Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 46 (14.11.1895)
- Date
- 1895-11-14
- Page
- Seite 740 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 740. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 46. gefallen. Würden die Deutschen öfter Spanier und Portugiesen sehen, waren sie ihm in der Seele zuwider, und der Italiener wäre auch nicht nach ihrem Geschmack. Doch wozu in die Ferne schweifen? Ist der Preuße überall in Deutschland beliebt? Ist nicht der „Helle" Sachse zum Teil sogar aus denselben Gründen wie der Jude in ganz Deutschland recht, recht lehr verhaßt? Was aber die Deutschen anbetrifft, so glaube ich nicht zu übertreiben, wenn ich sage, daß sie nach den Juden in der ganzen Welt die Bestgehaßten sind, was ihnen in meinen Augen durchaus keinen Abbruch thut, weil sie meistens genau wie die Juden wegen ganz guter, zum Teil sogar vorzüglicher Eigenschaften verhaßt sind. Man braucht, blos die Angriffe in russischen Zeitungen auf die Deutschen in Rußland zu lesen, und man wird dies bestätigt finken. Der Deutsche ist in Rußland der Intelligentere, Wirtschaftlichere, Nüchternere, Prosperierendere; er hat im Vergleich zum Engländer und Franzosen mehr gelernt, ist sparsamer wie diese u. s. f. Gerade der Deutsche hätte sonach alle Ursache weniger scharf über einen Volksstamm zu urteilen, auch wenn dieser, gleich anderen, diesen oder jenen Fehler hat. ‘ .eine Legende! Von Dr. S. Bernfeld. Vor etwa zehn Jahren wurde in Deutschland der hundertjährige Gedenktag Moses Mendelssohns mit vielen Feierlichkeiten begangen; in der Reuen Synagoge zu Berlin hat sogar der seither für das Judentum und die jüdische Wissenschaft leider so früh verstorbene Dr. Frankl bei dieser Gelegenheit eine geistvolle Rede gehalten. Einige Monate darauf ist der große Leopold Zunz gestorben und von derselben Synagoge aus nach dem alten jüdischen Friedhof zu Grabe getragen worden. Der Kontrast war ein möglichst starker; denn während die Mendelssohnseier das Interesse der Judenheit in Deutschland so sehr in Anspruch genommen hat, wurde Leopold Zunz in aller Stille zu Grabe getragen. Eine kleine Gemeinde von Verehrern geleitete die sterblichen Reste des größten Mannes, den die deutsche Judeuheit je hatte, zu Grabe. Seither ist auch der hundertjährige Geburtstag Zunzens übers Land gegangen; eine passende Gelegenheit für Ovationen und sich an Phrasen zu berauschen. Aber, mit Ausnahme einiger Zeitungsartikel, ist dieser Tag für die deutsche Judenheit ohne Sang und Klang vorüber gegangen. Und was beweist dies? Vor allem doch, daß in der deutschen Judenheit das historische Bewußtsein nicht mehr vorhanden ist, daß uns das Gefühl für das wahrhaft Große *) Obiges war bereits geschrieben und gesetzt, als mir die Ausführungen des Herrn Tr. Rülf-Memel zu Gesicht kamen. Ich bedauere, daß dies nicht früher der Fall gewe'en, wodurch ich der Mühe, aus die Aeußernngeu des Herrn B. Traubenberg zu erwidern, enthoben wäre. Jedenfalls ist die Zustimmung eines Gelehrten vom Range eines Dr. Rülf für mich nur schmeichelhaft, fast geeignet, mich eitel zu machen. Unter solchen Umständen halte ich es unter meiner Würde, auf neulich erfolgte Anzapfungen zu erwidern, die ein Skribent in einem andern Blatt gegen mich verübt hat- Die reichen Glaubensgenossen in Berlin W., falls sie sich jene gloriosen Sätze in's Deutsche übertragen lassen, werden jedoch nicht verabsäumen, dem guten Mann für seinen Mten Willen ein gutes Trinkgeld zu verabreichen- Und das alles in der Stadt Mendelssohn's! Nächstens werde ich selbst anfangen, gegen mich zu polemisieren, um den Beweis zu