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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-14 · 46 (14.11.1895) · p. Seite 752

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
46 (14.11.1895)
Date
1895-11-14
Page
Seite 752 (sequence 16)
Language
German
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Seite 752. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. und Neumann, um vorbereitende Schritte für den Empfang der Delegierten zu erwägen. Endlich wurde für die am 7. Dezember im Vereinslokal, Münchener Hof, Spandauerstraße 1113 stattfind ende Versammlung die Tagesordnung festgestellt, die u. a. einen Vortrag des Mitgliedes, Herrn Klein über „Religion und Moral" enthält. Der Verlauf des Abends zeigte den Eifer und die hingebende Arbeitsfreudigkeit Mitglieder für die gute Sache. — Frauen-Verein. Der israelitische Frauen-Unterstützungs-Verein Berlin versendet soeben einen Aufruf, aus den: wir erfahren, daß der Verein bereits feit zwölf Jahren besteht. Sein Hauptzweck ist in erster Reihe, arme jüdische Wöchnerinnen und kranke Frauen zu unterstützen. Der Verein zählt zwar 1100 Mitglieder aus allen Gegenden Berlins, doch sind seine Einnahmen leider noch lange nicht ausreichend, da im Jahre 1894 nur 477 Gesuche Berücksichtigung finden konnten. Jetzt beabsichtigt der Verein ein eigenes Büreau einzurichten, in welchem täglich einige Damen die dringendsten Gesuche sofort erledigen und schnelle Hilfe gewähren können, wo durch Krankheit Rot und Elend plötzlich eingetreten ist; auch soll die geplante Stelle als Sammelstätte dienen, an die der Ueberfluß an Wäsche und Kleidungstücken zur Verteilung an die Bedürftigen gesandt werden kann. Bei ihren Armenbesuchen erhalten die Vorstands-Damen des Vereins oft Bilder von einem Elend, das kaum zu beschreiben ist und welches zu lindern die öffentliche Armenpflege allein nicht vermag. Hier muß die Privatwohlthätigkeit eingreifen, die an bestimmte Normen und Gesetze nicht gebunden ist, welche die Not mildern kann, wo sie gefunden wird. Dazu bedarf es aber reichlicher Mittel, zu deren Erlangung der Vorstand an den Wohlthätigkeitssinn, an das gute Herz unserer Frauen appelliert. Durch einen beliebigen jährlichen Beitrag (der Mindestbeitrag beträgt drei Mark) kann jede Frau helfen, die auch bei unseren Glaubensgenossen im großen Maßstabe vorhandene Not zu mildern, und hier dürfte niemand kehlen, wo es gilt, helfend einzutreten für die vom Unglück, von Krankheit Verfolgten, für eheverlassene Frauen und die darbenden Kinder. — Die jüdische Gemeindeschullehrerinnen. Der Vossischcn Zeitung wird geschrieben: „Das Vorgehen des Provinzialschulkollegiums gegen die jüdischen Lehrerinnen beginnt jetzt auch auf die an städtischen Gemeindeschulen fest angestellten Berliner Lehrerinnen sich auszudehnen. Nach einer Verfügung des Provinzialschulkollegiums soll binnen kurzem sämtlichen jüdischen Gemeindeschnllehrerinncn der Unterricht in verschiedjMN Fächern, besonders im Deutschen entzogen werden. Die jüdischen Lehrerinnen können nach dieser Verfügung in dem auf Klassensystem aufgebautcn Gemeindeschulwesen entweder gar nicht mehr oder nur noch scheinbar das Ordinariat einer Klasse verwalten. Sie würden im Lehrkörper der Gemeindeschule als eine Art Hilfskräfte betrachtet werden müssen und dementsprechend nur eine untergeordnete Stellung einnehmen können. Mit solchen Maßnahmen geht das Provinzialschulkollegium gegen eine Kategorie von Lehrerinnen vor, deren Anstellung es seinerzeit ohne Vorbehalt bestätigt hat und von denen viele 12 Jahre und länger im Dienste der Stadt Berlin ihre besten Kräfte geopfert haben. Wird die städtische Schuldeputation nicht wenigstens ihre fest angestellten Lehrerinnen vor solcher Entwürdigung ihrer Stellung schützen?" Hierzu bemerkt das Leibjournal Stöckers: „Wir glauben gern, daß es den Juden Berlins und ihren Freunden allerdings sehr leid thut, daß jüdische Lehrerinnen nicht mehr an christlichen Schulen sollen unterrichten dürfen. In der That entspricht das doch