Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 46 (14.11.1895)
- Date
- 1895-11-14
- Page
- Seite 745 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Str. 46. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 745. Dir 3uH in Riimiinikn. m. Bukaren, im November- Unter den zahlreichen Verleumdungen, welche unsere Feinde in den letzten Jahren über uns verbreitet haben, um uns bei dem rumänischen Volke verhaßt und gefürchtet zu machen, war eine der beliebtesten, die von der großen Anzahl Juden, welche, nach unseren Gegnern, Rumänien überschwemmt haben. In gewissenlosen Blättern und von vielen sog. Staatsmännern wurde ohne weiteres festgestellt, daß in Rumänien 500 000 bis 700 000 — ja sogar eine Million Juden leben. Und da diese falschen Angaben voll Abgeordneten und Senatoren ans den Parlamentstribünen und von Staatsmännern in onentlichen Versammlungen wiederholt wurden, haben sie allgemeinen Glauben gesunden und uns viel Leid verursacht, weil natürlich hinzugesügt wurde, daß wir eine nationale (Gefahr bilden. Das ist sicher nicht der Fall, denn der rumänische Jude ist intelligent, fleißig und andauernd, während das Gros unserer christlichen Landsleute ungebildet und faul iß. Hundertmal wohl haben die Juden Staatsmänner aller politischen Parteien ersucht, eine Volkszählung zu veranstalten und die genauen Zahlen zu veröffentlichen, um die Verleumdung ans der Welt zu schaffen und die Rumänen zu beruhigen. Die Staatsmänner haben stets versprochen, daß eine Zählung bald ftattfinden solle, aber das Versprechen wurde nie gehalten, bis Carp, der einzige rumänische Minister, der den Mut hatte, die jüdische Sache int Parlament zu verteidigen, während seiner Ministerschast eine Zählung der gesamten Bevölkerung Rumäniens, nach Rationalitäten und Religionen, anordnete. Die Resultate wurden im Staatsanzeiger veröffentlicht und lauten, wie folgt: Gesamtbevölkerung von Rumänien, 2 739 043 männliche und 2 667 206 weibliche Wesen; zusammen 5406 249. Darunter befinden sich 118 685 männliche und 124 540 weibliche Anhänger des Judentums, zusammen 243 225, von welchen volle 85% in Rumänien geboren wurden linb nicht als „Fremde" angesehen werden können. Wenn von den 118,685 männlichen Juden noch die Binder abgezogen werden, die unter Juden bekanntlich sehr zahlreich sind, dürste unsere Behauptung, daß in Rumänien nicht mehr als 60 000 erwachsene Juden leben, wohl kaum weit von der Wahrheit entfernt sein. Was wird mm aus den lügenhaften Angaben der uns feindlich gesinnten Presse und Politikers Wir haben also die Genugthuung, den Händen unserer Todfeinde eine mächtige Waffe entwunden zu sehen. beider besitzen sie aber noch Verleumdungen genug, so z. B., daß wir durch geistige Getränke das Volk vergiften, daß wir Wucherer und Landesseinde sind. Aber der Tag wird kontmen, wo auch diese Lügen ihre Widerlegung finden werden. Ein erfreuliches Faktum wurde durch die Zählung ans Licht gebracht, nämlich, daß unter all den 243 225 Juden — abgesehen von den kleinen Kindern — auch nicht ein einziger ist, der nicht lesen, schreiben und rechnen kann, während von den 5 163 024 Christen nur 443 661 lesen und schreiben können. Run mögen Unparteiische urteilen, aus welcher Seite in Rumänien die Zivilisation liegt. Wir sind Herrn Carv sehr dankbar für den großen Dienst, den er uns rumänischen Juden geleistet hat. Milche Ackerblnitt in Amerika. 8t. New-Uork, 30. November. Die Ansiedlung von jüdischen Einwanderern behufs Betreibung der Landwirtschaft in diesem Lande bot zur Zeit, als diese Einwanderer in Blassen hierher stürmten, so viele Schwierigkeiten dar, daß die Herren, welche darin die geeignetste Lösung des Problems der Unterbringung der Einwanderer suchten, fast entmutigt die Arbeit finken ließen. Und doch zeigte sich mit der Zeit, daß die Juden für den Ackerbau sich ebenso befähigt zeigten, wie für irgend einen andern Lebensberus, daß sie eine Thatkrast, eine Zähigkeit und Ausdauer entwickelten, welche einen gesicherten Erfolg nach sich ziehen mußte, und daß daher in dieser Richtung segensvolle Resultate zu erwarten seien. Die Woodbine Kolonie in New Jersey, gegründet inmitten einer Wildnis vor einigen Jahren durch den Moritz von Hirsch-Fonds, eine blühende Ansiedlung jetzt, legt Zeugnis davon ab, wie rasch diese Leute den amerikanischen (steift des rastlosen Auswärtsftrebens durch eigene Arbeit eingesogen haben und mit dem amerikanischen Kulturleben sich verschmelzen. Die Umgangssprache unter den Leuten ist meistens Englisch, der Jargon- Dialekt ist im Schwinden begriffen. Es wird aber auch bald ein Fabrikstädtchen da entstehen, wie das in allen amerikanischen Landansiedelungen sich so rasch entwickelt. Schon ist eine Maschinen - Werkstätte da, eine dreistöckige Kleidersabrik, eine Korbflechterei und andere Fabriken. Auch rin Badehaus ist da für kalte, heiße und Douchbäder, eine öffentliche Bibliothek und sonstige Anstalten, das Leben angenehm zu machen, und dte Kolonie zu einem echten Heim zu gestalten. Wo aber der Jude hinzieht, da bringt er auch seine Thora mit, sein Schul- und Beihaus und seine Gesellschaften für Erweisung von Liebesdiensten, Krankenpflege, Waisen- und Armenunterstützung. Natürlich besteht auch eine solche in Woodbine, and diese Gesellschaft hat es bereits fertig gebracht, ihre eigene Synagoge zu errichten, und zwar aus Material, welches die Ansiedlung liefert und an dem Bau sowie in der Anfertigung der Materialien aus Stein, Eisen und Holz sind nur Kolonisten thätig. Die Ziegelsteine, welche zur Verwendung kontmen, find dort hergestellt, Eisenteile in der dortigen Schmiede, und Holzarbeiten in der Zimmermanns-Werkstätte hcrgestellt, sv daß nicht eilt einziger Arbeiter dabei beschäftigt ist, der nicht zur Kolonie gehört. Ant vergangenen Sonntag wurde der Grundstein in Gegenwart des früheren Richters und jetzigen Kandidaten für das Amt eines Richters der Supreme Court Myer S. Isaaks, Präsideitt des Baron de Hirsch-Fonds, und einer Anzahl geladener (stäste gelegt. Die Zeremonien waren feierlicher Natur, Herr Al. L. Sabsowitsch, der Superintendent der Ansiedlung, leitete die Feierlichkeiten. Bereits bestehen dort zwei Klassen, wovon eilte, aus bessarabischen Einwanderern bestehend, dem portugiesischen Ritus sich zuneigt, die andern Einwanderer aus Polen und Rumänien, den deutschen Ritus vorzieht. Vor den hohen Feiertagen hält die Gemeinde eine Versanunlung ab und entscheidet durch Abstimmung, welcher Ritus beim Gottesdienst vorwalten soll. Dem Verdikt der Majorität fügt sich alles —. echt amerikanisch. Am Samstag ruht die Arbeit vollständig und das vierte Gebot wird dort strikte beobachtet. Was bis jetzt noch nicht notwendig war und hoffentlich noch lange entbehr-