Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- Seite 724 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 724. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. IHoffö Mkii-tlslohn. Von Dr- I. Rülf, Alemel. In meinem Innern hat der Artikel des Dr. Bernfeld „Die drei Moses" nur Befriedigung erweckt und Zustimmung gefunden. Ich liebe die Männer, welche ihre Ueberzeugung, und wenn sie auch allen hergebrachten Anschauungen schnurstracks entgegenläust, rückhaltlos kundgeben, durch keinen Autoritätsglauben sich blenden und verwirren lassen und niemals auf ihr selbständiges Urteil zu Gunsten festgewurzelter Lehrmeinungen verzichten. Gesetzten Falles, Dr. Bern seid wäre in seinen Auslassungen über Mendelssohn auch zu weit gegangen — was will das heißen! Die Gelegenheit zu einem Meinungsaustausche ist gegeben, und die Pendelschwingungen dieses Meinungsaustausches lassen den ruhenden Pol erkennen, woselbst die Wahrheit ihren Sitz hat. Schon in jungen Jahren habe ich nur oft die Frage vorgelegt: War Mendelssohn in der That der kühne Reformator, welcher diesen Umschwung in der Gesinnungs- und Denkweise der neuzeitlichen Judenheit hervorgebracht hat? Die Frage blieb ohne Antwort, denn ich mußte mir sagen, wir Juden befänden uns heute auf demselben Standpunkte der Bildung und Gesittung, wenn auch Moses Mendelssohn niemals gelebt hätte. Mendelssohn war kein Reformator, war weder eine litterarische noch philosophische Größe ersten Ranges. Er war einfach, ein geistvoller, hochgebildeter, edeldenkender Mann, wie es dergleichen zu aller Zeit in großer Anzahl unter den Juden gegeben hat. Auch der Umstand, daß er sich aus den ärmlichsten Verhältnissen durch eigene Kraft, durch ein mächtiges, alle Hindernisse überwindendes Bildungsstreben emporgearbeitet hat, kann ihm nicht als besonderer Vorzug angerechnet werden. Das haben vor ihm, neben ihm und nach ihm noch viele, sehr viele andere jüdische Jünglinge gethan und liegt so im Blute der jüdischen Jugend. Das ist eine Rasseneigentümlichkeit. Das ist der Atavismus einer Jahrtausende alten Kulturmacht, die auch in den ärmsten und untersten Sprossen dieses Stammes sich kundgiebt. Nicht umsonst sagt der Talmud: „Nehmet besonderen Bedacht aus die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Thora aus." Mendelssohn hat großen Einfluß aus seine jüdischen Zeitgenossen ausgeübt, das konnte garnicht ausbleiben. Er lebte zur Zeit der „Aufklärungsperiode" und die besten Männer derselben waren seine Freunde. Seine soziale Stellung, wie eine solche vor ihm nur wenige Juden eingenommen hatten, verhalfen ihm zu diesem Einflüsse. Mendelssohn war ein Kind seiner Zeit, er hat den Besten seiner Zeit genügt und hat darum, nach den Worten des Dichters, gelebt für alle Zeiten. Die Zeit hat ihm ihr Gepräge aufgedrückt, und dieser Geist der Zeit hat sortgewirkt, daß auch nach ihnl viele Glaubensgenossen, fast die ganze Judenheit, sich von diesem Geiste ergriffen fühlten und die neuzeitliche Bildung im Geistesleben der Juden immer weitere Kreise zog. In seiner Bekämpfung der Ansichten Bernfelds sagt Bernhard Traubenberg (Allg. Jsr. Wochenschr. Rr. 43 S. 692): „Moses Mendelssohn ist der Mann, der die deutschen Juden aus ihrer Ohnmacht zu geistigem Bewußtsein wieder zurückgerufen, die wissenschaftliche Verjüngung angebahnt" ... Die Wahrheit dieser Behauptung muß auch ich bestreiten. Wenn ich dieselbe unbedingt zugeben wollte, müßte ich mir zuvor