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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-14 · 46 (14.11.1895) · p. Seite 743

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
46 (14.11.1895)
Date
1895-11-14
Page
Seite 743 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 46. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 743. deren Schulzimmer das Silberhaar eines Siebzigjährigen, der nach dem talmudischen Motto: „Es ist nie zu spät zu lernen", es noch in diesem Greisenalter nicht verschmähte, sich der hehren ABC-Wiffenschast zu widmeu. Auch die praktische Leite der Bildungsarbeit, die Fähigmachung , für den Lebenskampf, wird nie aus dem Auge gelassen, wiewohl gerade für diesen Menschenschlag das Lernen um des Vergnügens oder das Lernen um des Lernens willen einen befondern Reiz hat. Den eigentümlichen Anforderungen, die hier gestellt werden, können die sonstigen Bildungsansialten für Erwachsene keineswegs entsprechen/ Unsere Fortbildungsschulen weichen nicht nur in Bezug auf das Ziel sehr von dem ab, das hier erstrebt wird, sondern auch auf die Methode, die angewendet werden muß. Die Voraussetzungen für die Fortbildungsschulen sind beträchtliche, denn die Absolvierung einer mehrklassigen Volksschule wird verlangt, während die Amioitia-Zöglinge meist erst in die Grundelcmente des Wissens eingeführt werden müssen. Sprache, Sitte und Formensinn muß zu gleicher Zeit in Behandlung genommen werden. Es gilt nicht blos zu pflanzen, sondern noch mehr, Unkraut auszujäten, Beulen und Unebenheiten des inneren Menschen abzutragen, die hervorstehenden Ecken zu glätten und schleifen, Manieren, die als undeutsch auffallen könnten, zu beseitigen, und so dem polnischen Juden, da er sich doch nun in Deutschland aushält und von seiner Hände Fleiß ernährt, das Gepräge westlicher Kultur nach Möglichkeit aufzudrücken. Die „Amicitia“ steht solchergestalt auch im Dienste deutsch-nationaler Interessen, indem sie den hier ansässigen Ausländern die Fähigkeit, mit dem nationalen Strom milzuschwimmen verleiht. Manches Samenkorn, das die „Amioitia" ausgestreut, ist herrlich aufgegangen. Eine Anzahl von Männern, die jetzt als Aerzte, Rabbiner u. s. w. segensreich wirken, haben sich die ersten Sporen in diesem Institut geholt. Andere ehemalige Zöglinge haben es verstanden, sich in der kaufmännischen Welt zu ziemlicher Höhe und zu Achtung und Ansehen emporzuschwingen. Das sind Leistungen, aus welche die mit bescheidenen Mitteln arbeitende „Amicitia" mit gerechtem Stolze zurückblicken kann, zumal da sie sich keineswegs damit begnügt, ihren Pfleglingen blos die geistige Nahrung zu spenden, sondern auch nach dem Maße ihrer Kräfte nachdrücklich bestrebt ist, sie leiblich zu erbauen und ihnen während der Lehrzeit und bei eventueller Selbständigmachung hilfreich unter die Arme zu greifen. In unserer von sozialen Kämpfen erfüllten Zeit mag es auch nicht überflüssig sein, aus die gesellschaftliche Annäherung hinzuweisen, die durch Veranstaltung von Purim- und anderen Festabenden bewirkt wird, an denen die Herren vom Vorstande, die durchweg in den angesehensten Kreisen zu suchen sind, teilnehmen. Das benimmt den Handwerkern das Gefühl der Bitterkeit und der herablassenden Begöuncrung, das in diesen Leuten sonst als tiefsitzender Stachel zurückblewt. Besonders Herr Direktor Dr. Adler, die Seele der ,.Amioitia", ist in seiner natürlich sprudelnden Liebenswürdigkeit wie geschaffen, mit den Leuten auf dieser Bildungs- und sozialen Stufe herzlich zu verkehren. Er weiß sich im Umgang mit ihnen auf einen Boden zu stellen, auf dem sie sich stets heimisch fühlen, und Töne anzuschlageu, die verwandte Saiten in Zhrem Gemüt berühren.