Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 46 (14.11.1895)
- Date
- 1895-11-14
- Page
- Seite 751 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 751. — Dr. Joel Müller, Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, ist am vorigen Mittwoch gestorben und am Freitag zur letzten Ruhe bestattet worden. Joel Müller, einer der hervorragendsten rabbinischen Gelehrten der Gegenwart, hat sich durch Ausgaben von talmndischen Schriften, Kommentaren dazu und Untersuchungen darüber um die rabbinische Wissenschaft bedeutsam verdient gemacht. Er verband gründliche Gelehrsamkeit mit streng philologischer Schulung und kritischen: Sinne. Von seinen selbständig erschienenen Schriften sind zu nennen: „Masediet soferim, der talmudische Traktat der Schreiber, herausgegeben uno kommentiert" (1878), „Beponses faites par de olebres rabins francais du XI. et XII. siede“, (Wien 1881), „Responsen der Lehrer des Ostens und Westens, nach Handschriften herausgegeben" (1888), „Einleitung in die Responsen der babylonischen Geonim" (1891), Haladiot pesudiot min ha-gaomin“ (1893). Reben seinen: Lehramte versah Müller noch die Stelle eines Predigers beim Betsaale des Baruch Auerbachschen Waisenhauses. Von seinen Fest- und Gedenkreden, die er dort hielt, erschien 1898 eine Auslese in: Druck. Besonders zu vermerken ist noch Müllers Lebensbild Adolf Jellineks. — Die Bestattung des Gelehrten versamrnelte den kleinen Kreis derer, die dem Judentum ihr Leben geweiht, an: Freitag in der Friedhofshalle in Weißensee. Rabb. Dr. Maybaun: hielt dem Entschlafenen einen würdigen Nachruf und apostophierte bei dieser Gelegenheit scharf die ablehnende Haltung unsrer Glaubensgenossen gegenüber der jüdischen Wissenschaft und ihren Trägern. „So lange der jüdische Gelehrte nicht nur nicht sorgenlos leben, sondern nicht einmal in: Frieden sterben kann, ist die „Begeisterung" für die Wissenschaft des Judentums eitel Lüge und Heuchelei." In: Namen der Schüler des Entschlafenen sprach Dr. Hochfeld und im Aufträge des Litteraturvereins Rabb. Dr. Rosenzweig. — Joel Müller ist in der Ehrenreihe an der Seite Lewandowskis bestattet worden. _ _ — Die Stadtverordneten Wahlen in Berlin, welche dieser Tage vollzogen wurden, endeten mit einem Siege der liberalen oder sozialistischen Kandidaten. Die Antisemiten hatten für diese Wahlen, ermutigt durch die Erfolge ihrer Gesinnungsgenossen in Wien, große Anstrengung geinacht, un: das „Rote Haus" zu stürmen, fielen aber kläglich ab. Das Resultat ihrer Agitation ist eine einzige Stichwahl mit i-'incm Liberalen, in der die Chancen für den Antiseiniten gleich Rull sind. — Unerhört! Den in Deutschland erscheinenden orthodoxen Blättern wird aus Rotterdau: geschrieben, daß eine dortige jüdische Witwe, M u t t e r n: e h r e r e r Kinder, vor einigen Wochen den B r u d e r ihres v e r st o r b e n e n A: an:u!s geheiratet hat. Der Korrespondent schreibt wörtlich: . . "~dc -balsache wäre an sich schon dann grausig genug, wenn die Ehe nur zivilster, ohne religiöse Trauung, geschlossen worden wäre. Nun Haft aber, wie sich nachträglich heransstellte, thatsächlich eme derartige Trauung startgefunden, und zwar am 7. Oktober in Bielefeld durch den dortigen Prediger, Herrn S. Muses. Und auch bannt noch nicht genug! Als unser Oberrabbincr Dr. Ritter, der von der ganzen Astaire bis dahin nichts gehört hatte, durch eine Annonce davon Mitteilung erhielt, wandte er sich, in der stillen Homiuiig, das: hier doch ein Irrtum vorliege, an den Vorstand der UidNchen Gemeinde zu Bielefeld mit der Bitte um Auskunft, welche dann auch prompt in der Mitteilung (gez. Äaoenstein) erfolgte, das; der betr. Prediger „mit unserem Einverständnis" die Trauung vor- . genommen