Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-08 · 45 (8.11.1895) · p. Seite 731

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
Seite 731 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9609040--0887-9609051
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

9h:. 45. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 731. Vielleicht ist dieser Erkenntnis allein der Umstand zuzuschreiben, daß die hiesige Reformgemeinde in Europa völlig isoliert dasteht, und daß sie selbst in Amerika, wo das Judentum ist wie das Land: neu und frei, in nur einigen wenigen Fällen Nachahmung gefunden. Bleibt das deutsch-nationale Moment. „Sonntag ist der Ruhetag unserer Mitbürger von der anderen Konfession; wir dürfen uns von ihnen nicht absondern." Dieses Argument ist hinfällig. Unsere Mitbürger feiern den Sonntag nicht als Deutsche, sie feiern ihn als Christen; sie feiern diesen Tag, ob sie in einem europäischen Staate leben unter dem Zeichen des Kreuzes, oder in einem asiatischen unter dem Symbol des Halbmondes. Die Teilnahme der Nichtchristen an diesem religiösen Feiertage wird weder erwartet noch gefordert. Oder hat jemand von den in der Türkei lebender Christen verlangt, sie sollten ihre Sonntagsseier auf Freitag verlegen? Ein Hohngelächter würde eine solche Forderung begleiten. Uns Juden aber dürfen solche schmachvolle Vorschläge gemacht werden, und jene, die sie aussprechen, und die andern, die ihre Durchführung fördern, werden nicht verspottet, sie erlangen vielmehr hierdurch die Qualifikation für verantwortungsvolle Ehrenämter innerhalb der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Mit stürmischem Beifall wurde der Vortrag des Herrn Schayer ausgenommen und angeregt trat man in die Diskussion ein. Der Vorsitzende lud wiederholt die Gegner des Zentralvereins zum Reden ein, und da sich niemand zu erkennen gab, nahm Herr Rechtsanwalt Dr. Heinrich Meyer Cohn das Wort, um in ausführlicher, geistreicher Rede sich gegen den liberalen Wahlverein und für die Bestrebungen des Zentralvereins auszusprechen: Es sei in Deutschland Sitte, den Liberalismus mit bestimmten religiösen Auffassungen zu identifizieren. Die christliche Orthodoxie habe den Gensdarmen zu ihrer Verfügung gehabt und gegen abweichende Meinung auch zu Hilfe gerufen, daher gelte ein Liberaler als ein Gegner der Orthodoxen. Was aber von der Majorität gelte, sei für unsre Minorität nicht wahr. Liberal sein, heiße nicht einen bestimmten religiösen Standpunkt einnehmen (sei man in der Johannisstraße liberaler als in der Oranienburgerstraße?) sondern jeden nach seiner Fa?on selig werden lassen. Unsre „Liberalen" hätten in ihrem Aufruf gezeigt, daß sie diesen liberalen Standpunkt nicht einnehmen. — Es sei gelegentlich von gegnerischer Seite behauptet worden, daß Zeiten religiöser Verhetzung wie die jetzigen leicht eine religiöse Reaktion herbeiführten. Das Gegenteil ist der Fall. Schon Gabriel Rieß er habe gewarnt, sich durch den Druck von außen zu Reformen bestimmen zu lassen, die immer nur aus dem Gefühl innerer Notwendigkeit hervorgehen dürften. Es sei menschlich und begreiflich, daß diejenigen unserer Glaubensgenossen, die durch ihre soziale Stellung viel mit Andersgläubigen zufammenkommen, die Ritualvorschriften abzuschaffen streben, auch leicht verständlich, daß sie nicht zwischen zwei Stühlen zu sitzen wünschen und deshalb ihre ärmeren Glaubensgenossen zu ihren Gewohnheiten zu bekehren suchen. Allein wie die „Times" bei einer derartigen Diskussion richtig bemerkte, müffen Volk und Staat diesen Wünschen der wohlhabenden Juden gleichgiltig gegenüberstehen. Auf die gottesdienstliche Frage übergehend, sprach sich Herr Dr. Cohn gegen den Sonnlagsgottesdienst aus. Für ihn sei diese Frage eine Bedürsnisfrage; das Bedürfnis nach einem Gottesdienste, wie er im Tempel St. Johanni — so wurde früher scherzweise das in Johannisstraße belegene Bethäus genannt - ist nicht nachgewiesen: Bei uns seien eine ganze Anzahl kleiner Privatgemeinden enstanden, die alle auf dem konservativeren Boden ständen. Warum habe sich nicht außer