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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-01 · 44 (1.11.1895) · p. Seite 715

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
44 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
Seite 715 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 44. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 715. Wochen-(Lhronik. Berlin, den 30. Oktober. * Berliner Nachrichten. Der Wahlkampf innerhalb der jüdischen Gemeinde hat sich nun voll entfaltet; scharf stehen die Parteien gegenüber und laut platzen die Geister aufeinander. Auf der einen Seite die gemäßigt fortschrittliche Richtung, die, ohne aller Refornr Feind zu dem Judentum seine jüdische Eigenart bewahren will; aus der andern die offenen und versteckten Anhänger der Reformgemeinde, die außer dem Schema alles Jüdische abstreifen will. Jene Richtung kämpft durch unser Blatt, diese durch Flugblätter. Beide Parteien halten allwöchentlich große Versammlungen ab, die relativ gut besucht sind. Eine Repräsentantenwahl und eine gleiche Agitation in jedem Jahre, und aus der jüdisch-gemeindlichen Ruine würde vielleicht neues Leben erblühen. — Auch Einer. Zu Propagandazwecken wird unser Blatt, wie unsere Leser wissen, seit einiger Zeit an alle Mitglieder der Berliner jüdischen Gemeinde versandt. Die Adressen sind ausnahmslos der offiziellen Gemeindemitgliederliste entnommen. Diesem Umstande hat der Herausgeber eine Zuschrift — offene Postkarte — zu danken, die vom 28. Oktober datiert ist und wörtlich folgenden Inhalt hat: a) Vorderseite: „An den Juden HerrnA. Levin, Herausgeber der jüdischen Zeitschrift Jeschurun, Redaktion und Verlag in Berlin, Gr. Haniburgerstraße 21." b) Rückseite: „An den Iud en Herrn A. Levin, Berlin. Herausgeber der israel. Zeitschrift „Jeschurun", Redaktion und Verlag Gr. Hamburgerstr. 21. Hochgeehrter Herr! Ersuche freundlichst in Zukunft mit Zusendungen von Zeitschriften 2c., welche das Judentum betreffen, mich verschonen zu wollen, da ich nicht die Ehre habe, mich zu Ihren Glaubensgenossen zu bekennen. Ehe Sie Ihre Zeitung re. jedermann zuschicken, wäre es wohl angebracht, sich zu erkundigen, ob er auch Ihr Glaubensgenosse ist oder nicht. Ergebenst Prof. Tr. H. Oppenheim, Berlin, Blumeshof 1." Herr Professor Oppenheim hat in der That nicht mehr die Ehre, unser Glaubensgenosse zu sein. Er hat sich der Dause unterzogen. Lange kanr^ seine Bekehrung nicht zurückliegen, denn er zahlt noch Steuern zur jüdischen Gemeinde und _ wird demgemäß in ihren Registern geführt. Herr Professor Oppenheim ist Nervenarzt und hat eine ausgebreitete jüdische Klientel. Die Unterschrift auf der Postkarte ist nicht handschriftlich vollzogen, sondern durch einen Blaustempel ersetzt. Wir missen deshalb nicht, ob die Karte von Herrn Professor Oppenheim selbst herrührt oder von einem anderen. Ist letzteres der Fall, so würden wir den betreffenden Herrn Professor Oppenheim zur Behandlung empfehlen; ist aber die Karte des Herrn Professor Oppenheim eigenes Werk, so müssen wir den Genannten — sich selbst überlassen. — Der christliche Staat. Unsere intimen Feinde werfen mit dem Losungsworte „christlicher Staat" nach berühmtem Muster um sich und ziehen den Schluß, daß die Juden Bürger eines solchen Staates unmöglich sein dürfen. Diese hohle Phrase charakterisiert Franz Grillparzer folgendermaßen (sämtliche Werke, Bd. 12, S. 60): „Wenn man nur vom christlichen Staate spricht, so möchte ich die Gewalthaber fragen: wenn man euch einen Backenstreich giebt, haltet ihr die andere Wange hin? Liebt ihr eure Feinde oder schlagt ihr sie nicht vielmehr tot? Setzt ihr euren Vorteil dem eurer Nächsten (der