^» Darum ist die Begeisterung der Amioitia-Jünger für „unfern Adler" eine unbegrenzte. Dieses Vertrauen und diese Begeisterung sind das Echo eines Entgegenkonunens und einer Hilfsfreudigkeit, die fast gleichfalls keine Schranke kennt. _ Der Unterricht wird an 4 Abenden der Woche im Schullokale der jüdischen Gemeindeknabenschule erteilt. Die bescheidene, stille Art seines Wirkens hat seinen Namen selten in die Oeffentlichkeit dringen lassen; so nur erklärt es sich, daß er die allgemeinere Aufmerksamkeit bisher nicht aus sich gelenkt hat. Die Tendenz, die er verfolgt, ist eine so anerkennenswerte, so mit dem modernen Leben übereinstimmende, daß seine Bestrebungen mehr Würdigung und Beachtung verdienen. Die Amioitia ist im Jahre 1870 zur geistigen und materiellen Hebung besonders ausländischer Juden von menschenfreundlichen Männern ins Leben gerufen worden und sieht somit auf die Geschichte einer 25 jährigen Wirksamkeit zurück. Ihr Wirkungskreis ist langsam aber stetig gestiegen, die Zahl der Zöglinge ist gewachsen und damit auch der Umfang und die Intensität ihrer Pflichten. Dabei wird die materielle Last, die der Verein zu tragen hat, nur durch kleine Fonds erleichtert; hauptsächlich ruht sie auf den Schultern einiger hochherziger Männer und Frauen. Die sehr gesteigerten Anforderungen werden indessen die Amioitia veranlassen müssen, neue Freunde und Gönner außer den alten zu suchen. Zu all den sonstigen Vereinigungen, die der uneigennützigen Nächstenliebe gewidmet sind, bildet die Amioitia eine notwendige und wertvolle Ergänzung. Ihre Leistungen sind um so höher anzuschlagen, als sie nicht durch Darreichung von Gaben, der augenblicklichen Not zu steuern, sondern durch Weckung und Bildung der inneren Kräfte den Menschen aus eigene Füße stellen will, damit er später „der Spenden dessen, der Fleisch und Blut ist", nicht mehr bedarf. Das Ziel, das die Amioitia sich stellt, ist: Erhebung aus geistigem und dem damit unvermeidlich verbundenen materiellen Druck zur Höhe einer gewissen inneren und gewerblichen Selbständigkeit. Es kann in unserem sozialen Jahrhundert nicht fehlen, daß einem solchen Unternehmen reiche Förderung und weitgehende Teilnahme entgegengebracht wird. — — — Den Geboten der Pietät würde es zuwiderlaufen, wenn an dieser Stelle eines Mannes nicht Erwähnung geschähe, der der „Amioitia" ein und alles war. Dr. M. Lippschütz muß seine ehemaligen Schüler selber von ihm sprechen hören, um zu begreifen, was er ihnen gewesen ist: Der Gründer der Amioitia, war er seinen Zöglingen ein treusorglicher Vater und Lehrer. In jeder erdenklichen Not fanden sie in ihm eine sichere Stütze, er kani ihnen stets mit einem liebevollen Verständnis für ihre Anliegen entgegen. Dr. Moritz Lippschütz ist eine der bereits ausgestorbenen Typen Berliner Lebens, die hohe klassische Bildung mit einer großen Seele vereinend, mit dem Idealismus der Selbstverleugnung den geistigen und Wohlthätigleiwinteresien ihrer Glaubensgenossen sich schrankenlos Hingaben und darum von einem Einfluß waren, der heute von einem Einzelnen nie und nimmer geübt wird. Lippschütz ist der Vater und vornehmste Förderer auch manch anderer Wohlfahrtseinrichtungen gewesen. Der „Amioitia" war es aber buchstäblich alles. Aus seinem Geiste ist sie hervorgegangen, er hat sie als eine seiner liebsten Pflanzungen sorglich geschützt und eingehegt und schließlich hat er sie durch Heranziehung gleichgesinnter

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