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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-14 · 46 (14.11.1895) · p. Seite 744

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
46 (14.11.1895)
Date
1895-11-14
Page
Seite 744 (sequence 8)
Language
German
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Seite 744. Allgemeine Israelische Wochenschrift. Nr. 46. Mitarbeiter für immer gefestigt. Was er für die Zöglinge der „Amecitia“ gethan, das zeigt die Begeisterung, mit der fein Miaute von ihnen genannt wird. Sein Gedenken gereicht wie vielen anderen auch uns zum Segen. Uoch m Kliff an i>ic„Dkbarah".*1 Ezarnikaii, 27. Oktober 1805. Verehrte Deborah! Daß Du meinen Brief, den der Herausgeber dieser Zeitung so freundlich war, in Nr. 37 abzudrucken, gelesen hast, das freut mich. Ich setze voraus, daß Du — was ja die allerelementarste Pflicht journalistischer Gewissenhaftigkeit wäre — den Artikel der „Neuzeit", auf Grund dessen Du Deine Anklagen fabriziert hast, noch einmal vorgenommcn und durchgelesen hast, und ich traue Deinem Begriffsvermögen noch so viel zu, daß Du nun die Unwahrheit Deiner Verleumdungen klar erkannt hast. Daß Du aber trotzdem die Dreistigkeit besitzest, nicht verlegen zu schweigen, sondern dieselben Verleumdungen mit wenig Witz und viel Behagen weiter zu behaupten, das geht denn doch ein bischen über die Hutschnur. Also Du meinst: „Der Herr Rabbiner in Ezarnikau, im polnischen Hinterwalde, weiß wahrscheinlich nicht, daß in Wien eine Wochenschrift erscheint, die „Neuzeit" heißt u. s. w." Ja aber, Verehrte, wenn ich das nicht wüßte, ja, wenn ich die betr. Nr. der Neuzeit nicht gelesen hätte, woher hätte ich denn dann Deine Flunkerei gemerkt haben können? Doch damit es dem blödesten Auge, damit es auch Dir klar sei, will ich den Anfang des betr. Artikels aus 9ir. 27 der Neuzeit hierhersetzen. Derselbe lautet: „Vor mehr denu einem vollen Menschenalter schrieb Abraham Geiger u. s. w. Am Schluffe des Geigerschen Artikels folgen dann wenige allgemeine Betrachtungen, in welchen der Verfasser meint, daß das heutige Judentum gegeu die damalige Zeit nicht sehr fortgeschritten sei. Von einein Examen in Wien steht da kein Wort, kann auch gar nicht stehen, da es tatsächlich nicht stattgesunden hat; und um sich eine solche Mordgeschichte aus den Fingern zu saugen, dazu ist die „Neuzeit" denn doch noch von Amerika zu weit entferut. *) Zur Orientierung unsrer neu hiuzugekommeuen Leser diene folgendes: Tie Wochenschrift „Deborah" in Einciiniati liebt es, das amerikanische Judentum auf Kosten des europäischen zu verherrlichen, unsre Bildnngsanstalten für Rabbiner und Lehrer herabzusetzen, damit die Leser zn der Ueberzeugung gelangen, daß die Amerikaner bess're Menschen seien- Das Blatt schreckt gelegentlich auch vor einer krassen Flunkerei nicht zurück, in der Erwartung, daß es von niemand rektifiziert werden würde. Vor einigen Monaten passierte dem Blatte ein peinlicher Unfall: Die. in Wien erscheinende „Neuzeit" druckte ein Stück aus den Schriften Geigers ab, das sich mit der vor Jahrzehnten auf den Jcschiwos (Talmudichnlen) üblich gewesenen Rabbinatsprüfung beschäftigte und eine .Karrikatnr karrikiertc. Hat der Redakteur der „Deborah" diesen Artikel schlecht gelesen oder wollte er ihn mißverstehen und mißdeuten — genug, ans dem fast vier Jahrzehnte alten Raisonnement entstand im Handumdrehen ein aktueller Fall, der sich soeben in Wien zugetragen haben sollte; aus der alten „Jeschiwah" wurde