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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-14 · 46 (14.11.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
46 (14.11.1895)
Date
1895-11-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ao. 46. Jahrgang IV. ff Q£Hf £ J ft £ SJctfht, 14. Wovemöer 1895. UL Herausgeber A. Levin, ZSertin. Bezugspreis: viertetjährk. 2 Mk. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis für das Anstand: Wk. 2,50. Zu beziehen durch die Post, ^^E^^ch^^k^^ttioueirEMld^den^uchhailde^^^^E^ Jnljalt: Die Abwehr des Antisemitismus. Von M. Ar Klausner. Antisemitische Vorwiirfe III. Mendelssohn — eine Legende! Von Dr. S. Bernfcld. Zum Silberjubiläum der „Amicitia". Von B. Brachenberg. Noch ein Brief an die „Deborah". Von Dr. S. Freund. Die Inden in Rumänien. — Jüd. Ackerbauer in Amerika. Aus Alt-Berlin. Zahn um Zahn. — Der Räuber. Wochen-Chronik. Briefu. Fragekasten. Kalender. — Anzeigen. Die Abmkhr dr» Antiskimtisums. Von Bi- A- Klausner. Seit zwanzig Jahren ist unsere Glaubensgenossenschaft in Deutschland Zielpunkt gehässigster Angriffe. Unerhörte Verleumdungen hat man gegen unsere Religion und ihre Lehren gehäuft, uns alle wegen unserer Abstammung geschmäht und beschimpft, unsere staatsbürgerlichen Rechte, die nur Menschenrechte sind, bedroht. Verderbte waren es, die unser Verderben verlangten, Ausgestoßene aus jeder sittlichen Gemeinschaft, die unsere Ausstoßung heischten, Meineidige, die uns der Untreue ziehen, Betrüger, die uns der Unredlichkeit bezichtigten, verlorene Söhne des Vaterlandes, die uns der Vaterlandslosigkeit beschuldigten. Mutlos nannte man die Söhne der Makkabäer, und wo eine Rotte sich vereinigte, einen alten Hausierer zu mißhandeln, schalt sie diesen einen Feigling, weil er in der Flucht vor der Menge Rettung suchen mußte. Und nicht ohne Erfolg ist die antisemitische Bewegung geblieben. Was deren Führer und Förderer in dem großen Petitionssturm gefordert — Ausschließung der Juden von allen autoritativen Aemtern — das ist thatsächliche Nebuna geworden. In der Rot, die uns bedrängte, hat es unserem leidgewohnten Geschlecht nicht völlig an Trost gefehlt. Die Edelsten der Ration thaten sich zusammen zur Abwehr des Unrechts, das uns widerfuhr, und unseres Kaisers Vater, dessen Gedenken in unseren dankerfüllten Herzen nicht verlöschen wird, brandmarkte als die Schmach des Jahrhunderts die gegen uns gerichtete Verfolgung. Das war erhebend für uns, nicht blos nur unsretwillen, mehr noch als ein Beweis dafür, daß Gerechtigkeit lebendig Redaktion und Verlag: Hr Kamönrgerstr. 2t. Anzeigen, die Zeile 25 Rst, nehmen alle Annoncen-Lxpeditionen sowie unser Bureau entgegen. wird und wirkt auch dort, wo man unter der Ungerechtigkeit nicht unmittelbar leidet. Ehre den Männern, die für uns eingetreten sind, Ehre und unauslöschlicher Dank! Wo aber waren unsere berufenen Vertreter? Was haben sie für uns gethan? Wie haben sie ihre Aufgabe erfüllt, Wächter der deutschen Judenschast zu sein? In allen den schweren Jahren, die jedem unter uns unausgesetzte Kränkungen brachten, haben sie geschwiegen und „sich nicht zu erkennen gegeben", obwohl man mit Fingern auf sie wies! Nicht das geschriebene, doch das thatsächliche Recht hat man uns Stück um Stück entzogen, die Lästerung unserer Religionslehren und Religionsbücher, die Beleidigung unserer ganzen Gemeinschaft hat man straflos gemacht — von Rechts wegen — so daß jeder Bube uus beschimpfen darf; doch von unserer Vertretung kam kein Hauch eines Protestes oder einer Verwahrung, nur in ängstlicher Heimlichkeit und Stille versuchte man sich mit Eingaben ohne Kraft und Mark, und ihre Ergebnislosigkeit wurde wie eine Schickung ohne Widerspruch hingenommen. Was kleine und kleinste Gemeinden — in Tanten, in Neustettin und anderwärts — gekonnt, das ging über die Kräfte der großen jüdischen Gemeinde Berlin, weil hier der Gemeinsinn fehlte, weil das Gefühl der.Solidarität für unseren Glauben und sein Bekennen hier erloschen war. Doch nein, nicht völlig passiv blieb unsere Gemeindeverwaltung: sie beschloß gegenüber der frechen antisemitischen Verleumdung, daß unsere heilige Religion die Unverbindlichkeit von Schwüren und Gelöbnissen ausdrücklich empfehle, das Kolnidre in der Mehrzahl der Synagogen abzuschaffen. In diesem Entschluß verriet sich nicht blos eine bemitleidenswerte Stumpfheit gegenüber jener ehrwürdigen Formel, die das zarteste Gewissen in Rücksicht jedes vermeintlichen Gelübdes und zugleich ein juristisch scharfes Unterscheidungsvermögen als ein Gemeingut Israels bekundet, darum die Welt uns beneiden dürfte, sondern mehr noch die zage Scheu vor dem schnöden Angreifer — als ob man durch Zugeständnisse dessen Angriffe mildern könnte. Pietätlosigkeit und Ignoranz, beide gleich schmachvoll, ließen im Tempel Israels den Antisemitismus triumphieren! Nein, nicht völlig passiv blieb unsere Gemeindeverwaltung: sie beschloß gegenüber der frechen antisemitischen Verleunidung, daß uns, die wir für das deutsche Vaterland zu einer Zeit unser Blut hingegeben, als wir gegen dieses Opfer nur den

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