Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- Seite 730 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 730. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 45. ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ Central-Vereirr für die Interessen der ♦ jüdischen Gemeinde zu Berlin. Montag, den 11. November 1895, Abends 8'/a Jlljr 4 Brunnenstraße 15. 4 Tages-Ordnung: a 1. Unsere Stellung zu den Repräsentanten-Wahlen. a 2. Diskussion über die bevorstehenden Repräsentanten-Wahlen. ▼ Repräsentanten werden anwesend sein. 4 Mitglieder der jüdischen Gemeinde werden eingeladen. ▼ Der Vorstand. ▲ ▲ T ♦ ♦ ♦ * Central-Verein für die Interessen der jüdischen Gemeinde zu Berlin. a Donnerstag, den 14. November 1895, Abends 8l/a Nhr ▼ im „Englischen Garten" Alexanderstr. 27 c. a (Großer Saal). J Tages-Qrdnung: X 1. Wen sollen wir wählen? ▼ 2. Diskussion über die bevorstehenden Repräsentanten-Wahlen. 4 Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind eingeladen. * Repräsentanten werden anwesend sein. ▼ Der Vorstand. Wochen-(Lhronik. Berlin, den 6. November. — Auch Einer. Unter diesem Stichwort teilten wir in der vorigen Nummer den Wortlaut einer an den Herausgeber dieses Blattes als „an den Juden Herrn A. L." gerichteteten Postkarte mit, deren Absender Herr Professor Dr. H. Oppenheim, Berlin, Blumeshof 1 war und in der dieser Herr erklärte, er habe nicht die Ehre, sich zu unfern Glaubensgenossen zu bekennen. Ein Irrtum, den wir aufrichtig bedauern, veranlaßte uns zu der Annahme, daß Herr Professor Dr. H. Oppenheim der bekannte. Nervenarzt sei, der aber In den Zelten 20 wohnt. Bon befreundeter Seite wird uns versichert und von allen Seiten bestätigt, daß Herr Professor Dr. Hermann Oppenheim, der Nervenarzt, nach Erziehung und Gewöhnung weit von denen entfernt ist, die Abstammung und Glauben verleugnen, daß er vielmehr zu beiden sich froh und fest bekennt. Der Blumeshof 1 wohnhafte Professor Dr. H. Oppenheim ist, wie er uns mitteilt, nicht Nervenarzt, sondern Astronom und zahlt nicht Gemeinde-, sondern Kirchensteuern. Das hindert nicht, daß er in den Steuerlisten der jüdischen Gemeinde noch immer geführt wird, die also für ehemalige Kontribuenten größere Pietät zu haben scheint, als der Astronomie-Professor Oppenheim für den Glauben seiner Väter. Im Interesse dieses ehemaligen Stammesgenossen aber freut es uns, zu wissen, daß er die Adresse seines Kollegen von der andern Fakultät kennt. — Um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, als wollten wir eine veritable Meschumodim - Hetze in diesem Blatte inszenieren, lassen wir die letzte briefliche Aeußerung des Astronomie-Professors Dr. Oppenheim unverändert folgen, damit ein Streit, den nicht wir provoziert noch verschuldet, versöhnlich ausklinge. Herr Prof. O. schreibt: Sehr geehrter Herr! Unsere Briefe haben sich gekreuzt. Ich wiederhole Ihnen an Eidcsstatt, daß ich, seit dem Jahre 1877 in Berlin wohnhaft, sofort Kirchensteuer bezahlt habe, me Ihre Religions-Steuer, auch sind mir nie Sachen in Bezug aus die jüdischen Gemeinde-Wahlen zc. zugegaugen, bis seit etwa Jahr, wo ich mehrere Zuschriften, Thcaterbillets zc. für Ihre Religionszwecke empfing, die ich nicht annahm, Zeitungen k-, die ich zurücksandtc. Ich bin durchaus nicht Antisemit (sehr schön! Red.) glaubte