Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-14 · 46 (14.11.1895) · p. Seite 748

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
46 (14.11.1895)
Date
1895-11-14
Page
Seite 748 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9609057--0905-9609069
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seile 748. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. gleich wichtiger Name mit besonderer Betonung und scheuem Umberblicken ausgesprochen würde. Die Gräfin, die eine, selbst in ihrem Stande nicht gewöhnliche Bildung und Ausklärung besatz, hatte ihren Retter ansangs zwar mit gewinnender Freundlichkeit, aber mit jener gemessenen Zurückhaltung behandelt, wie sie es sreniden Männern überhaupt und besonders einem geringsügigen Juden gegenüber gewohnt war. Nach und nach jedoch batte sie die umsassende Bildung und den edlen, bescheidenen Cha-. rakter Amiesers aus seinen Gesprächen kennen und schätzen' gelernt. Daß er im gegebenen Falle Mut und Entschlossenheit gleich irgendwelchem Kavalier besäße, hatte sie an sich selbst ersahren. Mehr als einmal entschlüpfte ihr die Bemerkung, daß sie nicht so sehr seine höhere Bildung als sein, bei den ihr bekannten Juden so seltenes, freies und ritterliches Wesen in Erstaunen setzte. Aber auch Amieser war in der kurzen Zeit der Bekanntschaft im gräflich Zarnowieckischen Hause sehr verändert worden. Et, der sonst schweigsam und zurückhaltend war und sich nur mit seinem Studium oder mit seinen: Vater beschäftigte, hatte ein gesprächigeres Wesen angenommen und konnte stundenlang der ihm mit sichtlichem Interesse zuhörenden Dame seine Erlebnisse erzählen oder seine Ideen mitieilen. Auch sein Auftreten im allgemeinen war ein festeres, selbstbewußteres geworden. In der Fremde, fern von der Heimat, fühlen sich stets die demselben Lande Angehörigen, wenn auch ihre gesellschaftliche Stellung noch so weit von einander absieht, zu einander hingezogen, und der Verkehr zwischen denselben ist ein freundlicherer und zwangloserer als er es in der Heimat, unter gleichen Umständen sein würde. Zwischen dem jungen Judenarzte und der vornehmen aber fein suhlenden Edeldame hatte das gegenseitige Verhalten zu einander ebenfalls bald die Grenzen gewöhnlicher Konvenienz überschritten und, besonders vonseiten der Gräfin den Charakter vertraulicher Freundschaft angenommen. Amiöser selbst war mehr zurückhaltend und erlaubte sich nur hie und da etwas mehr Zwanglosigkeit, obwohl er das sympathische Entgegenkommen der Gräfin wohl sah und empfand. Zu wiederholten Malen hatte sich die Gräfin geäußert, daß sie ihn nicht nur _ als Arzt ihres Gemahls und als ihren Retter aus Gefahr, sondern auch als Freund betrachte. Sie hatte sogar scherzweise seinen Namen Amieser in das ähnlich lautende spanische amigo, Freund, verwandelt und redete ihn öfters im Verlause der Gespräche in dieser zutraulichen Weise an. Gegen den Grafen war das Benehmen des jungen Arztes stets das- selbe geblieben. Respektvoll und bescheiden, aber weder unterlhänig noch besonders zutraulich. So waren die wenigen Wochen wie im Fluge verstrichen, und da die Wunde des Grafen, dank der Behandlung des kundigen Arztes und dem milden, für Heilung derartiger Wunden ganz besonders günstigen Klima der dortigen Regionen, beinahe völlig geheilt war, so konnte die Abreise nicht mehr aufgeschoben werden. Zum letzten Male waren heute der alte Reb Joses und sein Sohn in der Wohnung des gräflichen Paares anwesend um sich zu verabschieden. (Fortsetzung solgk.) Ilfr Kiiiibft. (Anekdote aus dem Russischen.) Ein armer Jude hatte eine entsetzlich böse Frau. Eines Tages geriet sie gegen ihren geduldigen Gatten in heftigen Zorn: warum andere Weiber' in Ueppigkeit und Uebcrfluß lebten, sie aber mit ihren Kindern fast Hungers stürbe. „Du bist ein Faullenzer, ein Tagedieb," schrie sie ihrem Manne zu, „werde uieinetwefen Räuber, ernähre nur Deine Familie! Fort aus meinen Augen!" Und ohne aus etwas weiteres zu hören, jagte sie den Unglücklichen zur Thür hinaus. Lange wankte der 'Arme, niedergeschlagen und traurig, in den Straßen umher, dachte und dachte und erdachte nichts Gescheites. Endlich kam er zu einem Entschluß: Komme, was da wolle, ich will es mit dem Räuberhandwerk versuchen ... Er ging aus der Stadt hinaus, verbarg sich am Rande des Waldes, wo die Landstraße vorbeisührte, und harrte der Beute. Ein Bauer kam des Weges daher. „Nein, den darf ich nicht anrühren," dachte der Jude, „wird mich noch durchprügeln und mir den Rock abnehmen. Sieht selbst wie ein Räuber aus!" . Ein altes Weib, das mit Bündeln und Packen beladen war, ging vorüber. Der Jude sann nach. „Fremde Weiber anrühren, noch dazu christliche, ist sündlich," sagte er zu sich. Ein Stutzer kam mit der Post gefahren. Ter Jude schaute wieder aus. „3:1111, diesem Vogel konnte ich ein paar Federn auSrupfen, nur schade, der Kutscher sieht mir zu robust aus." So kam der Abend heran und die Stunde des Abendgebetes. Der Jude sing an, eifrig zu beten. In der Glut des Betens bemerkt er, daß längs der Landstraße ein Glaubensgenosse aus einem mageren Klepper kommt. „3(1111, endlich einer nach meinen Kräften," frohlockte der debütierende Gurgelabschneider. Aber die Lage des 'Räubers war eine sehr kritische: er hatte sein Gebet noch nicht geendet, folglich nicht das Recht, von der Stelle zu weichen oder ein Gespräch zu beginnen. Er winkte dem herantretenden Glaubensgenossen also bedeutsam mit den Händen zu und stieß unartikulierte Laute aus. Dieser hielt, als er den betenden Bruder erblickte, an und wartete geduldig, bis derselbe mit seiner frommen Handlung zu Ende sei. Sobald der Räuber sein Gebet beendigt hatte, lies er, sich innerlich Mut zusprechend, aus den Reisenden zu. „Guten Abend!" wandte er sich an sein Opfer. „Guten Abend!" antwortete der Reisende. „Scholom alechem!“ (Friede mit Euch!) — der Räuber streckte dem Fremden seine Hand entgegen. „Alechem scholom!“ — dieser drückte die dargebotene Hand. „Woher kommt Ihr?" fragte der Räuber. Ter Reisende erklärte das Woher, Wohin und Warum seiner Reise. „Habt Ihr nicht eine Prise?" Der Fremde bot dem Räuber bereitnrillig seine Dose an, „Aber wißt Ihr auch, wer ich bin?" brüllte der Räuber plötzlich mit Grabesstimme. „Nein, ich weiß es nicht; wer seid Ihr?" Der Räuber trat zwei Schritte zurück und erhob die Faust. „Ich . . . ich . . . bin . . . ein . . . jüdischer . . , Räu . . . Räu . . . Räuber!" brüllte er.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.