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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-14 · 46 (14.11.1895) · p. Seite 738

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
46 (14.11.1895)
Date
1895-11-14
Page
Seite 738 (sequence 2)
Language
German
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Seite 738. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. Verlust der staatsbürgerlichen Rechte, womit der Fremde uns beschenkt, einzutauschen hoffen durften, die Vaterlandsliebe fehle, in der Mehrzahl der Synagogen die Formeln abzuschaffen, die der Wiedererbauung Zions bittend gedenken und von Israel als von dem auserwählten Volke sprechen. Auf diese Weise hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin zu erkennen gegeben, daß unser Herrgott auf seine Zustimmung nicht rechnen darf, wenn es ihm gefallen sollte, die Feste Zion neu zu errichten — auf diese Weise hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin die historische Thatsache aus der Welt geschafft, daß Israel die Mission erhalten, den Glauben an den alleinigen Gott zu verbreiten — aus diese Weise hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin durch Verbeugungen den Antisemitismus bekämpft! Wo aber hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin zu einem männlichen Wort gegen den Antisemitismus den Mut, zu einer männlichen Thal gegen den Antisemitisnms die Kraft gesunden? Niemals und nirgend, in zwanzig Jahren nicht! Die Mauern unseres Hauses brannten, und unseres Hauses Hüter wollten nicht löschen, weil sie das Wasser scheuten, uub ihr Mangel an Herz versteckte sich hinter dem Vorwände, daß es ihnen an einem Mandat fehle. Sie regten keine Hand, um zu bessern, weil sie fürchteten, es könnte noch schlimmer werden. Und es wurde schlimmer und schlimmer, auch da jene nichts thaten. Wohl möglich, daß das Wort unserer Vertreter vergeblich verhallt wäre — sicher aber, daß ihr Schweigen unser Ansehen und unsere Würde nicht erhöht hat. Wir Juden stehen in einem Kampfe, der voller Bitternisse ist. Wir haben ihn nicht gesucht, er ist uns aufgezwungen worden; doch da dies einmal geschehen, wollen wir ihn durchführen, zur Ehre Gottes, zur Ehre unseres heiligen Glaubens, in unerschütterlichem Vertrauen auf Gottes Hilfe und in aufrechtem Stolz auf unsere gute Sache. In diesem Kampfe dürfen nicht ferner unsere Führer sein, die Schild und Schwert beiseite gelegt, um in Unbeweglichkeit zu hoffen, es möchte sie der Todesstreich verschonen. Wir dürfen zu unseren Vertretern nur Männer wählen, die der Vorfahren in freudiger Pietät gedenken und gleiche Pietät von den Enkeln verdienen wollen. Das ist unser Programm — das ist unser Liberalismus. Antiskinitische vormiffc. Bon einem germanisierten Talmudjuden. III. Es ist aber nicht außer Acht zu lassen, daß wohlhabende Juden weit eher größere Ausgaben machen können, als gleich wohlhabende Christen. Caeteris paribus hat der reiche Christ einen Sohn, Schwiegersohn oder gar mehrere, denen er jahrelang Zuschuß geben muß, weil sie mit ihrem Offiziers-, Beamtengehalt rc. nicht standesgemäß leben können. Der reiche Jude hat dergleichen Zuschüsse fast nie zu zahlen. Seine Söhne, Schwiegersöhne erwerben meist selbst, im schlimmsten Falle ist einer Privatgelehrter mit geringem oder keinem Einkommen, aber solche Leute brauchen in der Regel nicht viel. Die Staatsmeisheit, welche den Juden unrentable Ehrenämter vorenthält, setzt sonach die Juden in den Stand, sich mehr bene zu thun, mit oder ohne Absicht den Protzen zu spielen. Das ist auch ein Grund mit, daß die Juden für Wohnungen