aber in den mir in letzter Zeit zugehenden Zuschriften eine Absicht zu entdecken, mich ob meines N a me ns zur jüdischen „Partei' herüberzuziehen, daher habe ich energisch, zufällig Ihnen gegenüber zuerst darauf reagiert. Aus der höflichen Sprache Ihres heutigen Schreibens sehe ich, daß wir beide im Unrecht waren, da Sie berechtigt waren, da ich, wie Sie sagen in den Listen der jüdischen Gemeinde geführt werde, mir Ihre an und für sich ja interessante Zeitschrift zuzusenden. Meine Bitte an Sie gebt jetzt dahsil, mir in einliegendem Kouvert den Namen des Vorstehers der jüd- Gemeinde zu nennen, den ich, gestützt auf Ihr heutiges Schreiben, daß ich in den Listen der Gemeinde stehe auffordere, mich daraus zu streichen, da ich schon von evangelischen Eltern bin. Oder wollen Sie Ihrem Herrn Gemeinde-Vorsteher schreiben resp. die Sache in die Hand nehmen? Hochachtungsvoll Prof. H. O p p e n h e i m. — Wählerversammlungen. Der Zentral-Verein für die Interessen der jüdischen Gemeinde hielt am Donnerstag-Abend in dem Festsaale von Dresel (Neue Friedrichstr.) eine große Wählerversammlung ab. Der stattliche Saal war fast bis auf den letzten Platz besetzt; die Zahl der Besucher mochte 350—400 betragen. Die Stimmung war eine ungemein günstige, so daß selbst die Skeptiker, die vermeinten, der Erfolg des Wahlkampfes werde an der Indolenz der Wähler scheitern, angesichts des warmen Interesses, das den Verhandlungen des Abends entgegengebracht wurde, zuversichtlich den kommenden Dingen entgegensehen. Geleitet wurde die Versammlung von dem Vorsitzenden des Zentral- Vorstandes, Herrn Bankier Jul. Oppenheim, und als Hauptredner des Abends trat Herr Conrad Sch aper auf. Er sprach über das Thema: Was will der „liberale" Verein? tind zerpflückte mit einer für die anwesenden Gegner unheimlichen Logik die beiden Programmentwürfe des liberalen Wahlvereins, den einen Entwurf, der im Frühjahr, und den andern, der vor kurzem erstand, als unsre „Liberalen" aus dem Programm des Zentralvereins erfuhren, was s i e wollen. Wir haben beim Niederschreiben dieses Berichtes keine Notizen vor uns liegen und geben frei nach dem Gedächtnis nur eine Stelle aus dem trefflichen Vortrage wieder, die uns ganz besonders wichtig erscheint. Herr Schaper sprach u. a.gegen die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag und behandelte diese Frage weniger unter dem Gesichtswinkel der Religion als vom Standpunkte der Opportunität. Die Sabbatleugnung ist inopportun, weil sie der Sache der Religion im allgemeinen und des Judentums im besondern nichts nützt. Wer das Verlangen nach religiöser Erhebung und Belehrung empfindet, wer der Befriedigung dieses Verlangens Zeit zu opfern bereit ist, der besucht das Gotteshaus am Sabbat, nicht aber am Sonntag. Die breite Schicht der Bedürfnislosen lockt auch der Sonntagsgottesdienst nicht in des Tempels Hallen. Auf diese Starkgeistigen findet das Wort Doktor Einhorns — den unsere „Liberalen" kennen sollten, denn er war einer der radikalsten Reformer alter Schule, freilich ein Reformer, der wußte, was er wollte, und verstand, was er that — Anwendung: „Den Sabbat ver handeln sie und den Sonntag verspielen sie!" Ferner: Die Verlegung des Sabbats wäre ein Verbrechen; sie würde das älteste und festeste Band zerschneiden, das die Gesamtjudenheit eint.