Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-14 · 46 (14.11.1895) · p. Seite 739

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
46 (14.11.1895)
Date
1895-11-14
Page
Seite 739 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9609057--0896-9609060
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 46. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 739. drängen. Sie tragen dann gewissermaßen eine Maske. Ich kannte eine Jüdin, schön, sogar gut gewachsen, die ein ungewöhnliches Wissen besaß, und obwohl sie selbst nlil Geschmack sich zu kleiden verstand, für mich immer etwas Fremdes hatte. Erst als sie zufällig einmal eine recht herzige jüdische Redensart gebrauchte, wich das Fremde, z I Man darf aber billiger Weise eines nicht vergessen: Es giebt nur sehr wenige Juden, in deren Familien lange Wohlstand geherrscht hat. Die Juden sind meist Kaufleute, und lange ehe die Volkswirte erkannt, daß sich im Handel erworbene Vermögen selten über drei Generationen in einer Familie erhalten, hatte der Talmud schon gesagt: lieber kurz oder lang wird der Kaufmann bankerott. Er rät nur den dritten Teil seines Vermögens ins Geschäft zu stecken, ein Drittel flüssig zu halten und ein Drittel in Grundbesitz anzulegen. Ich führe dies hier nicht an, weil ich die Weisheit dieses Rats noch heute anerkenne, sondern um beiläufig zu zeigen, wie unberechtigt der Vorwurf ist, daß die Juden aus Arbeitsscheu meist nicht Landwirtschaft treiben. Ja, der Talmud sagt, wer nicht Grund und Boden besitzt, ist kein Mensch. Was sagen die Agrarier dazu? Selbst wenn in einer jüdischen Farnilie schon längere Zeit Wohlstand geherrscht hat, dann giebt es dort Tanten, Vettern, Basen, die in niedrigeren Sphären heimisch sind, mit denen sie aber doch bei der großen Familienanhänglichkeit der Juden einen mehr oder minder intimen Verkehr pflegt. Bei ihnen sehen die jungen Leute, von ihnen lernen sie das, was den Reichen und Vornehmen der christlichen Welt vollständig fern bleibt. Wenn die Aristokratie imb die alten christlichen Patriziersamilien aus etwas mit Genugthuung Hinweisen können, dann ist es die llngezmungenheit, Eleganz und Vornehmheit der Manieren. Diese aber vererben sich nur im Laufe der Jahrhunderte, höchstens werden sie einmal von talentierten Kammerdienern oder Hochstaplern eine Zeitlang gut kopiert. Wer selbst noch schwer in: Kampfe ums Dasein zu ringen hat, wer Eltern, Großeltern ringen gesehen hat und Verwandte noch ringen sieht, der kann nicht das nescio quid haben, das im geselligen Verkehr so sehr gefällt, und das nun fern vom profanum vulgus und procul negotiis erworben werden kann. In der That benehmen sich christliche Parvenüs genau so häßlich wie die jüdischen; jene empören mehr durch Völlerei, diese mehr durch Luxus. Bei den Juden konnut noch hinzu, daß sie erst wenige Jahrzehnte die Bürgerrechte genießen, und auch dies nicht voll und ungestört. Zu freiem Benehmen gehört aber auch unbedingt das Gefühl der Freiheit. Der wehmütige Zug um die Beine, den der geistvolle Professor W. A. Hofmaun sehr richtig bemerkte, wofür die Juden selbst „Mauscheln mit den Beinen" sagen, — welche Psychologie liegt darin; wie natürlich ist diese unnatürliche BeibehaÜung! Laßt den Juden ein, zwei Jahrhunderte Recht und Fmheit, und ihre Gentlemen werden selbst äußerlich denen anderer Volksftämnle in nichts nachgeben. In Fühlen und Denken thun sie es schon jetzt nicht, und schon lange nicht, und ich kann versichern, daß ich selbst unter den: Chalat der polnischen Juden gentlemanartiges Denken gesunden habe, obwohl sie keine Ahnung hatten, daß Fische mit bem Messer zu essen gesellschaftliche Todsünde ist. Und wenn selbst ein feiner Psychologe auch nach hundert Jahren in dem jüdischen Gentleman ein Etwas finden wird, das ihn