Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 46 (14.11.1895)
- Date
- 1895-11-14
- Page
- Seite 742 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 742. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. Kim Kilbttjlltiilim» der „Amicitia“. Von Bernhard Traubcnber g. Das Jahr 1895 ist ein Jubiläumsjahr per excellence. Das unter Kriegswehen mit Blut und Eisen geschmiedete Deutsche Reich feiert seinen 25. Geburtstag, und jeder Tag ruft große Erinnerungen an gewaltige Ereignisse wach. Alles, was dem großen Kriegsjahr seine Entstehung verdankt, gewinnt an Bedeutung und scheint eine Verknüpfung mit den Geschehnissen jener bewegten Tage aufzuweisen. Das Jahr 1870 mit seinen weltumgestaltenden Folgen hat nicht nur befruchtend auf den lebendigeren Verkehr der Nationen untereinander eingewirkt, sondern mit der Erweiterung des Gefühlskreises auch einen regern Austausch idealer Gedanken und Empfindungen im eigenen Lande hervorgerusen, die in neugeschaffenen Institutionen der mannigfachsten Art eine sichere Pflegestätte fanden. Die aus der Residenz des Königs zur Reichshauptstadt emporgestiegene Metropole Preußens hat aus dem Ruhm jenes Jahres die meiste Anregung zu Neubildungen von Anstalten, die neue Gedanken verkörperten, empfangen. In dem großen, vielfarbigen und duftigen Strauße des Berliner Vereinslebens befindet sich an bescheidener Stelle, halb versteckt, eine kleine, zarte Blume, die dem Ganzen aber nicht fehlen darf, ohne einen störenden Mangel empfinden zu lassen: die „Amicitia“. Diese unscheinbare Blüte, die der reichshauptstädtische Vereinsboden getrieben, ist noch kaum heimisch geworden, wie sie überhaupt mehr die Fremden und aus weiter Ferne Hergekommenen erfreut und erquickt. Kaum wie in einem andern philanthropischen Werke offenbart sich hier die befreiende Macht des Judentums, die in Schöpfungen der Bruderliebe keine trennenden Schranken kennt; in Aeußerungcn der Nächstenliebe sind die gewaltigen Naturgrenzen, sind Berge und Meere wie weggewischt, und die nationale Eitelkeit, die sonst den Völkerverkehr so sehr erschwert, tritt bescheiden in den Hintergrund. In die Weltstadt mit ihrer kerndeutschen Bevölkerung münden auch kleine dünne Bächlein nichtdeutscher Elemente. Wer sieht sich nach ihnen um, wer kümmert sich um ihr Wohl und Wehe, wer würdigt sie eines Blickes? Das Judentum hat schon vor Jahrtausenden diese Gleichgiltigkeit gegen die Not Fremder überwunden und sucht in seinen: bescheidenen Kreise auch hier geistiger und leiblicher Not nach Kräften zu steuern. Das Objekt, aus das sich die segensreiche Thätigkeit der „Amicitia“ konzentriert, sind die aus Osten eingewanderten Glaubensgenossen. Nicht etwa, als ob die anderen nichtöstlichen Juden von der Wirksamkeit des Vereins ausgeschlossen wären, nein, jeder, der in den eigentümlichen Rahmen seiner Thätigkeit hineinpaßt, darf Anspruch aus seine Hilfsbereitschaft machen. Aber die Verhältnisse liegen so, daß derbei weitem überwiegende Teil der kleinen jüdischen Fremdenkolonie aus östlichen Zuwanderern besteht. Die „Amicitia" ist kein Wohlthätigkeits-Jnstitttt im gewöhnlichen Sinne, sie ist kein Armenunterstützungs-Vereiu, der die Leute mit Brot und Nachtlager versorgt, sie übt ihre Wohlthaten in weit wirksamerer Weise, sie saßt die Rot selber an der Wurzel und sucht sie dort schon zu beseitigen. Was den Leuten, meist Handwerkern, fehlt, Ist: ein 'den deutschen Handwerkern ähnliches Maß ^von Wissen und Kenntnissen.