mehr Geld ausgeben können. Ein Grund freilich nur unter vielen anderen. Die übrige nüchterne Lebenshaltung ist ein allgemeinerer, und Geschäftsrücksichten sind ein besonders stark mitsprechender Grund. Man spricht in Berlin so oft davon, daß so viele Juden im Tiergartenviertel wohnen. Ob wirklich eine relativ zu große Zahl dort wohnt, weiß ich nicht. Aber wunderbar wäre es nicht. Ter jüdische Kaufmann, Bankier kann ja kamn durch etwas anderes als durch feine Wohnung gerade zeigen, daß er zu den „höheren" Schichten seines Standes gehört, und natürlich wählt er eine solche Wohnung, auch wenn ihm. das Geldopfer vielleicht nicht ganz leicht fällt. Er thut dies weniger um zu prunken, als aus Geschäftsrücksichten. Die Wohnung in der Tiergartenstraße ist oft weiter nichts als eine Reklame für das Mäntelgeschäft am Hausvoigteiplatz, und die Wohnung in der Bellevuestraße nur die ungern in Kauf genommene Folge des Geschäfts in der Leipzigerstraße. Vor vielen Jahren, als die antisemitische Bewegung bereits im Gange war, besuchte ich einmal einen Herrn, der in der Aristokratie wie auch in der katholischen Kirche eine hervorragende Stellung einnimmt. Das Gespräch kam auch auf die Judenfrage und der Herr äußerte u. a.: Nun, Sie müssen doch zugeben, daß die Juden sich überall vordrängen. Wo wohnen sie? Im Tiergarten, Unter den Linden u. s. w. Ich bemerkte, daß man doch aus den verschiedensten Gründen Unter den Linden wohnen könne. Der boshafte Zufall fügte es, daß, als ich etwa eine Woche später wieder bei ihm war, er mich beim Abschied bat, wenn ich ihn wieder besuchte, nach Nro. X. Unter den Linden zu kommen. Ein Todesfall in befreundeter Familie, fügte er wie entschuldigend hinzu, zwinge ihn, seine Wohnung dorthin zu verlegen. Ich lächelte unmerklich, der Herr aber, der als Aristokrat wie als katholischer Priester an Selbstbeherrschung sicher gewöhnt war, errötete fast bis zur Tonsur. — Unangenehm bemerkbar und für empfindliche Augen lästig macht sich der übertriebene Toilettenluxus der Jüdinnen, der noch verschlimmert wird durch große Geschmacklosigkeit. Mit bei Frauen seltener Selbstverleugnung erkennen die Jüdinnen an, daß die Christinnen mehr Geschmack haben. Von der Ungeheuerlichkeit des eigenen Ungeschmackes scheinen sie aber noch keine rechte Vorstellung zu haben, denn sonst würden sie wenigstens mit fremder Hilfe mehr thun, um nicht durch Disharmonie der Farben, Wahl von Stoffen, Faeons u. s. w., die weder zur Figur noch zum Teint bezw. zu der jeweiligen Gelegenheit passen, so sehr schwer gegen den guten Geschmack zu sündigen. Gerade die Kostbarkeit der Kostüme, Hüte u. s. w. macht die Geschmacklosigkeit um so verletzender. Dazu kommt, daß sie in Gesellschaft mit ihren etwaigen Kenntnissen und Vorzügen auch noch zu prunken lieben, während die christlichen Mitschwestern von ihren oft weit größeren Kenntnissen und Fertigkeiten gar kein Aufhebens machen. Die Töchter Judas sind vorzügliche Gattinnen; der materiell wie geistig strebende Mann kann sich keine bessere wünschen. Nur die nichts thuenden Kommerzienrätinnen und Bankiersfrauen rc. haben den guten Ruf der jüdischen Gattinnen in Mißkredit gebracht. Sie sind die besten, fast zu gute Mütter. Ihre Kindesliebe wird nur übertroffen von derjenigen der Brüder, die oft auf den eigenen Herd verzichten, um die verwitwete Mutter nichts entbehren zu lassen, und ihr die Sorge für etwa noch unverheiratete Töchter abzunehmen. Mit sehr seltenen Ausnahmen aber eignen sie sich nicht zu Salondamen, die zu spielen sie sich doch so oft

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