doch vom christlich-germanischen unterscheidet, so wird das kein Malheur sein. Es unterscheidet sich auch der englische vom französischen GentlMan, und nach meiner Ansicht giebt es deutsche Gentlemen im englischen Sinne überhaupt nicht und kann es aus unzähligen Gründen nicht geben. Den: jüdischen Gentleman aber werden der etwa noch übrig gebliebene Pyramidenstaub und die Patina der Jahrtausende durchaus nicht schaden, sie werden ihm nur etwas Pikantes geben. —- Sehr lästig wird empfunden, daß in den besseren Theatern, Lokalen k. so viele Juden zu finden sind. Rach meiner Ansicht gereicht es den Juden durchaus nicht zur Unehre, daß sie, statt in Destillationen, bei Budikern, am Stammtisch fortwährend Geld und Zeit zu verschwenden, gern ein gutes Theaterstück sehen, eine Oper, ein Konzert hören und gerade die besseren Lokale aufsuchen. Was die Zahl anbetrifft, so trägt die jüdische Physiognomie dazu bei, daß n:an die Zahl leicht überschätzt. Wenn die „Maikäfer", die Schützen, die Radfahrer nach Berlin kommen, sieht man sie überall, obschon ihre Zahl im Vergleich zur Bevölkerung Berlins eine geringe ist, weil sie eben durch ihre Uniform oder Abzeichen in die Augen fallen. Wenn zehn Japaner oder Chinesen ein Lokal frequentierten, würde es alsbald heißen: Da sieht mar: eine Menge Japaner, Chinesen. In dem und den: Lokal verkehren „furchtbar viel" Offiziere, heißt es, auch wenn die Zahl der Offiziere in: Verhältnis zu der in demselben Lokal verkehrenden Bürgerlichen eine verschwindend geringe ist. Genau so verhält es sich mit den Juden. Weil n:an es ihnen in der Regel sofort ausieht, daß sie Juden sind, darum sind gleich „lauter Juden" da. Zudem sind ungern Gesehene leicht zu viel. Wenn die Juden nur nicht auch durch Geschmacklosigkeit der Toilette, durch lautes Sprechen, oft noch andere Rücksichtslosigkeiten, die erklärlich, aber darum nicht nünder unangenehn: sind, auffielen. Das sind im Grunde Kleinigkeiten, aber die kleinen Uebel gerade sind es meist, die so viel Unbehagen verursachen, und dieses Unbehagen ist zun: nicht geringsten Teil Ursache der Abneigung, die selbst Vernünftigere, ja Juden selbst gegen Juden hegen. „Aber," werden die Antisemiten sagen, „diese Unarten in Lokalen, Theatern erklären doch nicht die Abneigung, den Haß gegen die Juden zu Zeiten, da diese noch nicht Theater und Lokale mit Christen besuchten!" Ich habe auch nicht behauptet, daß dies den Haß ganz allein erklärt, sondern nur, daß dies einige der vergleichsweise vernünftigeren Gründe sind. In: übrigen giebt es auch einen grundlosen Haß, und die Juden sind christlich genug, am Versöhnungstage Gott um Verzeihung zu bitten für die Sünde „grundlosen Hasses", die sie sich etwa haben zu schulden kommen lassen. Es ist nicht zu leugnen, daß die Juden, n:ag die bekannte Stelle im Tacitus gedeutet werden, wie sie wolle, seit sehr langer Zeit bei allen Völkern rnehr oder minder verhaßt waren. Aber „viel Feind, viel Ehr'", ist ja wohl ein deutsches Sprichwort, und „die schlechtesten Früchte sind es nicht, an denen Wespen nagen", sagt ja wohl ein deutscher Dichter. Der Germane soll doch einmal Umschau halten und sich fragen, ob er nicht an allen Völkern etwas auszusetzen hat, und ob nicht alle Völker an ihn: sehr viel auszusetzen haben. Der Pole, der Russe, der Tscheche und andere Slaven sind uns aus vielen Gründen, gelinde gesagt, sehr unsympathisch. Der Ungar ist den Deutschen auch nicht ganz nach den: Sinn, und daß der Deutsche den Franzmann nicht mag, und zwar nich^t blos aus politischen Gründen, ist bekannt. Der Brite ist "dem Deutschen trotz der Stammesverwandtschaft die egoistische, rücksichtslose Krämerseele, und der smarte Yankee mit seinem allmächtigen Dollar will ihm schon gar nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.