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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-08 · 45 (8.11.1895) · p. Seite 728

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
Seite 728 (sequence 8)
Language
German
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Sette 728. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 45. jährigen Protokollen eines Landtags oder einer Akademie der Wissenschaften vergleichen. Dieser Vergleich ist auch aus dem Grunde umso berechtigter, weil man ebensowenig aus dem Talmud, als aus den genannten Protokollen, wenn es nicht zur Abstimnmng kommt, das Schlußresultat entnehmen kann. Und in der That stellte sich auch bald nach Abschluß des Talmuds die Notwendigkeit ein, Auszüge aus demselben zu verfassen, um in der Praxis als Richtschnur zu dienen, und fast jedes Jahrhundert hat mehrere solcher Auszüge oder Kodizes aufzuweisen. Wir haben jchon erwähnt, daß der Talmud das litterarische Produkt eines ganzen Jahrtausends ist. Den Geist dieses langen Zeitraumes getreulich widerspiegelnd, werden wir uns nicht verwundern, wenn wir darin auf entgegengesetzte und unvermittelte Ansichten und Aussprüche stoßen, wie wir auch solche in den mehrhundertjährigen Protokollen eines Reichstags finden werden. Diese Beschaffenheit des Talmuds wird auch uns die darin ausgesprochenen Ansichten den Heiden gegenüber begreiflich machen. Es ist geschichtliche Wahrheit, daß der von Nation auf Nation geübte Einlluß eine entsprechende Gegenwirkung erzeugt. Wenn der Zeitgeist tolerant war in Religionsangelegenheiten, wie z. B. im persischen Reiche oder in den ersten Jahrhunderten der römischen Weltherrschaft, hat auch derselbe Geist religiöser Toleranz die in diesen Reichen lebenden Juden in solchem Maße durchdrungen, daß man für das Wohl der fremden Herrscher im heiligen Tempel zu Jerusalem Opfer brachte. In einer solchen Zeit jedoch, in der die Religionen auf dem Kriegsfuß gegen einander standen, oder vereinigt die Juden grausam verfolgten, waren auch die Juden, da sie keine Engel waren, bestrebt, die feindliche Wirkung durch Gegendruck zu paralysieren. Auch der getretene Wurm sucht sich zu verteidigen, wenn der Mensch kein Erbarmen kennt. Wer die sittliche Verkommenheit der Römer und späteren Griechen in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung kennt, wie sie Sallustius, Seneca, die Dichter und die Kirchenväter schildern; wem das Verfahren der römischen Machthaber und Prokuratoren den Juden gegenüber nicht unbekannt ist, der wird die wenigen im Talmud enthaltenen Aeußerungen gegen die Heiden erklärlich finden. Wir haben nicht ohne Absicht nur von Heiden gesprochen, denn von Christen spricht der Talmud nicht. Unsere Feinde behaupten umsonst das Gegenteil. Es ist wahr, es kommen im Talmud — und das auch äußerst selten — Aeußerungen über das Christentum vor, aber nur solche, wie sie vonseiten einer Religion über die von ihr abgesallene leicht begreiflich sind. Es genügt, auf die Aeußerungen der Kirchenväter christlichen Ketzern gegenüber hinzuweisen. Rach unserenr bescheidenen Wissen greisen die Kirchenväter nienmls das sittliche Verhalten der Juden den Christen gegenüber an, sie würden dies gethan haben, wenn die Juden in dieser Beziehung einen Tadel verdient hätten. Es läßt sich im Gegenteil behaupten, daß ein auffallend verwandter Geist aus den Schriften der Kirchenväter und der agadischen Litteratur spricht. Die allegorische Erklärung der heiligen Schrift ist dort wie hier dieselbe. Die angeführten Beweise zur Auferstehung der Toten sind in beiden fast dieselben. Die Betonung der praktischen Sittlichkeit, die höher als alle Blutopfer zu achten sind, finden wir in beiden. Uebrigens hat schon Renan in feinem Werke: „Die Apostel" aus diese geistigen Berührungspunkte hingewiesen. Hier ^wollten wir nur soviel konstatieren, daß es dogmatische Gegensätze wohl, aber keine in Hinsicht der praktischen Sittlichkeit und der Erklärung der heiligen Schrift zwischen Christen und Juden gegeben habe. -i- * Damit wir aber das Wesen^des Talmuds gründlich zu verstehen vermögen, ist es nötig, daß wir auf die, seinen ersten Ansätzen. vorangegangenen Jahrhunderte einen kurzen Rückblick werfen. Im Leben einer solchen Nation, deren Lebensäußerungen ohne Ausnahme religiösen Charakter haben, erstrecken sich die Wurzeln einer jeden Epoche in die ihr vorangegangene, wenn auch noch so große Krisen, Veränderungen und Umwälzungen inzwischen liegen mögen. Unter allen Büchern der heiligen Schrift enthält der Pentateuch allein geoffenbarte Gesetze. Wir wollen hier aus die Frage nicht eingehen, ob die Tradition, daß Mose dieses Grundbuch der jüdischen Religion geschrieben habe, mit der historischen Wahrheit übereinstimme oder nicht? Soviel aber ist leicht einzusehen, daß die mosaischen Gesetze, die das individuelle und soziale Leben, die Verwaltung, das Zivil-, Straf- und Staatsrecht, die Priester- und Leviten-Ordnung, den Kultus re. umfassen, allein nicht hinreichend waren, alle im praktischen Leben auftauchenden Fragen und Rechtsfälle zu entscheiden. Zwei Momente jedoch mußten aushelfen und den Mangel ersetzen. Erstens daß außer den geschriebenen Gesetzen noch von Altersher traditionelle Gebräuche und Gewohnheitsrechte vorhanden waren. Zweitens daß selbst dem geschriebenen Gesetze eine mündliche Erklärung zur Seite stand, die es nicht entbehren konnte. (Forts, folgt.) Feuilleton. Zahn um Zahn. Erzählung aus Polens Vergangenheit. (Fortsetzung.) „Der RiUt wird überall geschätzt," sagte der Alte, „und am meisten von denjenigen, denen er selbst mangelt. Aber woher soll dem armen, macht- und rechtlosen, unter Seinesgleichen ausgewachsenen Juden der Akut kommen?" setzte er bitter hinzu. „Schon öfters hat es mich gewundert," sagte Amwser nach einer kleinen Pause, „daß Du mir eine solche. Deinem eigenen Wesen fernstehende Erziehung zuteil werden ließest. Diese besondere Erziehung, der ungewöhnliche Name, den ich führe, scheinen mir zuweilen einen besonderen Zweck andeuten zu wollen, den man bei mir schon von meiner Geburt aus verfolgt hat. Ist es vielleicht so, lieber Vater?" Wieder schoß einer jener unheimlichen Blitze aus den Augen des Alten, wieder murmelte er einige unverständliche Worte, dann sagte er langsam und zögernd. „Einen besonderen Zweck, glaubst Du? Einen besonderen Zweck? Was für einen Zweck?" Er schwieg eine geraume Weile. „Amieser", fuhr er dann fort, „es ist nicht gut, daß Du Dich mit derlei Gedanken zu viel abgiebst, da^ stört Dich in Deinem Studium. Ich habe Dich zum Arzte heranbilden lassen. Hier in diesem Lande hast Du Dir Deine Ausbildung erworben und Kenntnisse der Heilkunde angeeignet,

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