Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ao. 47. Jahrgang l V. jj £ SSerfin, 22. Aovember 1895. Herausgeber A. Levin, Uerlin. Aefchurun. Bezugspreis: viertekjährk. 2 Wk. Erscheint an jedem Areilag. Bezugspreis für das Anstand: Mk. 2,50. Zu beziehen durch die Post, _unsere Expeditionen und den Buchhandel _ Jnljalt: ©fau- Von Dr. F. ©sau und Jakob. Von Cd- Kulte. Ans der Berliner Gemeinde- Die Verteilung der Inden auf der Erde. Von B. Traubenberg. Moses Mendelssohn. Von Tr. I. Niemirower. Eine Audienz bei Friedrich Wilhelm IV. Von V. Simon. Aus Alt-Berlin. Der Talmud. Von Dr. Hochmuth. Jahn um Zahn. Wochen-Ehronik. — Kalender. - Anzeigen. Es»«. Man nennt unsere Zeit das lichterfttllte Zeitalter und das der Aufklärung. Man geht nämlich von der Wahrnehmung aus, daß das Bestreben der Gegenwart darauf gerichtet ist, in alles Licht und Klarheit zu bringen. Man lauscht auf jeden Pulsschlag der Natur, um falsche Vorstellungen zurückweisen oder berichtigen zu können. Man legt jedes Faktum, worüber die Geschichte berichtet/ in den Schmelztiegel gründlicher Forschung, um jeden Irrtum zu rektifizieren. Dian sucht überall aus dem Geleise alter Gewohnheiten herauszutreten und Verbesserungen einzufüh'.'en. Was sonst durch tausendfache Mühen und Anstrengungen erreicht morden, das gelingt uns heute auf die leichteste und schnellste Weise. Wo ehedem die Kraft des Menschen zur Dienstleistung herangezogen worden, dort sucht man sich der Naturkräfte zu bedienen. Wer also möchte nicht den Fortschritt unserer Zeit anerkennen, insofern er sich auf Bereicherung und Erweiterung unserer Kenntnisse bezieht, oder aber auf die Erleichterung und Vereinfachung unserer Lebensvechältnisse? Allein, zweifelhaft wird der Wert des Fortschrittes dort, wo wir einen Blick werfen auf den gesellschaftlichen Verkehr, aus die Gesellschaft. In dieser — wer wird da als ein Kind des Fortschrittes bezeichnet? Wer seine geistigen oder auch materiellen Kräfte am geschicktesten in den Vordergrund zu rücken versteht; wer seine schwachen Leistungen mit den stärksten, lautesten Schellen zu schmücken vermag; wer die Schwächen seiner Mitmenschen als Tugenden an ihnen zu rühmen imstande ist; wer trotz Fehler und Schwächen sich mit einem gewissen Heiligenschein zu umgeben weiß. Den höchsten Grad des Fortschrittes aber hat nach heutigen Be¬ Ztedaktion und Verlag: Hr Kamöurgerstr. 21. Anzeigen, die Ieite 25 ^f,, nehmen alle Annoncen-Lxpeditionen sowie unser Bureau entgegen. griffen der erreicht, den wir in gewissem Sinne einen modernen Zauberer nennen können — nämlich der, in dessen Herzen siebenfache Tücke wohnt, der aber das Gift seiner Gedanken wie Honigseim von den Lippen fließen läßt! Es wäre ein Irrtum, wollten wir ein solches Gebühren wirklich als Fortschritt gelten lassen. Wird doch auch von Esau, dem Ahnherrn aller Tartüffe, die heute so gesucht und begehrt sind, wird ja auch von Esau in der Bibel erzählt, daß er den Gedanken gehegt: „Sobald die Tage der Trauer um meinen Vater herannahen werden, will ich meinen Bruder Jakob töten''. Wenn alles in Trauer gehüllt sein wird, wenn alles wird ergriffen sein, will auch Esau sich in Trauer hüllen, will auch er Niedergeschlagenheit zur Schau tragen. Aber sein Herz weiß nichts von traurigen Empfindungen, sein Herz hegt nur den einen Gedanken — seinen Bruder Jakob zu töten! — Auch die Gegenwart hat die zweifelhafte Ehre, durch einen Esau repräsentiert zu sein, der wie Esau, der alte, handelt. Auch er spricht so oft und so viel von den „traurigen Zeiten", in welche die deutsche Nation geraten ist, denkt aber an nichts anderes, als an die Vernichtung der Brüder! Und nicht allein geschickt Trauer und Schmerz zu heucheln, weiß der moderne Esau gleich seinem Vorbilde, das den Ruhm sich erworben, mit der Waffe seines Mundes gar manche Beute gemacht zu haben, von dieser gefährlichsten aller Waffen Gebrauch zu machen! „Vater! Wie wird von Stroh der Zehnt gegeben?" Diese Worte, welche eine Hypersrömmigkeit bekunden, durch welche Esau seinen Vater zu berücken vermochte, diese Worte werden von unseren Alten dem Esau in den Mund gelegt. Aber auch der moderne Esau will gern glauben machen, daß es ihm um den Zehnt „für die Armen" zu thun sei; will gern vielleicht Stroh denselben geben, doch was er nehmen will, das ist mehr — er nimmt sehr gern den Zehntin klingender Münze und sogar — von feinem gehaßten Bruder! „Siehe, ich gehe dem Tode entgegen!" so spricht der Esau der Vorzeit! Und was spricht der Esau der Gegenwart? „Wir sehen in der Weltgeschichte, daß alles, was im Dienste des Judentums gestanden hat, zu Grunde gegangen ist!" Er will nicht zu Grunde gehen, darum will er zu Grunde richten! — Daß doch das Laster wie das Unglück selten allein erscheint, sondern gewöhnlich — paarweise! Daß doch der Esau der Gegenwart nicht nur heucheln, sondern auch fälschen kann! Des landesgesetzlichen Bußtages wegen erscheint diese Nr. mit Verspätung.