Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- Seite 729 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 45. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Sette 729. die in den übrigen europäischen Ländern und gar in unserer halbwilden Heimat den gelehrten Doktoren wenig oder gar nicht bekannt sind. Du wirst, wo immer Du Dich aufhalten wirst, ein geachteter, von Eigenen und Fremden ausgesuchter Arzt werden. Du bist zwar bestimmt, Dein Leben in Polen zuzubringen, aber ich wollte Dich nicht unter unseren dortigen Brüdern auswachsen lassen. Ich wollte Dir eine angesehene Stellung in der Gesellschaft verschaffen, so weit es die Ilmstände den Juden gestatten. Und welche Stellung sonst als die des Arztes hätte ich wählen können? Du bist bestimmt, viel unter Christen zu verkehren, darum wollte ich, daß Du so wenig als möglich die kriechenden Manieren unserer Landsleute, die uns die Gewalt der Unistände aufzwingt und die uns leider so verachtet machen, annimmst. Das war mein Zweck bei Deiner Erziehung. Was hätte ich sonst für einen Zweck haben können? Was für einen besonderen Zweck?" Amieser schwieg. Vielleicht wollte er noch etwas entgegnen, vielleicht schien ihm die Erklärung nicht hinlänglich genügend, aber ein plötzliches Ereignis machte dem Gespräche ein jähes Ende. Von einem Seitenthale, das durch einen kleinen Vorsprung den Augen der zwei Wanderer bisher verborgen geblieben war, erscholl plötzlich ein lauter, langgedehnter Schrei, dem mehrere andere unmittelbar folgten. Verwundert horchten die beiden Wanderer auf. „Horch! was ist das?" rief der Alte, „das ist ja ein Hilferuf in polnischer Sprache!" „Das ist ja eine Frauerstimme, die um Hilfe ruft", rief Amieser; „bei Gott, ich will helfen, wenn ich kann!" „Amieser", rief der Alte, „was geht Dich die unbekannte Sache an? Sieh doch zuerst, was es ist." In demselhen Augenblicke erschien auf dem Rande des Vorsprunges, der sie vom Orte des Hilferufs trennte, ein in rasendem Fluge dahersprengendes Roß, auf dessen Rücken eine in reiche Tracht gekleidete Dame saß oder vielmehr lag. Denn im Sattel hinter ihr, auf dem Rücken desselben Pferdes, erblickte man das bärtige Antlitz eines wild aussehenden Mannes, der den mit einem kleinen Dolch bewaffneten Arm der Dame mit seiner kräftigen Faust fest umspannt haltend, mit der anderen Faust die Zügel ergriffen hatte und mit seinen Beinen das Roß zu immer schnellerem Lause anspornte. Ohne die beiden Wanderer zu bemerken, oder sie nicht achtend, jagte der wilde Räuber gerade in der Richtung hin, wo die beiden sich befanden. Ter Alte war einen Schritt zurückgewichen, aber Amieser, der das mit seiner Doppellast heranstürmende Roß fest im Auge behielt, sprang im Augenblicke, als es an ihn herangekommen war, mit einem kühnen und behenden Satz aus dasselbe los und faßte mit starkem Arm die Zügel. Wild bäumte sich der schnaubende Renner empor und schleifte den verwegenen Angreifer eine Strecke weit mit sich fort; aber dieser hielt fest und erschreckt und ermattet stürzte das Pferd unter seiner dreifachen Last nieder. Ter Boden war glücklicherweise nicht hart und keine der drei Personen hatte ernstliche Beschädigung erlitten, wenn auch die Dame, mehr infolge der Aufregung als des Sturzes, ohnmächtig geworden war. Aber ein harter Kampf entspann stcb nun zwischen Amiäser und dem Räuber. Schon hatte der letztere den einen Arm aus seines Angreifers Umschlingung befreit und mit feinem Dolche einen wütenden Stoß nach demselben geführt, der aber glücklicherweise nur den Arm streifte. Trotzdem wäre der schwächere, unbewaffnete Jüngling wahrscheinlich unterlegen, wenn nicht alsbald die Begleitung der Dame, die sich der Genoffen des Räubers bereits erwehrt hatten, herbeigeeilt wäre. Der Räuber riß sich bei ihrem Anblick mit einem wilden Fluche von Amiöser los und lief seinen flüchtigen Gefährten nach. Das herangekommene Gefolge der Dame, aus zwei Männern und einem Frauenzimmer bestehend, umringte sogleich die Ohnmächtige, während der Vater Amissers, der ebenfalls seinem Sohne zu Hilfe geeilt, jedoch bereits nach Beendigung des kurzen Kampfes angelangt war, nun mit besorgter Miene dessen Armwunde besichtigte. Amisser, in seiner Eigenschaft als Arzt, beruhigte ihn jedoch über dieselbe, daß sie leicht und ungefährlich sei. Da nun auch die Ohnmächtige unter den vereinten Bemühungen ihrer Begleiter wieder zum Bewußtsein gekommen war, nahmen sich jetzt erst Retter und Gerettete näher in Augenschein. An der reichen Tracht und den vornehmen Dränieren war leicht zu erkennen, daß die befreite Dame sowie der eine der herangekommenen Begleiter', der auch beritten und ebenfalls verwundet war, den höheren Ständen angehörten und augenscheinlich Mann und Frau waren. Die beiden anderen Begleiter zu Fuß waren deren Bediente und von den letzteren waren auch die lauten Hilferufe ausgegangen. Wie schon Amiesers Vater aus dem Hilferufe erkannt hatte, waren es Landsleute aus Polen. Auch diese hatten alsbald die wohlbekannte polnisch-jüdische Kleidung des Alten erkannt. Mochte es vielleicht dem stolzen Edelmann einigermaßen demütigend erscheinen, einem verachteten Juden die Rettung seiner Gemahlin aus Räubershänden zu verdanken, so ließ er es sich doch nicht anmerken und stattete in so warmen Worten, als er es für angezeigt hielt, seinen Dank ab. Die Gerettete selbst, der wohl das Sprechen noch schwer kommen mochte, sprach nichts, dankte jedoch mit einem innigen Blicke. Auch Amisser sprach nichts und schien ganz in Gedanken verloren, die sich jedoch viel weniger mit seiner leichten Wunde als mit anderen Dingen beschäftigten. Sein Vater hingegen war bald in ein eifriges Gespräch mit dem Gemahl der Dame verwickelt, und man erfuhr gegenseitig das Nähere über einander. Der Alte erzählte, daß er Josef heiße, aus Krakau stannne, jedoch seit vielen Jahren bereits von dort abwesend sei, mit seinem Sohne einen großen Teil Europas durchzogen und sich längere Zeit in Spanien aufgehalten habe, wo er denselben zum Arzte heranbilden ließ. Jetzt sei er gesonnen, in nicht gar zu ferner Zeit mit seinem Sohne nach seinem Heimatlande Polen zurückzukehren. , 4g (Fortsetzung folgt.) _ 23. Das Gesetz ist erhaben, der freie Wille göttlich. Dem Gesetze gehorchen ist löblich, aus freiem Willen das Rechte thun, hat den höchsten Wert. 24. Je öfter Du sagen kannst: „ich habe es erwartet," desto stärker ist Dein Geist; — über Täuschungen klagen, ist ein Bekenntnis der Schwäche. 25. Der Verstand ist ein Zeichner, die Phantasie ein Maler, das Gemüt ein Bildhauer. 26. „Leben und leben lassen" ist der Egoismus des Schwachen, „selbst leben" der Egoismus des Starken, „zu leben geben" ist allein die Menschenfreundlichkeit.