und darum stellenweise eine recht erregte. Zum Eingang der Verhandlungen gab der Vorsitzende, Herr Landsberger, der Versammlung Kenntnis von einem Schreiben des Herrn Marcuse, Dirigenten der neuerrichteten Religionsschule, in welchen: mitgeteilt wird, daß der Besuch dieser Religionsschule zur Zeit noch ein außerordentlich schwacher sei. In Anbetracht dieses Umstandes bittet der Herr, sein Gehalt dementsprechend zu reduzieren. Dieser Bitte ist der Vorstand jedoch nicht nachgekommen. Hinsichtlich des schwachen Besuches wird von verschiedenen Seiten der sicheren Erwartung Ausdruck gegeben, daß im Laufe der Zeit auch darin eine Wendung zum Besserren eintreten werde. Die verstorbene Witwe Lissauer hat der jüdischen Gemeinde zu Wohlthätigkeitszwecken ein Legat von 20000 Mk. ohne nähere Bestimmung ausgesetzt. Der Vorstand hat diese Schenkung acceptiert und schlägt vor, die Zinsen von 10000 Mark der Waisen - Kommission zur außeretatmäßigen Verwendung zur Verfügung zu stellen, die Zinsen der übrigen 10000 Mk. dem Siechenhause zu überweisen. Die Versammlung beschließt jedoch, unter Annahme des Legates gemäß einem Anträge des Herrn Louis Sachs die Angelegenheit der Finanzkommission zu überweisen. Angenommen seitens der Versammlung wird alsdann eine weitere Schenkung des Herrn Abraham Poculla in Höhe von 12,000 Mk., welche der Altersversorgungs-Anstalt zugewendet ist. Die Gemeinde überninunt damit die Verpflichtung, am Sterbetage des Geschenkgebers die Jahrzeit abzuhalten und demselben einen Grabstein zu setzen. Der Punkt 4 der Tagesordnung, Erhöhung des Zuschusses an die Waisenkommission und Einsetzung einer gemischten Kommission betr. die Waisenpflege, hat, wie bekannt, bereits in vergangener Sitzung Gelegenheit zu ausgiebigen Auseinandersetzungen gegeben und mußte schließlich aus äußeren Gründen vertagt werden. Wie sich aus dem Verlauf der diesmaligen Diskussion herausstellt, ist die Stimmung seitdem durchaus keine beruhigtere geworden. Zwar gab sich der Referent, Herr Louis Sachs, alle erdenkliche Mühe, dem Anträge des Vorstandes den darin liegenden Stachel zu