Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- Seite 722 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 45. Allgemeine Israelitisch« Wochenschrift. Seite 722. Soll das noch ferner dauern? Das darf nicht sein! Wer fein Judentum liebt, wer es vor Schaden gewahrt wissen will, wer nicht unthätig zusehen mag, wie unsere Rechte gekürzt werden, wer nicht Schmähungen und Verleumdungen durch Duldung gutheißen will, der wähle in die Repräsentanz Männer, die auf unser Programm sich verslichten! Wir wollen die Synagogennot beseitigen, wir wollen die hebräische Gebetssyrache nicht völlig verbannen lassen, wir wollen nicht den Sabbat aus Sonntag verlegen, wir wollen obligatorischen jüdischen Religionsunterricht an allen öffentlichen Schulen gleichberechtigt neben jedem anderen Religionsunterricht, wir wollen eine gerechte Einschätzung aller jüdischen Einwohner zur Gemeindesteuer, wir wollen geheime und Bezirkswahl zur Repräsentantenversammlung, wir wollen unsere staatsbürgerlichen Rechte wahren, die gegen unsere heilige Religion gerichteten Angriffe abwehren. Wer das mit uns will, der wähle mit «ns! Central-Kerem für die Interessen der jüdischen Gemeinde. Iu-kMkffe. Von Dr. S. Bern selb. Im Jahre 1840 begann der bekannte Gelehrte Julius Fürst die jüdische Wochenschrift „Der Orient" herauszugeben, welche, wie es wohl vielen bekannt sein dürfte, zwölf Jahrgänge erlebt hat. Jene Zeit kann für die deutsche Judenheit im allgemeinen und die jüdische Wissenschaft insbesondere als eine sehr segensreiche bezeichnet werden. Das Gemeindeleben unter den deutschen Juden bot eine Fülle von Regungen und Bestrebungen, die, mögen sie an und für sich richtig oder unrichtig gewesen sein, als ein Zeichen von Kraft und Gesundheit gelten dürfen. Im „Orient" jener Jahre finden wir einen treuen Ausdruck jener bewegten Zeit, da sich diese Zeitschrift im großen und ganzen von jeder ausgesprochenen Parteirichtung fern zu halten wußte und Männer von verschiedener Parteistellung zu Wort kommen ließ. Die literarische Beilage, bekannt unter dem Titel „Litteraturblatt des Orient", ist von bleibendem Wert, indem sie eine Fundgrube von Forschungen und Studien auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft repräsentiert. Männer wie Rapaport, Frankel, Geiger, Grätz, S. D. Luzzatto, M. Jost, Dukes, Landauer, Jellinek, Delitsch und viele andere haben in jenem Blatte Stein für Stein zum Bau der jüdischen Wissenschaft herbeigetragen und diese mächtig und erfolgreich gefördert. Da kam das sturmbewegte Jahr 1848, welches durch seine politische Bewegung alles öffentliche Interesse absorbiert hat. Die deutschen Juden, die früher ein jüdisches Blatt zu würdigen wußten, konnten mitten unter den Wirren des öffentlichen Lebens kein besonderes Interesse den spezifisch jüdischen Fragen widmen. Man träumte damals den großen Freiheitstraum und glaubte, daß nunmehr die Zeit der politischen Sonderstellung der Juden in Deutschland für immer vorüber sei. Julius Fürst stellte auch mit Ablai? des Jahres 1849 die Ausgabe des „Orients" ein, sich nur aus die wiffenschastliche Beilage beschränkend; er meinte, man brauche nunmehr, da die politische Gleichstellung der Juden in Deutschland bereits errungen sei, keiner jüdischen Blätter mehr. Rur für die jüdische Wissenschaft dedürse es noch Organe, als welches er das Litteraturblatt weiter herausgeben wolle. Es ist durchaus interessant zu bemerken, wie schnell der Katzenjammer in den Kreisen, welche mit dem öffentlichen Leben der deutschen Juden vertraut waren, eingetreten ist. Sowohl Julius Fürst als auch der bekannte Gelehrte und Rabbiner Dr. Treuenfels haben bereits in den Jahren 1850 und 1851 schmerzlich konstatieren müssen, daß mit der errungenen politischen Gleichstellung das Interesse für das Judentum unter den deutschen Juden zu schwinden begonnen habe. Ehedem gab es bei den Juden keine so besiiinmte Scheidegrenze zwischen Gelehrten und Laien; jeder gebildete Jude hielt es für einen Ehrenpunkt, auch in der jüdischen Literatur mehr oder weniger Kenntnisse zu besitzen; es gab daher ein gebildetes Laienpublikum, auf das jeder Autor rechnen konnte, was wiederum für die Wissenschaft vom Vorteil war, indem die Autoren sich Blühe gaben, allgemein verständlich und in einer gefälligen Form zu schreiben. Um das Jahr 1850 begann, wie gesagt, jenes Interesse für das Judentum nach und nacb zu schwinden, was schon damals weitsehenden Männern als eine sehr bedenkliche Wendung erschien. Man kann so gut den weiten Abstand zwischen einst und jetzt ermessen, wenn man sich erinnert, welche Bewegung seiner Zeit die Rabbinerversammlungen von Braunschweig (1845) und Frankfurt (1846) unter den Juden in und außerhalb Deutschlands hervorgerufen und wie mäuschenstill die von Berlin (1884) verlies. Es hat sich die sorgenvolle Voraussage Sir Lyonel Rothschilds bestätigt, der vor etwa siebzig Jahren warnend ausgerufen: Sollte die Emanzipation der Juden dazu führen, daß in diesen das jüdische Bewußtsein abgeschwächt wird, so wäre es wahrlich besser, wir hätten die politische Gleichstellung nie erlangt! Seitdem sind die Verhältnisse schlimmer und nicht besser geworden. Wollen wir uns aber nicht mit leeren Klagen begnügen, so müßte ein jeder, soweit es in seinen Kräften liegt, Hand daran legen, oie zerfahrenen und tief traurigen Zustände zu bessern. Wahrlich, es ist nicht mehr an der Zeit, niederzureißen, man müßte vielmehr Niedergerissenes wieder aufbauen und stützen! Das Judentum ist im Laufe der Zeit fast eine Ruine geworden und droht eines schönen, oder richtiger eines traurigen Tages uns über den Kopf zusammenzustürzen. Wer noch ein Funken von Interesse und Pietät für diese merkwürdigste kulturhistorische Erscheinung der Menschheit hat, deren Träger wir sind, der beeile sich, sein Schärftein zur Erhaltung dieses in Verfall geratenen Baues beizutragen. Vor allem ist es klar, daß wir einer tüchtigen, kräftigen jüdischen Presse bedürfen. Es ist bekannt, daß uns von gegnerischer Seite der Vorwurf gemacht wird, die politische Presse sei größtenteils in jüdischen Händen und arbeite nur im Interesse des Judentums. Wir wissen, daß daran kein wahres Wort ist und beklagen es nicht einmal, daß die politische Presse sich mit dem Judentum nur insoweit beschäftigt, als es sich um allgemein politische Interessen handelt. Wir finden in der Regel gerade unter jüdischen Publizisten