der Johannisstraße ein ähnlicher Religionsverein mit Reformgottesdienst gebildet? Gerade in Reformkreisen seien größere Geldmittel vorhanden als bei den Mitgliedern der Privatgemeinden, die für ihre Verhältnisse pekuniär mehr erhebliche Opfer brächten. Wer aber Reformer sein wolle müsse seine Berechtigung hierzu durch verdoppelten Eifer kundthun. — Zu der Frage des Religionsunterrichts, die auch Herr Schayer ausführlich behandelt, bemerkte Herr Dr. Cohn treffend: Der Aufruf des liberalen Wahlvereins bezeichnet die Sorge für den Religionsunterricht der Jugend als selbstverständlich. Das ist durchaus nicht der Fall und durch die Geschichte des Zentralvereins widerlegt. Seiner Zeit sei Herrn Weinberg im Gegenteil auf seine Anträge erwidert worden, daß die religiöse Gleichgiltigkeit im Zuge der Zeit liege und gegenüber seinen Anregungen bezüglich der Erteilung von Religionsunterricht wurde die Bedürsnisfrage verneint. — Es sei allerdings ein Erfolg des Zentralvereins, daß der liberale Verein die Programmpunkte des Zentralvereins sich auch zu eigen gemacht habe, es hätte jedoch niemand die Liberalen gehindert in den 30 Jahren, in welchen sie auf der Gemeindestube ausschlaggebend waren, diese Programmpunkte zu verwirklichen. Jetzt solle man einmal sehen, was die anderen leisten können. — Auch die Ausführungen des Herrn Dr. Cohn wurden mit stürmischem Beifall ausgenommen. Nachdem noch einige Herren sich zustiinmend geäußert, schloß der Vorsitzende gegen IIV2 Uhr die an Anregung reiche Versammlung, die den erfreulichen Beweis erbrachte, daß Israel trotz alledem noch nicht verwaist sei. — Der liberale Wahlverein hielt am Donnerstag Abend eine Bezirksversammlung für die im Westen wohnenden Mitglieder ab. Der Saal des Architektenhauses, in welchem die Versammlung stattfand, war kaum ein Drittel besetzt, im ganzen mochten etwa 120 —150 Personen anwesend sein. Das einleitende Referat über die Organisation und Verwaltung der jüdisckien Gemeinde . hatte Herr Fabrikbesitzer Julius Jsa ac übernommen, der sich, wie wir anerkennen müssen, seiner Ausgabe mit möglichster Objektivität unterzog. Was er ausführtc, ist ja allgemein bekannt, was er im zweiten Teile seines Vortrages mit entern Seitenblick auf die Agitation des Zentralvereins zu sagen hatte, beschränkte sich auf eine Polemik gegen neue Synag)genbanten, die sehr teuer zu stehen kommen und nur an 3 Tagen im Jahre besucht werden, und einer besonderen Belobigung der Gemeindeverwaltung, daß sie den Religionsunterricht nicht in besonderen Schulen, sondern in organischer Verbindung mit andern Schul-m erteilen lasse. (Wo denn?) Alsdann ging man über zu einer Besprechung über die bevorstehenden Wahlen, wobei man natürlich mit großem Aufwand au Stimme, Pathos und sittlicher Entrüstung zu Felde zog gegen den „orthodoxen" Zentralverein, den Jcschnrun, Herrn Klausner u. sw. Eigentümlich mußte cs erscheinen, daß fast jeder der Herren, nachdem er fürchtiglich auf Orthodoxie, Zentralvereine und Jeschurnu gewettert und als Gegenstück das Lob des Liberalismus mit vollen Backen verkündet, in irgend einem Punkte doch - - natürlich hütete man sich, das offen einzugestehen — mit oem bösen Zentralverein übereinstimmte. Hatte z. B. Herr Rechtsanwalt Dr. Simon einen einheitlichen Lehrplan für den Religionsunterricht als unmöglich hingestellt, so stellte wiederum Herr Syndikus Minden fest, daß unter seiner Mitwirkung im deutsch-israelitischen Gemeindebnnd ein solcher einheitlicher Lehrplan bereits aufgestellt sei. Schwärmte Herr Rechtsanwalt Simon für fakultativen Religionsunterricht, so stimmte ihm Herr Professor Bnka scheinbar zu, wollte aber insofern den Religionsunterricht obligatorisch gemacht wissen, als der Nachweis zu liefern sei, daß das betreffende Kind Religionsunterricht genieße. Wiederum trat ein Redner begeistert für das Prinzip der Zentralisation ein, um von dem nachfolgenden Redner hören zu müssen, daß bei der zunehmenden Ausdehnung der Geschäfte schließlich doch die Dezentralisation eintreten müsse. Auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.