Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- Seite 725 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Sette 725. daneben auch Volkssprache und weltliche. Wissenschaft — nicht mehr Zurückgezogenheit und Versunkensein in sich selbst, sondern Lebensgemeinschaft mit allen Menschen und lebendige Teilnahme an den Weltereignissen. Israel hat seine Sendung unter den Völkern der Welt, seine Botschaft, welche ihm auch ins Exil mitgegeben worden ist, noch lange nicht vollendet. „Ausgeschlossen aus dem Lande des Lebens", hat es seiner Aufgabe gar nicht Nachkommen können. So um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts fing es in den Köpfen und damit auch in den Herzen der Menschen zu tagen an. Israel konnte daran denken, seinen Beruf wieder auszunehmen, der Welt den wahren Gott und die wahre Sittlichkeit kund zu thun. Dazu gehörte freilich in erster Linie, den Völkern, unter welchen wir leben, uns enger anzuschließen und in Sprache und wissenschaftlichem Bestreben den besten unter denselben es gleich zu thun. Die erste hervorragende Persönlichkeit, welche dieser Aufgabe gerecht zu werden suchte, war Mendelssohn. Er trug das Banner des Judentums zur Aufklärung der Menschen allen Nachfolgenden voran — das Banner, worauf in weithin leuchtender Schrift eingeschrieben stand: „Gotteseinheit und Sittenreinheit". Aüttlei Schnorrer. Der neugewählte Bürgermeister von Wien, Dr. Carl Lueger hat, wie die Zeitungen berichten, dem Ministerpräsidenten und dem Statthalter von Niederösterreich seinen Besuch abgestattet, und jedenfalls um gut Wetter geschnorrt. Der Mann hat es verdient, daß er bestätigt wird, denn er hat das Seinige dazu beigetragen, um den schalen Wiener Liberalismus aufzurütteln und die Träger desselben mit etwas Schamröte zu galvanisieren, und es wird noch viel toller werden nn'issen, ehe der Wiener seine Augen vom Schlafe reinigt und es gewahr wird, was für Dummheiten er während seiner Traumduselei geschwatzt, daß er wie ein Mondsüchtiger gehandelt hat, um schließlich von der geträumten Höhe auf der er herumbalancierte, herunterzustürzen. Lueger muß bestätigt werden, der entgegengesetzte Fall wäre ein Verbrechen — mögen die Leute doch zeigen, was sie Positives zu schaffen vermögen, nachdem sie seit Jahren von den Rosinen fabeln, welche sie im Sacke haben. Wenn die Geschickte zu bunt wird, ist immer noch die Aufsichtsbehörde da, um zu verhüten, daß die „antiliberalen" Stürmer den Himmel einrennen. Möge also die Schnorrtour vou Erfolg gekrönt sein! Aber wir haben zu Hause auch genug Schnorrer, welche das Handwerk ganz gut nährt. Der Staatsanwalt schnorrt nach früheren Mitarbeitern und Chefredakteuren der Kreuzzeitung, welche erst lange Finger und nachher lange Beine gemacht haben und ausgcriffen sind. Die Chefs sind offenbar schlauer, als die Preß-Untermameluckeu; den kleinen Schwein- Schwennhagen, den haben sie schon, den „großen" und „edlen" v. Nathusius-Ludom, den werden sie auch kriegen, aber dem edlen Großspitzbuben v. H.