Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- Seite 723 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 728. eine weitgehende Objektivität in allen auf die Juden sich beziehenden Fragen, was ich sehr gut begreifen kann. Wir bedürfen aber der Organe, die speziell dem Judentum und dem jüdischen Geistes- und Familienleben gewidmet sind. Daß ich keinen reaktionären Standpunkt einnehme, kann ich wohl am besten durch die jüdisch-englische Presse beweisen. Die politische Gleichberechtigung der Juden in England steht außer Frage; auch sozial ist der Jude in England seinem christlichen Mitbürger gleichgestellt; der Engländer achtet den ehrenhaften Juden, auch wenn er noch so an den alten Gebräuchen des Judentums pietätvoll hängt, und vor einigen Jahren erlebte London das Schauspiel, daß der jüdische Lordmayor am Tage des historisch berühmt gewordenen Lordnlayor-Umzuges durch die Stadt hinter der alten Paradekarosse fürbaß einherschritt, weil er am Sabbat nicht fahren wollte. Trotzdem hat London jüdische Zeitungen, welche als die besten aus diesem Gebiete bezeichnet zu werden verdienen. Obwohl die Juden in England viel weniger an der Zahl sind, als ihre Glaubensgenossen in Deutschland, florieren dort die jüdischen Journale, indem sie einen großen Abonnentenkreis und infolge dessen auch sehr viele Inserate haben. Diese reichlichen Mittel erlauben ihnen wiederum, viel für die Reichhaltigkeit und die Gediegenheit des Inhalts aufzuwenden. Die jüdisch-englischen Journale erfreuen sich auch eines großen sozialen Ansehens.innerhalb der Gemeinde. Auch dort kommen Debatten von großer Bedeutung vor; man stritt vor einigen Jahren sehr lebhaft über das Blaß der einzusührenden Reformen im Gotteshaus. Aber fast mit Neid dürfen wir es sagen, daß von keiner Seite Empfindlichkeit oder gar Terrorismus gezeigt worden ist. Männer von hoher sozialer Stellung hielten es nicht unter ihrer Würde, im jüdischen Blatt Rede und Antwort zu stehen und ihre Ansichten nach ihrer Auffassung zu verteidigen. Es wäre nun unsere Pflicht, uns die jüdisch-englische Presse zum Muster zu nehmen und mit derselben an Reichhaltigkeit, Gediegenheit und Ernst der Debatten zu wetteifern. Ich halte es nicht für die Aufgabe eines jüdischen Blattes, gegen den Antisemitismus zu polemisieren; wir haben danüt auch nicht einen Antisemiten bekehrt, aber oft durch ungeschickte Verteidigung die Sache gar noch verschlimmert. Es liegt wohl in der Natur eines jeden Menschen,"auf ungerechte Vorwürfe antworten zu wollen, weshalb viele Juden gern polemische Artikel gegen den Antisemitismus lesen; aber widerstehen wir mannhaft diesem an sich berechtigten Impulse und befolgen wir in der Presse die Politik: Laufenlassen! Es giebt andere Organe, die berufen wären, für die Verteidigung der Judenheit in Deutschland, und zwar nicht durch Zeitungsartikel, einzutreten. Die Aufgabe der jüdischen Presse wäre aber, innerhalb der Judenheit selbst belehrend und erziehend, erwärmend und stärkend zu wirken. Dies thäte uns sehr not, in einer Zeit, in der vom Judentum wie in der Epoche Jesajas gesagt werden muß, der jüdische Stamm sei an Haupt und Gliedern krank. Nichts ist dem Judentum so gefährlich und verhängnisvoll, wie die Unwissenheit, die Unkenntnis unserer eigenen Geschichte, die Selbstverkennung und leider oft die Selbstmißachtung. Ein tief ergreifender Ausspruch des Talmuds lautet: Gott fei langmütig und verzeihe selbst die Gottcsleugnung; nur möchte die jüdische Lehre, die Kenntnis des Judentums mit Liebe und Eifer gepflegt