Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 46 (14.11.1895)
- Date
- 1895-11-14
- Page
- Seite 750 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 750. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. Sie Alle angfeuert, auf dem heiligen Boden unserer ewig währenden lleberliefernngen fortznwirken- Wie ich Ihnen schon jüngst mitteiltc, ist cs mir persönlich durchaus versagt, mich tut. Arbeiten für unsere Glaubensgemeinschaft auf absehbare Zeit zu beteiligen. Tie Gründe hierfiir liegen wohl in der Vergangenheit, zumeist aber in dem Umstande,' dast mich meine derzeitige umfangreiche öffentliche Thätigkeit von friih bis zum späten Abend in Anspruch nimmt, so daß ich mich anderweiten Obliegenheiten nicht mit der Hingebung widmen könnte, welche die unabweisliche Voraussetzung übernommener Pflichten bildet, lieber Ihren heutigen Beratungen walte ein glücklicher Stern — unseren Gesinnungsgenossen zum Heile, unserer Gemeinde zum Segen! Mit vorzüglicher Hochachtung gez- L- Vt. G o l d b e r g e r." —?? ju 6em Artikel unseres geschätzten Autarbeiters Dr. Rülf über Nlofes Alendelssohn (No. ^5 dieses Blattes) fand sich der Satz: „Israel konnte daran denken, seinen Beruf wieder aufzunehmen, der IPelt den wahren Gott und die wahre Sittlichkeit kundzuthun". Dazu bemerkt ein antisemitisches Blatt: „In einer Zeit, wo die Inden zahlreicher als je den Tanz ums goldene Kalb tanzen, wo sie in ihrer ungezügelten Crwerbssucht die Gebote Gottes mehr als je außer Acht lassen, kann zwar ihre Versicherung, daß sie ihren Berns wieder ausgenommen haben, „der Welt den wahren Gott und die wahre Sittlichkeit kund zu thuu," kaum ernsthaft genommen werden. Allein man sollte nachgerade in jüdischen Kreisen sich scheuen, gegen den christlichen Gedankenkreis eine so herausfordernde Sprache zu führen und sich vielmehr bemüht zeigen, vor allem in den eigenen Reihen für die Verkündigung des wahren Gottes und der wahren Sittlichkeit zu sorgen". Das Blatt, öas sich über „ungezügelte Grwerbssucht" der Juden entrüstet und ihnen rät, in den eigenen Reihen für die Verkündigung der „wahren Sittlichkeit" zu sorgen, ist die Areuzzeitun g, das Mrgan der Herren H ammerst e i n - D) o ß u und Dr. Aro putschet-Baneben. U)ären wir auch bereit, ein Aollegium über „wahre Sittlichkeit" bei Herrn von Hammerstein zu belegen, — was hülfe es tms da, uns die Adresse fehlt. Oder will Herr Aropatschek die Freundlichkeit haben, sie uns zu vermitteln? — Eine Frage. Von geschätzter Seite erhalten wir folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redakteur! Wir stehen im Zeichen der Repräsentanten-Wahlen und ist dies daher wohl die geeignetste Zeit, um auf Mißstände in der Geuieinde-Verwaltung hinzuweisen. Wie allseitig bekannt, bestehen bei der Gemeinde und ihren humanitären Instituten zahlreiche Stiftungen und Legate für die verschiedensten wohlthütigen Zwecke. Leider gar nicht oder nur sehr wenig bekannt sind jedoch dem Publikum, speziell aber denjenigen, die von den Benefizien, welche die resp. Stiftungen etc. gewähren, Gebrauch machen wollen, die näheren Bedingungen sowie d)e Verteilungs- Termine für die Zinsen. Bei dem Magistrat besteht eine eigene Stiftungs-Deputation; warum hat die Verwaltung der jnd. Gemeinde nicht eine ähnliche Einrichtung? Dort werden die Termine für die Verteilung von Zinsen der Stiftungen, wie die Bedingungen der letzteren rechtzeitig vorher in öffentlichen Blättern publiziert; warum geschieht dies hier nichts Gar mancher verschämte Arme, der so zu zaghaft ist, sich bittend an die Gemeinde zu wenden, würde — durch eine Publikation aufmerksam gemacht — den Mut zu einem Gesuch finden, besonders, wenn er glaubt, die Bedingungen erfüllen zu können, welche an die Gewährung einer Bei- oder Aushilfe aus irgend einer der vielen Stiftungen