das kaum zwei Jahre junge Rabbinerseminar in Wien gemacht, und an der Hand des also zugestutzten Berichts wurden unsre europäischen Rabbinerseniinare und der deutsch-österreichische Rabbiuerstand lächerlich gemacht. In einem hier erschienenen offenen Briefe an die „Deborah" rückte Herr Dr. Freund das Gebühren dieses Blattes in das rechte Licht. Anstatt paton peccavi zu sagen, suchte die „Deborah" sich durch überlegen sein sollende Grobheit aus der Affaire zu ziehen, worauf nun Tr. Freund antwortet. Und nun wollen wir rechnen! Du wirfst mir vor: 1) Daß ich Rabbiner im polnischen Hinterwalde bin, 2) daß ich von dem Erscheinen der „Neuzeit" in Wien nichts weiß. Ich warf, resp. werfe Dir vor: 1) Daß Du Dich unsterblich blamiert hast, indem Du ein Examen erdichtet und Deinen Lesern aufgetischt hast, das gar nicht stattgefunden, 2) daß Du einen verdienten Gelehrten und eine ganze Anstalt durch die Beschuldigung eines lächerlichen Plagiats schändlich verleumdet hast, und daß Du 3) trotzdem Du auf Deinen „Irrtum" aufmerksant gemacht wurdest, ihn wider besseres Wissen weiter behauptest, also bewußt die Unwahrheit sprichst, was n;an im polnischen Hinterwalde „Lügen" nennt. Daß Du nun doch noch der Wahrheit die Ehre geben wirst, wage ich nicht zu hoffen; das ist auch gar nicht der einzige Zweck dieses Schreibens. Aber etwas anderes möchte ich bewirken! Du sprichst immer mit Vorliebe von dem „amerikanischen Judentum", das von den Gesetzen und Uebungen des alten Judentums sich vollständig emanzipiert hat und dafür die Gesetze der Moral um so strenger geübt wissen will. Es giebt nun wohl.auch in Deutschland, vielleicht sogar im polnischen Hinterwälde, Leute, die sich für Dein amerikanisches Judentum begeistern, die, durch die ewigen Phrasen von Wahrheit, Ehrlichkeit u. s. w. geblendet, wirklich meinen, daß das Aufgeben der alten Satzungen eine höhere Stufe der Sittlichkeit im Gefolge habe. Für diese wird es wohl von Interesse sein, einmal an einem drastischen Beispiele zu erkennen, wie es bei der Vorkämpferin für dieses „Amerikanische" mit der Sittlichkeit, insbesondere mit der Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit bestellt ist. So! Nun magst Du das Lexikon Deiner Kraftausdrücke öffnen und mich mit Liebenswürdigkeiten überschütten; in dem Lapldarstyl, den Du mit so unnachahmlicher Grazie handhabst, magst Du in Deiner nächsten Nr. schreiben: „Der Rabbiner von Czarnikau ist ein vorsintflutliches Mammutstier, ein unwissender Jargonschreiber, — ein polnischer Hinterwäldler; es lohnt sich nicht, daß wir uns weiter mit ihm beschäftigen." Von mir hast Du keine Erwiderung mehr zu befürchten. Doch wenn es vielleicht wieder einmal nötig sein sollte, dann sollst Du mich, wenn Gott mir Kraft und Leben schenkt, wieder aus dem Platze finden zum Kampf gegen Verleumdung und Lüge. Und damit Gott befohlen! Dein alter Dr. S. Freund. P. S. Ein Freund meint, daß der Ton des Briefes etwas zu scharf sei. Du bist doch wohl anderer Meinung, und findest ihn hoffentlich sehr maßvoll. Wie schriebst Du doch in einem ähnlichen Falle (in Nr. 41, 1894): „Es ist uns unverständlich, wie ein Preßagent so niederträchtig das Publikum belügen kann, ohne wenigstens von der deutschen Presse zur Verantwortung gezogen zu werden. Wenn ter dumme Junge das als einen Aprilscherz verübt hat, ist es ihm wohl gelungen, seine Eselei an den Pranger zu stellen." Das ist doch schöner, nicht wahr? v

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