nur der reinen Gerechtigkeit, wenn der Minister christlichen Schulen auch nur christliche Lehrer geben will- Jüdische Lehrer und Lehrerinnen mögen sich jüdische Schulen suchen- Da gehören sie hin. Würde sich wohl die Leitung einer jüdischen Schule damit einverstanden erklären, daß nicht jüdische Lehrkräfte an ihnen thätig seien? Es wäre von Wichtigkeit, sestzustellen, ob die berühmte „jüdische Toleranz" darin schon vorgekoinmene Fälle Nachweisen könne." Wir sind in der angenehmen Lage, dem Stöckerblatte antworten zu können. An den Bildungsanstalten für jüdische Lehrer in Berlin und Hannover unterrichten auch nichtjüdische Lehrer. Auch werden an mehreren jüdischen Volksschulen in Westpreußen und Posen christliche Lehrkräfte beschäftigt. Hier also der gewünschte Beweis von jüdischer Toleranz — ohne Gänsefüßchen. Thuet desgleichen! — Unser Freund Ahlwardt war neulich in Wien, um daselbst den nicht bestätigten und jetzt „aufgelösten" Bürgermeister Lueger zu feiern und bei dieser Gelegenheit seine Wenigkeit feiern zu lassen. Er hatte aber an der Donau kein Glück; mit Ausnahme des Stimmzettelfälschers Schneider, der allerdings zu Ahlwardt hinaussehen muß, weil dieser ihm um so und so viel Monate Gefängnis voraus ist, wollte keine der antisemitischen Größen in Wien von dem Judenflinten- Fabrikanten etwas wissen. Sehr wenig glaubwürdig ist darum die Mitteilung der Deutsch-sozialen Blätter des Herrn Liebermann von Sonnenberg, nach welcher die Reise unseres Freundes nach Wien den Zweck verfolgt haben soll, eine Uebersiedelung A.'s und Böckels nach der österreichischen Reichshauptstadt in die Wege zu leiten. Eines freilich ist unzweifelhaft, nämlich das Herr v. L. Interesse hat, die beiden Konkurrenten im Urgermanentum loszuwerden. — Schweinhagen kommt! Aus Requisition der Staatsanwaltschaft finden gegenwärtig zwischen dem hiesigen Auswärtigen Amte und den Wiener Behörden Verhandlungen wegen Auslieferung des Schriftstellers Schweinhagen statt, der im März vorigen Jahres wegen Beleidigung des Finanzministers Dr. Miguel und des Reichskanzlers Grafen von Caprivi abzüglich der in Anrechnung gebrachten Untersuchungshaft zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Schweinhagen entzog sich der Verbüßung seiner Strafe dadurch, daß er sogleich, nachdem das Urteil rechtskräftig wurde, ins Ausland ging. Durch Briefkaftennotizen im Antisemitischen Generalanzeiger aufmerksam gemacht, kamen die Behörden dahinter, daß Schweinhagen in Wien lebe und konnten so seine Auslieferung beantragen. Gegenwärtig befindet er sich in Wien in Präventivhaft. — Eine amüsante Reminiseenz. Daß Stöcker Juden gelten läßt und jüdischen Patriotismus anerkennt, ist so amüsant, daß wir es hier feststellen wollen. Im Evangelischen Vereinshause zu Berlin hielt er 1876 einen Vortrag über den „religiösen Geist im Volk und Heer wahrend des französischen Krieges". Diesen Vortrag nahm er 1885 in seine Sammlung „Christlich-Sozial" auf (Lpz. u. Bielefeld 1885. S. 277 f.), wo er neben seinen judenfrefferischen Vorträgen steht. Darin heißt es (S. 284): „Die Israeliten dachten nicht anders, auch sie ergriff der Strom religiöser Begeisterung. „Wir fühlen es, wir haben gesündigt, wie unsere Väter, — betete am Kriegsbußtag der Rabbiner von Köln, — Reue durchzuckt jedes Herz. Wende Dein Antlitz nicht von uns ab, wir müßten sonst vergehen. Dein Volk Israel und unsere deutschen Brüder alle, sie demütigen sich und liegen im Staub vor Dir." Mit einem aus tiefster Seele gesprochener Segen über Israel und Deutschland endete das ergreifende Gebet." Int Jahre 1876 mußte Herr Stöcker noch, wie patriotisch die Juden sich 1870/71 benommen haben. Zwei Jahre später und Herr Stöcker begann die Hetze gegen die „unpatriotischen" Juden! — Konzert. Am 8. Dezember veranstaltet der Kantor der Gemeinde „Ahawas Scholom", Herr D. Stabinsky ini großen Saale des Handwerkervereins Sophienstraße 5 ein Künstlcrkonzert, an dem außer dem seiner ausgezeichneten

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