^ p.; ... Die aus einer ganz andern Kulturwelt herübergekommenen Arbeiter und Handwerker sehen und fühlen sich bald aller Forderungen an elementarer Bildung bar, die die notwendigste Voraussetzung gewerblicher und handwerklicher Bethätigung ist. Die Mängel im Verstehen und Sprechen der Landessprache, wie die meist vollständige Unkenntnis des Lesens, Schreibens und Rechnens, ja oft sogar der Zahlzeichen, bereiten den Armen unmöglich zu bewältigende Hindernisse in ihrem Fortkommen. Sie würden ohne geistiges Rüstzeug in dem Konkurrenzkämpfe gänzlich zu Boden gestreckt werden und, unfähig zum Wettbewerb, zum gewöhnlichen Proletariat herabsinken. Keine noch so reichlichen Unterstützungen könnten die Scharte wett machen. Die „Amicitia" setzt darum auch beim richtigen Hebel ein, wenn sie den Armen zunächst das Brot des Geistes reicht. Einführung in die Bildungswelt, Erschließung der inneren Sinne und die Zuführung von Wissensstoff ist die Haupttendenz des Vereins. Es ist bei dem Menschenmaterial, mit dem man es hierzu thun hat, begreiflich, daß man meist ganz von vorn anfangen muß. Das weltliche Wissen dieser Leute, die manchmal etwas Talmud kennen, ist oft von einer paradiesischen Unbefangenheit. Es ist für Lehrer und Schüler keine geringe Ausgabe, die hier gestellt wird. Das alte Pergament mit seiner steifen Härte erweist sich der schreibenden Feder oft schwer gangbar, mühsam, und mit Ausdauer kann nur die Schrift der Bildung einigermaßen leserlich gestaltet werden. Von dem Schüler erfordert der Unterricht große Anstrengung und geistige Sammlung. In den Abendstunden, nach des Tages Last und Mühe, da man dem ermüdeten Körper gern die lustige Ruhe gönnt, die uns so sanft in den nächtlicheil Schlumnier senkt, muß der geplagte Amicitia- Schüler zu neuer Arbeit bereit sein, er muß sein geistiges Feld bestellen. Aber er weiß es, der Weg zur Höhe ist beschwerlich , und kaum giebt es einen Menschen mit einem so stark ausgeprägten Bildungsstreben wie den polnischen und russischen Juden. Hier offenbart dieser oft verkannte Menschenschlag seine ungewöhnlich hohen'Vorzüge. Was Selbstbeherrschung, unbeugsame Zuversicht und unverwüstlicher Lebensmut irgend zu leisten vermögen, das leistet er unter Verzicht aus uns selbstverständlich dünkende Bedürfnisse und unter freudig ertragenen Entbehrungen. Es gehört wahrlich eine nicht geringe Selbstüberwindung dazu, sich mit 30 oder 40 Jahren aus die Schulbank zu setzen und neben weit Jüngeren die ersten Bildungskeime in sich auszunehmen. Ja, diese einzigartige Energie ilt vielleicht nur dem in eherner Lebenszucht gestählten polnischen Juden eigen. Die Genügsamkeit und Bescheidenheit seiner Ansprüche an das Dasein paart sich mit einem Grad von Strebsamkeit, der in der That kein Ziel zu hoch erscheint. Jedenfalls bringt der östliche Glaubensgenosse — hat ihn auch sonst kein Hauch westlicher Bildung angeweht -- eine geistige Schulung mit, die ihm auf jedem Gebiete zu statten kommt und ihm nicht selten die Ueberlegenheit im wissenschaftlichen Wettbewerb sichert. 30jährige Jünger, die sich mit Fleiß und Inbrunst in der Fibelweisheit beinühen, sind gerade keine Seltenheit. Die Geschichte derT„Amicitia-' weiß von noch älteren Schülern zu erzählen.^ZVor noch nicht länger .Zeit,.zierte