-Woßu wird der Herr Staatsanwalt noch lange bittere Thränen wachweinen. Da kann er lange betteln, ehe er den suspendierten Thron- und Altarftützer wiederbekommt. Dem Herrn Reichstagsabgeordneten Zimmermann, der die „Deutsche Wacht" in einer unbewachten Stunde seiner Partei — wozu wäre die sonst nütze? —- gegen gutes Profitchen angehängt, und für eine erkleckliche Geldsumme, die er nicht besaß, Aktiva eingeschnorrte, wäre diese Un .... Vorsichtigkeit beinahe schlecht bekommen, wenn man nicht in neuester Zeit die Erfindung gemacht hätte, daß es möglich sei, „schuldig aber straffrei" zu sein. Daß dies uns Juden gegenüber schon lange gäng und gäbe sei, haben wir gefühlt — selbst als Rasse, denn ob das Huhn gebacken oder geschmort gegessen wird, das ist dem Huhn ganz einerlei — und Herr Zimmermann mag weiter schnorren, bis er sich ein Vermögen erbettelt hat, und seine Vermögens- Verhältnisse es ihm wieder erlauben, ein Heine-Verehrer zu sein — nur vor den Gendarmen mag er sich in Acht nehmen, denn die sind „lauter Juden"! Denl Verdienste seine Krone, die Meister der Schnorrkunft sind unsere Agrarier, denn sie verstehen es, das Mitleid durch Weiberthränen zu erregen, und haben es jüngst gewagt, nach einem recht opulenten Diner, bei dem der Champagner nicht gefehlt haben soll, durch ihre Frauen dem Landwirtschaftsminister einenZ Schnorrbrief zu überreichen. Ei, wie fein, ei, wie zart — das hätte mal ein anderer wagen sollen. Laut diesem Schnorrschreiben befindet sich der Arbeiter in hoher sittlicher Gefahr, weil — das Brot zu billig ist. Wäre das Brot teurer, dann könnte er weniger Schnaps trinken und er würde die Differenz für seine alten Tage ersparen. Doch halt, hier ist mir die Feder durchgegangen, es soll heißen: Die Differenz solle seine notleidenden Herren in die Tasche fließen, die es für sich — jeu — für ihre Frauen — Brillanten — und Söhne, die Offiziere sind — hm hm — gebrauchen können, sonst ist der deutsche Kaiserthron und unser schönes Vaterland in furchtbarer Gefahr. Und wenn sie nicht die Einkommensteuer erlassen und unter anderen Unterstützungen auch noch bares Geld vorn Staate *gegen billigen Zinsfuß erhalten, „müssen sie ganz in die Hände der Juden fallen". Zum Kuckuck auch, geht doch nicht zum Juden — wenn euere leichtsinnige Wirtschaft euch auf den Hund gebracht hat, warum geht ihr nicht zu eueren reichen Glaubensgenossen, warum nicht zu eueren steinreichen, höchstbesteuerten Standesgenossen, den Großgrundbesitzern, die euch doch näher stehen, und von denen ein halbes Dutzend das Vermögen aller Juden in Preußen aufwiegt. Der Jude aber, der trotz aller Umverschänttheiten den Umgang mit solchen Leuten sucht und sein gutes Geld überdies für diese Generalschnorrer mit ihrer Nimmersatten Habsucht hingiebt, der verdient keine bessere Behandlung. Zum Schluffe soll aber auch von uns selbst die Rede sein und gezeigt werden, wie man in unserer Mitte Schnorrer sogar durch die Zeitung sucht. Da wurde in einer Zeitung ein strengreligiöser Mann für die Schweiz verlangt, welcher täglich in 5—6 Stunden an Erwachsene Unterricht in Bibel, Talmud Schulchan Aruch geben soll, gegen ein Honorar von 1000—12000 Franks jährlich. Entweder ist die Gelehrsamkeit und Frömmigkeit auch schon im Preise gesunken, oder es kann in dieser Annonce nur auf einen nicht verwöhnten Schnorrer reflektiert werden, denn ein gutgestellter Schnorrer wird sich hüten, sein freies Leben für einen solchen Hungerlohn, den man keinem Steinklopfer anzubieten wagen würde, zu verkaufen. Aber einen Vorzug hat diese Annonce, die noch unter die Lehrerbesoldungen Süd- und Westdeutschland zurückbleibt, doch, nämlich den, daß der Lehrer nicht verheiratet zu sein braucht, und das Recht hat, nur allein zu verhungern. Or. N.