Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- Seite 727 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 727. durchgeht und in der That oft widerwärtig genug ist, das ist die übereifrige Geschäftsbeflissenheit, die indessen der jüdische Commis voyageur oder Heringsbändiger mit seinem christlichgermanischen Kollegen teilt, wie jeder, wenn auch nicht aus eigener Erfahrung, so doch aus der Litteratur weiß. Mit mehr Recht kann Hochmut den Juden vorgeworsen werden, aber nicht der gewöhnliche Hochmut mancher Aristokraten, Offiziere re., sondern ein geistiger, aus Wissen, Witz, Können sich etwas cinbildender, der freilich auch recht widerwärtig sein kann. Aber auch dieser scheint mir erst ein neu erworbener Fehler der Juden zu sein. Hervorragende Rabbiner des Talniud waren Wasserträger und Holzhauer; Spinoza, Mendelssohn begnügten-sich mit sehr bescheidenen Stellungen im Leben. Der Talmud empfiehlt dringend Bescheidenheit, und die Bibel giebt keinen andern Charakterzug des Mose, des jüdischen Hauptheros, an, als seine Demut. Die Bescheidenheit, mit welcher Moses die Mission, die ihm übertragen wird, abzulehnen versucht, ist überaus rührend, und die Stelle, wo dies in der Bibel erzählt wird, gehört meines Erachtens rein litterarisch zu den eindrucksvollsten in der ganzen Bibel. Zum Teil haben äußere Umstände schuld, daß die Juden, die außerhalb der engen jüdischen Welt etwas geworden sind, wenn sie nicht taktfeste Charaktere sind, zu Hochmut und Unbescheidenheit neigen. So lange der jüdische Oberlehrer, Richter u. s. w. eine rara avis ist, steht er natürlich in seinen Kreisen in weit höherem Ansehen als der christliche Kollege in den seinigen. Unwillkürlich taxiern ihn auch die Klügeren höher, weil sie wissen, daß der Anstellung eines Juden besondere Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden, und sie daher annehmen, der sie überwunden, müsse eine besondere Kapazität sein. Wenn nun schon in christlichen Kreisen der Lieutenant, der Herr Geheimsekretär, der Kanzleirat und selbst der Herr Oberwagenschmierermeister eine bevorzugte Stellung einnehmen, wie viel mehr müssen dies der Oberlehrer Dr. Levy vom Krähwinkler Gymnasium, oder der Amtsrichter Cohn in ihren Kreisen. Natürlich wird ihnen mehr Weihrauch gestreut, und nicht alle können dies ertragen, ohne schwindlich zu werden. — „Schmierig, knickerig, schäbig, protzig sind die Juden". Sie sind dies in der That, d. h. viele von ihnen. Protzig sind sie meist gegen ihre Natur, und in der Regel mit irgend einer Nebenabsicht; zur Schäbigkeit und Knickerigkeit dagegen sind sie geschult, und diese Eigenschaften gelten sogar bis zu einem gewissen Grade als Tugenden. Der Verschwender ist bei der Masse stets beliebter als der Geizige, aber der Geiz ist ein rein geistiges Laster, so furchtbar und gräßlich vielleicht nur, weil es ein durchaus geistiges Laster ist. Die Inden als ein eminent geistig ausgebildetes Volk, neigen bei weitem niehr zu dem geistigen, als zu dem weltlichen Laster, zur Schäbigkeit mehr als zum Protzentum; erstere macht sie der Menge, letzteres den oberen Schichten verhaßt. Meist von kleinen Anfängen ausgehend und doch fast stets nach möglichster wirtschaftlicher Unabhängigkeit trachtend, rechnen und knickern sie im täglichen Leben nach jeder Richtung hin. Fast möchte ich behaupten, daß von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, die holde Gabe des Leichtsinns den Juden ganz versagt ist. Zu genießen, ohne an die — Kosten zu denken, glaube ich, ist selbst der reiche Jude nicht imstande. Ich mar in .vielen jüdischen Familien nicht blos zu außerordentlichen Gelegenheiten Gast, sondern im Alltagsverkehr und spreche daher aus gründlicher Erfahrung. Bei sehr reichen Leuten selbst ist die häusliche Lebenshaltung eine mäßige. Ich habe Hunderte von Malen beim jüdischen Millionär gespeist, der durchaus nicht, namentlich nicht für seinen Haushalt geizig war, auf dessen Tisch aber nicht einmal Bier für die Familie kam. Er selbst trank ein halbes Fläschchen, den Rest stets für den nächsten Tag reservierend. Ab und zu nur spendete er ihn der Frau, dem Sohne, der Tochter. Wenn der Jude protzig ist, dann kann er es gewöhnlich, und er hat seine Nebenabsichten dabei. Entweder will er Geschäfte machen oder neue Verbindungen, gesellschaftliche Stellung, eine glänzende Heirat u. s. w. Ich kann den uniformierten und vornehmen Herren, die erst sich in den Salons der Juden gütlich thun und dann hinterher über die „ekelhasten Protzen" schimpfen, die Demütigung nicht ersparen, daß sie für den betreffenden Protzen lediglich Statisten oder Schachfiguren sind. So mancher General oder Graf dient nur als „Paradegoi", — eine vielleicht nur Berliner Institution — um das Ansehen des „Protzen" bei seinen Konkurrenten, Gläubigern oder Kunden zu heben. Der reiche Jude, der nicht Nebenabsichten hat, wird fast niemals seinen Reichtum zur Schau stellen, wüst schwelgen, sondern leben wie andere reiche Leute, soweit nicht ein bei Parvenüs — und die meisten jüdischen Reichen sind Pervenus — ja leicht begreiflicher vulgärer Geschmack protzenhaft erscheinen läßt, was gar nicht protzenhaft sein soll. Wie sehr das jüdische Protzentum oft auf Berechnung beruht, ja dem eigenen Geschmack des Protzen mitunter zuwider ist, dafür kann ich aus eigener Erfahrung ein interessantes Beispiel erzählen. Ein sehr reicher Jude, der höhere gesellschaftliche Zwecke verfolgte und auch erreicht hat, der exquisit bewirtete, in vornehmer christlicher Gesellschaft sehr viele Tausende auf eine Karte setzte u. s. w., war in vernünftiger-jüdischer Gesellschaft die Anspruchslosigkeit selbst. Mit mir, dem vergleichsweise ganz armen Teufel, rechnete er im Lokal auf einen Nickel ab, und das war ein Kompliment für mich; denn er sagte damit gewissermaßen, dem darf ich nicht so kommen wie den anderen. Ja er sagte mir einmal ausdrücklich, die Leute würden gewiß nicht glauben, wie einfach er lebe; in der That kenne er nur einen Luxus, seine sehr schön eingerichtete Wohnung, aber er sehe nicht ein, warum er bei seinem Reichtum sich den nicht gönnen solle. Ich führe diese einzelnen Beispiele nicht an, um in den antisemitischen Fehler des Generalisierens zu verfallen, sondern der eine halbe Flasche Bier aufspeichernde Millionär und der um einen Nickel rechnende Protz sind Typen. (Schluß folgt.) Der ~' \ Von Rabb. Dr- A. Hochmuth. II. Zutreffend ist schon bemerkt worden, daß der Talmud nicht so sehr als Grundwert der jüdischen Religion, als vielmehr als Encyclopädie der Wissenschaften zu betrachten sei, inwieweit dieselben in diesem Jahrtausend unter den Juden be- und gekannt gewesen waren. Da aber die verschiedenen Wissenschaften nicht nach Fächern verhandelt und geordnet, sondern in einer kaum denkbaren Mischung, indem manchmal auf einem und demselben Blatte Debatten über Dogmen, Rechtsfragen, Naturbeschreibung und Gesundheitslehre Vorkommen, so könnte man eher den Talmud mit den tausend- 54