eine andere Frage mit „ja" beantwortet haben: Hat Mendelssohn diesen Erfolg mit klarem Nr. 46. Bewußtsein erkannt und absichtlich angestrebt? War es sein ausgesprochener Wille, ein Reformator und Regenerator des Judentums zu werden? Nichts von alledem. M en d els - fohn hat nur gesucht, eine zeitgemäße Bildung sich anzueignen, und Zeit und Zeitgenossen kanlen ihm in diesem Bestreben zu Hilfe. Er hat auch gesucht, seinem Wissen und Können, seinen Ueberzeugungen und Anschauungen schriftlichen Ausdruck zu geben und hat auf diese Weise sehr geschätzte und bedeutsame Litteraturerzeugnisse zu Wege gebracht. Wirklich epochemachende Schriftwerke hat er jedoch nicht geschaffen, weder für die Weltliteratur noch für die Literatur des Judentums. Jene großen Männer jüdischen Stammes, welche neben und nach Mendelssohn die Weltliteratur und die Litteratur ihres eigenen Volkes mit bedeutungsvollen Schöpfungen bereicherten, können als von Mendelssohn abhängig nicht bezeichnet werden. Nur nach einer Richtung hin ist der Mann für das Judentum wirklich als epochemachend ausgetreten. Merkwürdigerweise wird gerade diese Thatsache weniger betont, oft sogar gänzlich übersehen: — Mendelssohn war der erste, wahrhaft bedeutungsvolle deutsche Klassiker jüdischer Abstammung. Die größten Kapazitäten seiner Zeit, L es sing und Kant, anerkennen ihn als Meister der deutschen Schreibweise und Schriftsprache. Lessing sieht in ihm den ebenbürtigen Genossen, und Kant, der als Philosoph Mendelssohn derart überragt, daß derselbe neben Kant kaum in Betracht kommt, blickt nicht ohne Neid auf Mendelsohns guten deutschen Stil, den er sich niemals hat aneignen können. Das ist eine hochbedeutungsvolle Thatsache. Kant, der große deutsche Philosoph und Universitätslehrer, und Mendelssohn, der ehemalige armselige Judenjunge, der noch keinen deutschen Satz richtig zu sprechen und zu schreiben verstand. Wir legen auf diese Thatsache ganz besonderes Gewicht. Wenn so mancher antisemitisch angehauchte germanische Dickschädel, — und es giebt deren leider nur zu viele — der keinen genießbaren Satz zu sprechen und zu schreiben versteht, dem Juden einen recht empfindlichen Stich versetzen will, so wirft er ihm vor, er könne als Jude nicht Deutsch schreiben. Das ist die nichtswürdigfte Unwahrheit, die jemals zur Kränkung der Inden ersonnen worden ist. Die Juden zählen zu den besten deutschen Schreib- und Sprachkundigen des Jahrhunderts. Daß sie weniger langweilig sind als jene vielgerühmten klassischen Schriftsteller, das soll ihnen nicht zum Nachteil angerechnet werden dürfen. Ja, es darf ausgesprochen werden, der Neid auf des Juden schriftstellerische Veranlagung hat vielleicht den ersten Anstoß zu jener verwerstichen antisemitischen Bewegung gegeben. Unser Bestreben, das Wesen und die Bedeutung des vortrefflichen Mannes auf das richtige Maß zurückzuführen, hat wenig Gemeinsaines mit jener Frage: Ist es gerechtfertigt — wie das allgemein geschieht — mit Mendelssohn eine neue und zwar die neueste Geschichtsperiode unseres Volkes beginnen zu lassen? Wir beantworten diese Frage mit einem unbedingten Ja. Er hat diese Periode nicht erweckt, geschaffen, vorbereitet; allein er hat sie begonnen. Wie ein „Panier auf Bergesspitze" steht der Mann da _ und alle geistigen Bestrebungen der Jetztzeit innerhalb unseres Volkes können an ihn anknüpfen. Fortan hieß das Losungswort nicht mehr einzig und ausschließlich: „Bibel und Talmud", sondern