geknüpft werden. Die krassesten Vorstellungen bestehen vielfach gerade in den Kreisen der Hilfesuchenden über die Stiftungsbestimmungen k. und man hat es trotzdem bis jetzt nicht für nötig befunden, hier gründlich Wandel zu schaffen. Da ist z. B. die Dr. Ephraim-Stiftung, welche jährlich über ca. 50 000 Mk. Zinsen verfügt. Diese Stiftung*) wird durch ein besonderes Knratorinm verwaltet, welches die eingehenden Gesuche prüft und über die Verteilung der disponiblen Zinsen bestimmt. Gesuche gehen sicher genug ein, da aber eine Bekanntmachung über die Verteilung niemals stattfindet, so liegt die Frage doch nahe: werden nicht viele, die sich für die -Lüftung eignen, von derselben aber — wenn es nicht der Zufall null — nichts erfahren, eo ipso von den Segnungen dieses hochherzigen Legates ausgeschlossen? Dies kann aber doch nie und nimmer im Sinne des Erblassers eines Milliom'n-Vermächtnisses sein. Vielleicht führt diese Anregung dazu, daß die Frage in einer der nächsten Wahlversammlungen einmal gründlich ventiliert wird. Wenn dies der Fall sein sollte, dann wäre der Zweck meiner vorstehenden Auseinandersetzungen, die ich im Interesse der Beteiligten — d. h. also der Armen — machte, vollauf erreicht. Mit besonderer Hochachtung Ein Abonnent Ihres Blattes u. wirklicher Freund der Armen. -- Aus Alt - Berliu. An andrer Stelle beginnen wir mit dem Abdruck einer Korrespondenz zwischen bem Vorstands- und dem Reprüsentantenkollegium der Berliner Gemeinde, die große Beachtung verdient. Diese Korrespondenz zeigt uns, wie die glorreiche Aera des Fortwurstelns, unter der wir jetzt leiden und der allein unser Kampf gilt, sich entwickelt hat. Die Korrespondenz schließt mit einem Appell des Vorstandes an die Gemeindemitglieder, Repräsentanten zu wählen, die den Willen des Vorstandes thun. Die Wühler entsprachen vor dreißig Jahren dem Willen des Vorstandes; die Folgen jener Wahl kennen wir: Versumpfung. Gerüchtweise verlautet, der Vorstand gedenke auch in diesen: Jahre zu dem Volke herabzusteigen und angesichts des erbitterten Wahlkampfes, in welchem es sich für ihn um Sein oder Nichtsein handelt, an die Wähler zu appellieren. Durch Abdruck der Korrespondenz aus deni Jahre 1865 glauben wir, diesem Beginnen entgegenarbeiten, wenigstens aber die Wähler warnen zu sollen! — Ergänzung. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr 'geehrter Herr Redakteur! Nachdem Sie meinen AnSsührnngcn in der Versammlung des Centralvereins einen so breiten Raum gewährten, würden Sie mich zu Dank verpflichten, wenn Sie die Bemerkung wiedergeben würden, mit der ich meine TaAegnugen einleitete. Ich habe eS bedauert und bedaure_ eS, daß bei dem herrschenden Wahlsystem die Auswahl der Kandidaten dem Wähler unmöglich gemacht ist, dieser bei der Listenwahl sich vielmehr an eine Line halten muß. Denn wenn er statt des Kandidaten A. der einen Liste dem Kandidaten A 1. der anderen Liste seine Stimme giebt, so kann die Wirkung sein, daß dies dem Kandidaten B. 1 der anderen Liste zu Gute' kommt. Rur wegen dieser Folgen des Listenwahlsystems halte ich es für richtig, sich an eine Liste zu halten, während sonst der richtige Weg wäre, sich jeden Kandidaten anzusehen, ob er mehr Liebe und Verständnis für die Sache hat. Rur nachdem die Notwendigkeit vorlag sich an eine Liste zu halten, habe ich mich siir eine der beiden Richtungen ausgesprochen. Gleichgiltig wie die Wahlen ansfallen, wäre es wohl dankenswert dies Wahlsystem abzuschaffen, das wie kein anderes zur Schaffung von Parteien drängt, lind diesen Lnrns können wir uns eigentlich nicht leisten. ' Hochachtungsvoll Dr. Heinrich Meyer Cohn. *) llebrigens auch für Nickstjuden! -- Ein Beweis für die Richtigkeit der in dem Artikel „Kofcssionslos" in der vorlevteu Nr. Ihres gesch. Blattes ausgestellten Behauptungen.