habe. Tie Sache erscheint so unglaublich, das; ich nicht jj (gewagt buben würde, Ihnen darüber zu berichten, wenn das be- T trestende Schriftstück mir nicht vorgelegen^hätte." Es ist keine leere Redewendung, wenn wir sagen, daß uns die Worte fehlen, un: diesen Vorfall zu glossieren. Man denke: Eine Ehe, wie sie in Bielefeld geschlossen, ist nicht blos talmudisch, sondern biblisch ausdrücklich verboten. Da kommt ein Prediger, der nach seinö Vorbildung kein Prediger, und ein Vorsteher, der in seinem Zivilverhältnis Bankier ist, und korrigieren Mose und die Propheten, und „segnen" oder lassen segnen eine Ehe, die nach der Bibel als Blutschande anzusehen ist! Gilt auch „Taußfaus Jontef" nichts mehr, die Bibel sollte doch auch in Westfalen gelten und selbst mit den: Einverständnis eines noch so reichen und noch so unberufenen Genieindevorstehers nicht außer Geltung gefetzt werden dürfen! Hat doch selbft jeder Kegelklub Satzungen, die unverrückbar sind, die keines seiner Mitglieder übertreten darf! Oder glauben die Gesetzgeber in Bielefeld, daß Neologie und Anarchie Synonyma sind? U. A. w. g. — Lehrerverein. In der letzten Versanunlung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" fand nach Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten ein höchst interessantes Referat über „die gegenwärtige Lage der isr. Lehrer und Lehrerinnen" statt. Der Referent, unser Vorsitzender, Herr Rektor Dr. Adler, wies in seinen Ausführungen auf zurückliegende, aber für die heutigen Verhältnisse sehr wichtige Verfügungen hin. Wenn auch bekanutlich kein Schul- und Unterrichtsgesetz vorhanden sei, so geben doch die betreffenden Verfassungsbestimmungen, sowie kultusministerielle Erlasse reiches Material für die Betrachtung der bisherigen Gepflogenheiten inbetreff der Stellung der israelitischen Lehrer und Lehrerinnen. Eingehend erörterte der Herr Referent, auf Berliner Verhältnisse übergehend, die Verfügung vom Jahre 1875, nach welcher auch an evangelischen Gemeindeschnlen ordentliche Lehrer katholischen und jüdischen Bekenntnisses berufen werden können, wenn an den betr. Anstalten eine entsprechende konfessionelle Minderheit vorhanden sei. Im Jahre 1875 besuchten, wie Herr Dr. Adler erwähnte, 118 jüdische Knaben und 301 Mädchen, die Berliner Gemeindeschulen; zu dieser Zeit wurde auch der erste jüdische Gemeindelehrer Berlins angestellt. Von nun an vergrößerte sich die Zahl der jüdischen Schüler und Schülerinnen schnell, und mit ihr vermehrten sich auch die jüdischen Gemeindeschullehrer und -Lehrerinnen, wenn auch nicht in entsprechenden: Maße, während nämlich auf 52,7 Kinder evangelischen und 15,7 Kinder katholischen Bekenntnisses eine Lehrkraft kommt, ist für 63,07 jüdische Kinder erst eine entsprechende konfessionelle Lehrkraft berufen worden. Der Referent ging sodann auf die Angriffe der gegnerischen Parteien gegen die Lehrkräfte, sowie auf die neuesten Verfügungen der Behörden ein und kennzeichnete die Stellung, welche die jüdischen Lehrkräfte und unsere Vereinigung demgegenüber einzunehmen haben. In der dem Referate folgenden sehr interessanten Debatte wurde allseitig den Ausführungen des Referenten zugestimmt. Hierauf gab der Vorsitzende Kenntnis von einen: an die Vereinigung gerichteten Ersuchen der Vorstände der Religionslehrervereine Ostpreußens und des Regierungsbezirkes Köslin, einer Abänderung der Satzungen für die Delegiertenversammlung der Lehrervereine zuzustinunen. Die Vereinigung lehnte den betreffenden Antrag ab, ersuchte jedoch den Vorstand, bei den: D. I. G. B. die Zulassung je eines Delegierten der erwähnten Vereine zu befürworten. Sodann wählte die Versanunlung eine Konftnission, bestehend aus den Herren Dr. Fiegel, Flanter