liefern, daß man liberalen Anschauungen auf religiösem Gebiete huldigen kann, ohne ein langweiliger Gesell zu sein. abhanden gekonnnen und daß wir an Phrasen, an Anekdoten, an inhaltlosem Gerede unsere Befriedigung finden. Wir datieren den Anfang unserer Herrlichkeit von Moses Mendelssohn, das heißt von jener Zeit her, in welcher sich der jüdische Stamni seiner Vergangenheit und seines inneren Wertes entledigt hatte, uni sich an äußerm Flitter schladlos zu halten. Eigentlich kann mir die deutsche Judenheit ganz gleichgiltig sein; denn wenn ich sonst die nationalen Impulse sehr . hoch schätze — im Judentum als Religionsgenossenschaft finde ich eine internationale Institution. Es ist gewiß ein sehr kleinlicher Standpunkt, wenn man das Judentum naturalisieren will. Im bürgerlichen Leben kann der deutsche Jude nur ein Deutscher und nichts weiter als Deutscher sein; in der Religion hingegen soll stets ein internationaler Zug liegen, und ebensowenig sich der Deutsche damit schämen darf, daß er Katholik oder Protestant sei, weil es Katholiken oder Protestanten außerhalb Deutschlands giebt, ebenso wenig dürfen wir Juden diese servile Gesinnung zeigen, dem Judentum als Religionsgenossenschaft die internationale Bedeutung zu nehmen. Wir müßten jedenfalls mehr Selbstachtung besitzen und nicht ängstlich alles thun oder vermeiden, was bei Hinz und Kunz Anstoß erregt. Ich weiß, daß das Judentum seine Zukunft auch außerhalb Deutschlands haben kann, ich weiß ferner, daß, wenn uns die Gegenwart nicht behagt, wir uns auf die Vergangenheit zurückziehen können, wo wir Trost und Erhebung finden. Wenigstens thue ich es stets. Aber da die deutsche Judenheit vor hundert Jahren die Führung des ganzen jüdischen Geisteslebens übernommen hat und da ferner dieseZFührung eine Irreführung war, so fühlte ich mich in meinem Gewissen verpflichtet, ein Jkonoklast zu werden, wie Taine gelegentlich sagt. Ich lasse mich von großen Schlagworten nicht beeinflussen. Wenn eine Kulturepoche nach hundert Jahren mit einem solchen klaffenden Defizit endet, wie die sogenannte Mendelssohn'sche, so muß man die Ursache dieses^ Defizits in der Natur dieser Erscheinung selbst suchen. Meine Ausführungen über die Legende Mendelssohn sind mißverstanden worden. Man nahm an, ich hätte Moses Mendelssohn beschuldigt, er sei der Verderber der Judenheit gewesen; ich habe mich vergebens gegen eine solche falsche Auffassung verwahrt. Moses Mendelssohn war eine sympathische Erscheinung und ein guter Schriftsteller, dem der Ruhm gebührt, die deutsche Philosophie seiner Zeit, die eigentlich damals schon ihrem Ende nahe war, populär gemacht und zu einer Zeit, in der Goethe noch ein Knabe war und Schiller noch in den Windeln lag, ein schönes Deutsch geschrieben zu haben. Dieses Verdienst darf nicht gering angeschlagen werden. Darüber hinaus, namentlich wo es sich um seine Thätigkeit innerhalb des jüdischen Stammes handelt, ist Moses Mendelssohn sehr überschätzt worden. Seine Kenntnisse des Judentums und des jüdischen Schrifttums waren sehr bescheidener Natur; für die jüdische Geschichte, wie für die historische Entwickelung der Menschheit überhaupt, hat er gar kein Verständnis besessen, was er offen einzugestehen ehrlich genug war. Wir können doch seine Schriften alle durchgehen und ohne Vorurteile prüfen, wo seine Größe zu finden sei. Von den nichtjüdischen Schriften braucht hier nicht die Rede zu sein; die jüdischen hingegen sind so mittelmäßig, daß in ihnen nicht Epochemachendes zu finden ist. Ich will gerne zugeben, daß seine hebräische Einleitung zu der Pentateuch-Uebersetzung leidlich ^36275