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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-14 · 46 (14.11.1895) · p. Seite 747

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
46 (14.11.1895)
Date
1895-11-14
Page
Seite 747 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 40 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Sette 747. deretwillen er sich, bei der Männlichkeit seines Charakters, der Liebe und Hochachtung seiner Gemeinde erfreut. Herr Dr. Joel hat nicht allein aus litterarischcm Gebiete sich durch verschiedene anerkannte Arbeiten ausgezeichnet, sondern auch durch eine Reihe von Jahren als Lehrer und Prediger ist dem Rabbiner-Seminar zu B. gewirkt, und ist infolgedessen zum Rabbiner erwählt worden. Seine beiden in hiesigem Orte b^ den sehr traurigen Anlässen gehaltenen Reden haben seine oratorischen Fähigkeiten, auch unserer Gemeinde gegenüber, zur Genüge dargethan, und seine philologische Qualifikation (facultas doeendi) ist unter den obwaltenden Umstünden wohl auch beachtenswert. Wir glauben daher in den beiden genannten Rabbinern, zumal sie als in jeder Beziehung wochlwollende und friedliebende Männer bekannt sind, eine durchaus, glückliche Wahl getroffen zu haben und den Beitritt zu derselben der geehrten Versammlung empfehlen zu dürfen. Selbstverständlich kann es sich aber jetzt blos um die Wahl der Personen handeln und werden alsdann erst die Anftellungsbedingungen mit den Gewählten zu vereinbaren und durch Gemeindebeschluß sestzustellcn sein. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde. Berlin, den 10. März 1805. 2a. An den Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde. Unter Rückgabe der Anlagen benachrichtigen wir den geehrten Vorstand ergebenst, daß wir uns zwar mit dem Vorschläge der gleichzeitigen Anstellung zweier Rabbiner einverstanden erklärt, degegen den vorgeschlagenen Modus der Berufung abgelehnt und beschlossen haben, daß bezüglich der Besetzung beider Stellen ein öffentliches Konkurenzschreiben erlassen werden soll. Den geehrten Vorstand ersuchen wir ergebenst, unserem Beschlüsse betreten zu wollen. Berlin, den 8. April 1805. Die Repräsentanten-Versammlung der jüdischen Gemeinde. (Fortsetzung folgt.) Feuilleton. Zahn nni Zahn. (Erzählung aus Polens Vergangenheit. (Fortsetzung.) Der Edelmann erzählte hierauf seinerseits, daß er der Gras Zarnowiecki sei, mit seiner Gemahlin eine Wallfahrt nach Rom unternommen habe und nun, auf der Rückkehr in die Heimat begriffen, einen Umweg genommen habe, um über Spanien, Frankreich und Deutschland in ihr Land zurückzukehren. Er bemerkte dazu, daß die langwierige und beschwerliche Reise ganz und gar nicht nach seinem Geschmacke gewesen sei, daß er aber seiner jungen, ihm kaum erst angetfcruten Gemahlin zu Liebe in dieselbe eingewilligt hätte, um ihre unwiderstehliche Sehnsucht, Reisen zu machen und fremde Länder kennen zu lernen, zu befriedigen. „Jetzt aber", fügte der Gras hinzu, „habe ich all das Reisen satt, und ich hoffe, daß es auch bei meiner Frau der Fall ist. Aus dem kürzesten Wege wollen wir trachten, in unsere^ Heimat zurückzukommen. Nicht nur, daß ich mich von den Strapazen und Unzukömmlichkeiten der Reise nach dem bequemen, fröhlichen Leben zu Hause sehne, sondern auch andere wichtigere Ursachen wegen möchte ich nicht zu lange vom Heimatlande fern bleiben. Wenn nur meine Wunde mir eine baldige Weiterreise gestattet." „Sobald wir in der Stadt und im Hause sein werden," sprach der alte Joses, „wird mein Sohn hier Eure Wunde genauer untersuchen. Er ist wohl noch kein öffentlicher Arzt, aber er fjat die Wissenschaft der Heilkunde bereits vollständig inne und bei mehr als einem schwierigen Falle ist er bereits von älteren, erfahrenen Kollegen beigezogen worden trotz seiner Jugend. „Euer Sohn ist dies, Reb Joses?" wandte sich die Gräfin, die bis jetzt alles angehört, aber noch kein Wort gesprochen | hatte, an den Alten. „Man werft cs, daß er im Ausland erzogen wurde. Er gleicht nicht Euren übrigen Glaubensgenossen in unserin Lande." Scharfe Röte überzog bei diesen Worten das Antlitz des jungen Mannes, sein Auge begegnete dem aus ihn gerichteten Auge der Gräfin. Die Dienerschaft hatte unterdessen alles zur Einkehr in die Stadt vorbereitet. Weder der Gras noch die Gräfin waren imstande, wieder zu Pferde zu steigen uni) so trat man zu Fuß den Rückweg an. Die Gräsin, von den beiden Bedienten unterstützt, voran, der Gras und Reb Joses in eifrigem Gespräche begriffen, hinterher, zuletzt Amieser ganz allein und nachdenklich. Das Gespräch zwischen Reb Joses und dem Grasen geriet bald aufs politische Gebiet der heimatlichen Zustände, und es schien dem hinterherschreitenden Amieser, der hin und wieder einige abgebrochene Sätze erlauschte, daß die beiden in gewissen Angelegenheiten ein mehr als gewöhnliches Interesse zeigten und, was ihn noch mehr Wunder nahm, daß der vornehme Magnat und der niedrige Jude in mehreren ihrer Ansichten ubereinstimmten. Doch schenkte er dem Gespräche zu wenig Aufmerksamkeit, um mehr als diese flüchtige Bemerkung zu machen. In der Stadt angelangt, zeigte sich bei näherer Prüfung die Wunde des Grasen bedenklicher, als man anfangs gedacht. Es dauerte mehrere Wochen, bis die Heilung der Wunde des Grasen soweit vorgeschritten war, daß man ohne Besorgnis an die Weiterreise denken konnte. Während dieser ganzen Zeit hatte der junge Arzt keinen einzigen Tag seinen Besuch ausgesetzt und war fast stets von seinem Vater begleitet worden. War nun der erste Teil des Besuches, der dem Hauptgegenstande, dem Patienten, gewidmet war, vorüber, so pflegte gewöhnlich der Graf sich mit Reb Joses in ein Gespräch einzulassen,- das stets um die heimatlichen Zustände sich drehte und beinahe jedesmal auf die hohe Politik hinauskam. Amicser pflegte dann zuweilen, nach einigem Stillsitzen, unter irgend einem Vorwände sich zu entfernen, seinen Vater in eifrigem Politisieren mit dem Grasen zurücklassend. Meistens jedoch wurde auch er von der Gräsin zurückgehalten und in eine Unterhaltung verwickelt, die sich bei dem beiderseitigen höheren Bildungsgrade in mehr wissenschaftlichen und ästhetischen Kreisen bewegte. Der Gemahl der Gräfin, der zum alten Reb Josef eine auffallende, bei Seinesgleichen Juden gegenüber selten zu findende Vertraulichkeit bekundete, schien auch das längere Konversieren seiner Gemahlin mit dem jungen Arzte nicht übel zu nehmen, ja es schien fast, als ob er es gerne sähe, wenn seine Frau und Amieser in eifriger Besprechung irgend eines Themas vertieft, seiner Unterredung mit dein Alten keine Aufmerksamkeit schenken konnten. Das Gespräch der beiden Männer wurde dann leise flüsternd, und öfters schien es, als ob ein, beiden

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