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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-14 · 46 (14.11.1895) · p. Seite 741

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
46 (14.11.1895)
Date
1895-11-14
Page
Seite 741 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 741. gut geschrieben und damals vielleicht einen Anstrich von Wiffenschaftlichkeit zu haben schien; ich will ferner gerne zugeben, daß seitdem die Zustände in Deutschland noch trauriger geworden sind, daß nicht nur kein deutscher Jude mehr imstande wäre, solches zu schreiben, sondern gewiß auch nicht zu lesen. Von kritischer und wissenschaftlicher Erforschung der Bibel ist keine Spur: irgend einen großen und epochemachenden Gedanken hat er nicht ausgesprochen. Er hat Teile der Bibel ins Deutsche übersetzt; andere haben ihm dabei geholfen. Soll dies den Ruhm eines Mannes begründen? Mit Verlaub! War nicht Don Jsak Abravanel in diesem Genre bedeutender? Und wem wird es auch nur einfallen, mit diesem vielseitigen Schrift' steller eine neue Epoche in der Judenheit zu beginnen? Soll wiederum die nichtjüdische schriftstellerische Thätigkeit Mendelssohns in Betracht kommen, nun da sind doch viele bedeutendere Männer, auf die die deutsche Judenheit stolz sein kann. Man kann ein mittelmäßiger Schriftsteller sein und doch eine bedeutendere Stellung in der Judenheit einnehmen; ich weise z. B. auf Manasse ben Israel hin, der selbst einem Cromvell imponiert hat und dem die Wiederöffnung Englands für die Juden zu verdanken ist. Aber hat man je den Versuch gemacht, mit Manaffe ben Israel eine neue Aera zu beginnen? Wenn Mendelssohn nun nicht die bedeutende, in der jüdischen Geschichte tonangebende Persönlichkeit war, für die er gehalten wird, so will dies nicht sagen, daß er uns deshalb weniger sympathisch wäre. Ich wollte mich überhaupt gar nicht mit seiner Person beschäftigen, sondern nur darauf Hinweisen, daß mit der Epoche, welche die „Mendelssohnische" genannt wird, in der Judenheit Deutschlands die Decadance, die Selbstentäußerung und die schmachvolle Selbsterniedrigung begonnen hat. Ist es vielleicht unbekannt, daß Mendelssohn'S Nachkommen und fast seine ganze Umgebung dem Judentum abtrünnig geworden sind? Ist es vielleicht unbekannt, daß seine ehemaligen Freunde nur mit Abscheu und Haß vom Judentum gesprochen? daß Heine froh war, daß wenigstens Friedländer und Bendavid schon zu alt seien, um auch ihrerseits das schmachvolle Beispiel des Abfalls und der Untreue zu geben? Ich mache gewiß nicht Mendelssohn für jene traurigen Ereignisse verantwortlich, ich behaupte nicht, daß es seine Schuld war, wenn David Veit, einer seiner Familienangehörigen, an die berühmte Rahel schreiben konnte, daß er in Hannover mit Ausnahme der Juden nichts schmutziges gefunden, daß er gerne in Jena studiere, weil dort keine Juden immatrikuliert seien; ich beschuldige nicht Mendelssohn dafür, daß sein Busenfreund Friedländer nur durch den feinen Takt des Propstes Teller von der Taufe abgehalten worden ist. Aber man höre doch endlich auf, jene Epoche als eine glorreiche für das Judentum zu bezeichnen. Ewiger Dank gebührt Leopold Zunz, der erdrückt von der Wucht schlimmer Erfahrungen und Enttäuschungen, das große Wort^ausgesprochen hat, für welches er verdient, in dem Herzen eines jeden Juden ewig fortzuleben, daß nämlich, wenn alles untergehen sollte, die jüdische Wissenschaft bleiben werde und diese allein d.e Zukunft Israels gewährleiste. In Armut und Sorge hat er die jüdische