werden, 'min nxi my tfk ’niVh Rur eine gute Presse könnte Wandel schaffen, und diese müßte — erst geschaffen werden! Für gebildete Juden bietet die jüdische Presse in Deutschland in der Regel sehr wenig; das liegt aber am jüdischen Publikum, das in dieser Beziehung so sehr indifferent ist. Einer der angesehensten Gelehrten in Berlin, dessen Studien uno Forschungen, die sich eines europäischen Rufes erfreuen, wohl auf einem anderen Gebiet liegen, der sich aber nichtsdestoweniger Liebe und Interesse auch für die jüdische Wissenschaft — in der sein Vater eine tonangebende Stellung eingenommen hat — gewahrt, sagte mir vor einiger Zeit recht charakteristisch: die Juden Verlins bezeugen oft einen hochherzigen Sinn in Errichtung von großartigen Wohlthätigkeits-Jnstitutionen, sind aber sehr zurückhaltend, wenn es sich um jüdische Kunst und Wissenschaft handelt, die zu pflegen es doch eine Ehre für den jüdischen Stamm wäre. Alle Achtung vor der Wohlthätigkeit der Berliner Juden; aber man soll das eine thun und das andere nicht lassen, denn schließlich dürfen wir es nicht dahin kommen lassen, daß, wie Zunz einst bitter geklagt, das Judentum nur in einem bischen „Rachmoneß" (Rachamanuth) bestände! Was dem Judentum seine kulturhistorische Bedeutung und seine kulturhistorische'Stellung anweist — ist einzig und allein die Wissenschaft und die geistige Thätigkeit, die wir, um mit Riesche zu reden, nicht nur fort-, sondern auch herauf pflanzen müssen. Börne sagte in einem seiner noch immer lesenswerten Briefe, daß die Presse nicht das Ziel, sondern der Weg zmn Ziel sei. Durch die Presse können wir erst das erlangen und erkämpfen, was uns not thut. Wir müssen aber vor allem der jüdischen Presse in Deutschland eine Form und einen Inhalt verschaffen suchen, daß sie jeder gebildete Mensch mit Interesse lesen könnte und dürste. Dies könnte nur dadurch erreicht werden, wenn jeder Jude es für seine Pflicht halten würde, ein jüdisches Blatt nicht nur zu lesen, sondern auch zu abonnieren. Er muß dies als eine gleichwertige, wenn auch freiwillige Pflicht betrachten, wie die Entrichtung seiner Gemeindeabgaben; denn auch diese Leistung ist eine Kulturausgabe. Der gesunde Zustand der englischen Judenheit spiegelt sich in seiner Presse wieder. Werden wir auch in Deutschland gesund, so werden wir ebenfalls eine gute Presse haben, welche es sich zur Aufgabe machen muß, alle Fragen des Judentums, des jüdischen Familien- und Geisteslebens, seiner Kultur und seiner geistigen Bedürfnisse eingehend mit Sachkenntnis und Hingabe zu behandeln. Unsere Vorfahren haben unter gewiß ungünstigeren Verhältnissen unermeßlich hohe Opfer für die Schöpfungen der jüdischen Kultur gebracht; andernfalls wären ja sonst die reichhaltigen Schätze, die aus der glorreichen Zeit auf uns vererbt worden sind, unmöglich. Das Judentum ist in der letzten Zeit nicht mehr schöpferisch gewesen; das müssen wir aufrichtig, wenn auch nur mit tiefem Schmerz bekennen. Aber halten wir wenigstens das heilige Feuer wach, daß es nicht erlösche, sehen wir zu, daß dem Judentum nicht der Lebensatem ausgehe. Wenn wir in der Gegenwart nichts Selbständiges zu schaffen imstande sind, so pflegen wir wenigstens mit Liebe das Vorhandene. Es wurden in diesem Jahrhundert viele Experimente zu diesem Zweck gemacht, die, wie ich noch anderweitig Nachweisen werde, alle gründlich abgewirtschaftet haben. Es bleibt nunmehr noch das eine Mittel: schaffen wir eine gediegene, an Inhalt wie an Form sich empfehlende, gut geleitete und lesenswerte Jud enpresse!