benachbarten Völker) nach? Erlaubt ihr nicht dem reichen Gläubiger, den armen Schuldner auszupfänden, wenn er dessen Handschrift in Händen hat? Gebt ihr den Dürftigen oder fordert ihr^nicht vielmehr Steuern von ihnen? Wenn ihr nun als Staat gerade das Gegenteil von dem thut, was das Christentum lehrt, wie könnt ihr ein christlicher Staat sein? Die^Einzelnen mögen, können und sollen Christen sein, der Staat ist keine christliche, sondern eine weltliche, auf das starre Recht und den Nutzen gerichtete Anstalt. Er ist nur insofern christlich, als dieses mit dem menschlichen zusammentrifft." — Der evangelische Staat ist in unfern Augen ebenso unmöglich wie der allgemein christliche Staat. Erst unlängst hat es auf dem Kongreß für innere Mission der orthodoxe und hochkonservative Kirchenrechtslehrer und Dr. theol. Sohm in Leipzig ausgesprochen, daß das Christentum sich den speziellen Aufgaben des Staates gegenüber neutral verhalte. „Weg mit dem christlichen Staat!" rief der berühmte Rechtslehrer aus. Am 2. d. M. tagte in Potsdam der „Deutsche Evangelische Schulkongreß", ein seit 1882 bestehender Verein zur Dienstbarmachung der Schule für evangelisch-kirchliche Zwecke. Bei diesem Kongreß nahm als Vertreter des Unterrichtsministers Regierungs-Schulrat Boeckler das Wort zu einer Ansprache, in der er sagte: „Es darf die Staatsregierung für ihre Ausgaben in der Regelung der Volkserziehung und Schulverwaltung vom Kongreß reiche Anregung erwarten. Nicht nur die Kirche, sondern auch der Staat leidet unter den Versäumnissen der Jugend-Erziehung. Der Staat hat nicht die geringste Veranlassung, aus dem Bekenntnis der evangelischen Kirche heraus der Kirche irgend welches Mißtrauen entgegenzubringen; im Gegenteil, mit der Kirche hat er seine Aufgaben zu lösen. Vor dem Ehret den König! stehet das Fürchtet Gott! Nur lebendige Gottesfurcht, nur evangelisches Christentum erzieht dem Staat Bürger, wie er sie braucht, die erfreut sind von der freudigen Vaterlandsliebe, die Sinn für Recht, Gesetz und Ordnung haben." Wenn es richtig wäre, daß nur evangelische Staatsbürger solche sind, die den höchsten staatlichen Anforderungen zu genügen vermögen, was sollten dazu die vielen Millionen Katholiken sagen, was wir andern, die wir nicht Christen siud? Nein, der Staat ist eine rechtliche Justitution, aber kein theologischer Begriff. — Militär-Verein. Die Damen des Militär- und Sanitätsvereins „Deutsches Vaterland" veranstalten am 2. November abends 9 Uhr in den neuen Prachtsälen des Etablissements „Deutscher Hof" (Luckauerstraße 15, nahe Moritzplatz) eine Theater-Aufttthrung, verbunden mit Konzert, Soiree und Tanz. Ein Eintrittsgeld von 50 Pfg. wird zum besten des Jnvaliden-Unterstützungs- und Fahnenfonds des Vereins erhoben. — Stimmt! In einem beachtenswerten Aufsatze „Wir drängen zur Hierarchie hin" schreibt Herr Dr. Simon Stern in der Jüd. Chronik: „Wir sind geradezu hypnotisiert vom Antisemitismus und der größte Schaden, den der Antisemitismus anrichten könnte, wäre der, daß wir über die Juden das Judentum vergäßen. Der Antisemitismus wird vorübergehen wie jeder epidemische Wahnsinn, aber das Judentum wird verkümmern, wenn wir nicht an seine Kräftigung denken." — Das entspricht vollkommen der Anschauung, die wir stets vertreten, zeichnet treffend Zustände, denen wir allezeit entgegengearbeitet haben. Freilich wurden und werden wir nicht immer verstanden. — Krankenhaus. Nachdem ein Teil des Hinterlandes des Schwesternhauses des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen dem Krankenhausgrundstück der jüdischen Gemeinde hinzugesügt worden .ist, hat, der Garten desselben

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