Wissenschaft geschaffen, große Nacheiferer erweckt und angefeuert und dem jüdischen Namen in Deutschland Ebre und Ruhm verschafft. Mit ihm beginnt die Glanzepoche der deutschen Juden; wenn wir schon Heroenkultus treiben wollen, so ist er ein würdigerer Gegenstand dafür als Mendelssohn. Und nun lese man seine schmerzvollen Briefe, jene Äußerungen voller Liebe und Zorn über das Judentum und die Zustände seiner Zeit. Ich brauchte kein Wort hinzuzufügen und hätte den Vorteil, mir nicht den Haß so vieler zu verdienen, einen Haß, auf den ich zwar stolz bin, den ich aber in meiner Bescheidenheit ablehnen nmß. Ich bin nicht bedeutend genug, um von allen Unwissenden mit ihrem Haffe beehrt zu werden. Die Legende Mendelssohn muß zerstört werden, d. h. nicht etwa nachzuweisen, daß Moses Mendelssohn's Leistungen für die Judenheit nicht einmal mittelmäßig gewesen — das versteht sich ja für jeden gebildeten Juden von selbst, — es soll und muß auch gesagt werden, daß das vorige Jahrhundert für die deutsche Judenheit eine verhängnisvolle Epoche war, deren Nachwirkungen wir noch jetzt spüren. Man macht so viel Aufhebens damit, daß die deutschen Juden damals sich mit der allgemeinen Kultur vertraut gemacht hätten; dies können nur diejenigen behaupten, die von der jüdischen Geschichte keine Ahnung haben Auch in der spanischarabischen Epoche standen die Juden auf der Höhe der damaligen Kultur; auch in Alexandrien sprachen und schrieben sie gut Griechisch. Das bedingt aber nicht, daß man deshalb auf die ganze Geschichte verzichten und aufhören müßte, Jude zu sein. Ich habe nicht gesagt, daß ich für ausgestopste Rabbis schwärme, wie mir insinuiert wurde; ich habe nur die Worte Mosers angeführt, daß in einem ausgestopften Rabbi im Zoologischen Garten uiehr Leben und Judentum zu finden sei, als in dem modernen Reformjudentum. Im übrigen gebe ich zu, daß jene Epoche nicht durch Juden hervorgerufen worden ist. Der Luftzug kam in der That damals von Außen; nicht Moses Mendelssohn hat die Juden modernisiert, sondern Voltaire, der große Preußenkönig und überhaupt die freisinnige Strömung, die damals in ganz Europa so mächtig war. Das Unglück war nur, daß es gerade in jener so verhängnisschwercn Zeit an Männern gefehlt, die, um ein seither geflügeltes Wort zu gebrauchen, hätten führen müssen, statt sich führen zu lassen. Mommsen schließt die Geschichte des Verfalls der römischen Republik mit dem Satze, daß es stets ein nationales Unglück ist, wenn in einer kritischen und bewegten Zeit, in der große Männer nötig wären, nur kleine Geister auftreten. Eine solche Zeit für die Juden war die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Das läßt sich freilich nicht mehr gut machen; aber es muß oft wiederholt werden, daß die Schwindsucht nicht ein Symptom der Gesundheit ist. Gewiß wäre es besser, wenn dies von bedeutenderen und tüchtigeren Männern ausgesprochen würde; da aber die Andern schweigen, so null ich dies gewiß nicht sehr dankbare Amt übernehmen. „Es ist freilich ein mißliebiges und undankbares Amt, der Welt gerade das zu sagen, was sie am wenigsten hören will", meint David Strauß mit Recht; nichtsdestoweniger muß aber auch dies Amt ausgeübt werden. Und wenn ich nichts weiter erreiche, als daß in einer späteren Zeit unserem Zeitalter der Vorwurf erspart bleibe: auch nicht eine Stimme hätte sich gegen diese Mißstände erhoben, wenn ich also nur dies erreiche, bin ich schon auf mein übernommenes Amt stolz genug!

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